Frauen-DFB-Pokalfinale

Champions-League-Trainer arbeitet ehrenamtlich

Potsdams Meistercoach Bernd Schröder ist ein Unikum im Frauenfußball und seit 41 Jahren im Klub. Vor dem Pokalfinale gegen Frankfurt träumt er vom Tripel.

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Neulich war Bernd Schröder (68) schon mal ganz nah dran an der Anerkennung, die er längst verdient hätte. Aber dran ist nicht drin, so simpel wie der Fußball ist auch das Leben, immerhin, er war bemerkt worden, was eigentlich selten bis nie vorkommt.

Da saß er also, ein bisschen nervös, in Zürich wurde im Januar erstmals der Fifa-Trainer des Jahres gekürt, Joachim Löw ging mit WM Platz drei ins Rennen, zwei Reihen vor ihm, schau an, das ist doch dieser Mourinho, Schröder lächelte bei seinem Gedanken, er dachte dem Trainer von Real Madrid ein Schild ans Revers: „11 Millionen“, in Euro ist das dessen Jahresgehalt. Und er, der mit Turbine Potsdam die Champions League gewonnen hat und die deutsche Meisterschaft dazu, er fühlte sich doch wieder fehl am Platz, das hier, das war nicht seine Welt. Nichts am Revers, gar nichts, null, ob Mourinho das Wort überhaupt schon mal gehört hat, wahrscheinlich nicht: ehrenamtlich. Bernd Schröder arbeitet in Potsdam für lau. Und das schon seit 41 Jahren.

Und er will es auch nicht anders. „Was auch passiert, mir kann keiner was vom Gehalt abziehen, ich habe gar keins.“ Und doch, nach Zürich will er nächstes Mal zurückkehren, vielleicht wird man dann gar nicht an ihm vorbei kommen können, denn kurz vor Feierabend dieser Saison will er noch das Optimum herausholen: Deutscher Meister ist er schon mit dem „Ersten Frauenfußballclub Turbine Potsdam 71 e.v.“, in der Champions League hat er durch ein 6:2 am vorigen Mittwoch gegen den französischen Meisterschaftszweiten FCF Juvisy Essonne das Halbfinale erreicht.

Leider wird dort am 10. und 17. April ein deutscher Klub der Gegner sein, doch der FCR Duisburg wird auf dem Weg zum Finale in London nicht wirklich stören. Und Samstag (16.15 Uhr, ARD), steht im Kölner Stadion das Pokalfinale gegen den 1. FFC Frankfurt an. „Das Tripel wäre ein Traum“, sagt Schröder, ansonsten des Träumens völlig unverdächtig. Einen ähnlich klaren, geraden Charakter wird man kaum finden im deutschen Fußball.

Einen Mann, der allen Versuchungen getrotzt hat und trotzdem alles erreichte. In seiner Welt, die eine andere ist. Die er pflegt und beschützt und am Leben hält, denn so furchtbar viel hat sich in Potsdam nicht geändert seit der Wiedervereinigung, die für Schröder keine große Wende bedeutete. Der Name blieb erhalten, Turbine ging aus der Betriebssportgemeinschaft der VEB Energieversorgung hervor, gespielt wird nach wie vor im Karl-Liebknecht-Stadion, Liebknecht war Mitbegründer des Spartakusbundes und der Deutschen Kommunistischen Partei.

Schröder sagt, er sei in keiner politischen Partei aber Linksdemokrat, er hat nach der Wende seine Freunde nicht gewechselt, sein Umfeld, seinen Beruf. Unverändert bewohnt er eine Zweieinhalbzimmerwohnung im Plattenbau, vierter Stock ohne Aufzug, mit dem Alter will er sich vielleicht doch mal nach einer Parterrewohnung umschauen. Schröder erzählt viel und gerne von den zwei Gesellschaftsordnungen, in denen er groß geworden sei. Dass ihm die ersten 20 Jahre näher waren, mehr entsprachen, daraus macht er kein Geheimnis. Er hat seine Freunde behalten, die meisten seiner Nachbarn, Matthias Platzeck war schon sein Freund, noch eher er Ministerpräsident wurde.

Schröder war immer Trainer und er hatte für ein paar Jahre einen Job in einem Energiebetrieb, der ihm Verantwortung für 200 Mitarbeiter bedeutete. Und der Fußball? Er hätte den anderen Weg gehen können, wie Hans Meyer oder Eduard Geyer zum Beispiel, mit den beiden Kollegen oder Ex-Kollegen vergleicht er sich am ehesten, durchaus kritisch. „Meyer und ich, das ist eine unterschiedliche Meinungswelt. Der Hans hat ja jetzt einen richtigen Heiligenschein.“ Und zehn Häuser und er keins, er neidet ihm das nicht. „Meine Basis war immer die Bescheidenheit. Ich habe mir über die Jahre einen Lebensstil angewöhnt, den lege ich nicht mehr ab. Wir sind kulturell aufgestellt, mit einem hohen Grad an Ehrlichkeit, Unabhängigkeit und Freiheit. Ich war nie von jemandem von etwas abhängig, schon gar nicht vom Geld oder Anerkennung.“

Wenn er sieht, dass der Mainzer Trainer Tuchel einen Orden kriegt oder Joachim Löw das Bundesverdienstkreuz, dann lacht er laut auf, „wofür denn, für einen dritten Platz?“ Nicht, dass er auch eins möchte, „ich wüsste nicht, ob ich es annehme, wenn, dann nur für meinen Verein“. Mein Gott, Zigtausende haben schon das Bundesverdienstkreuz gekriegt, „daran hängt keine Mark und keine Besonderheit“. Nein, er will nicht mehr eintauchen in diese Welt, die auf Profit und Geldmacherei aus ist, auf Oberflächlichkeit und Falschheit.

"Für die Frauen gilt eine ganz eigene Philosophie"

Drum möchte er auch eine strikte Linie ziehen zwischen seinem Frauenfußball und den anderen. „Für die Frauen gilt eine ganz andere, eigene Philosophie. Die Psyche der Frau ist eine andere, ihre Stellung in der Gesellschaft auch.“ Darauf sei bitteschön Rücksicht zu nehmen, wenn einige immer wieder dafür plädieren, den Frauenfußball zu professionalisieren. Dazu fehle der ganze Unterbau, das System. „Meine Verantwortung geht tiefer. Ich will sie auf das Leben vorbereiten.“

Aber dann kommen die, die hier ihre große Bühne sehen, „die Berater, diese Pharisäer, diese Selbstdarsteller in den Vereinen, leider lassen sich zu viele Mädels davon beeindrucken“. DFB-Präsident Theo Zwanziger ist ihm schon lange sehr nahe, „eine echte Männerfreundschaft“, wenn also Zwanziger anfängt, anlässlich der Frauen-Weltmeisterschaft im eigenen Land vom großen Boom zu schwärmen, der zu erwarten sei, dann tritt er ihm feste auf die Füße.

„Es wird keinen Boom, geben, der Frauenfußball ist ausgereizt, das geht nicht mehr viel weiter nach oben.“ Das System sei doch so und nicht anders: „Erst wird alles hochgepuscht und dann wieder niedergeknüppelt, wenn es doch nicht so war wie erhofft. Lasst also die Kirche im Dorf, zerstört nicht diese heile Welt, seid den Mädchen Vorbild, so wie sie es verdient und nötig haben.“ Wieso sollte der Frauenfußball auch plötzlich anders daher kommen als zuvor?

Man nehme eine Gruppe Fußballer, ob männlich oder weiblich, und man habe so immer einen Querschnitt der Gesellschaft da draußen. „Wir haben die dummen und die klugen, die schönen und die hässlichen, die faulen und die strebsamen.“ Warum sollte das anders sein, nur weil sie Fußball spielen können? Schröder schützt ihre Welt wie ein Biotop, schon weil er sieht, wohin der Männerfußball tendiert. Warum denn ist er nie den Weg wie Meyer gegangen? Er mag nicht Wasser predigen und Wein saufen. „Bei denen ist es doch auch schon mindestens der Whiskey. Eine falsche Welt. Eine Welt ohne Vorbilder. Wenn ihnen 20 Millionen hingehalten werden, warum sollen sie die als Spieler nicht nehmen? Aber das ist ein gesellschaftliches Problem, das wir haben.“

"Scheinheilig, habgierig, heuchlerisch"

Geradezu entsetzt wertet Bernd Schröder die jüngste Entwicklung in der Bundesliga, „scheinheilig, habgierig, heuchlerisch“. Felix Magath, der sich bei jedem Vereinswechsel die Taschen voll macht, möglichst mehrmals, „da schüttele ich nur noch den Kopf. Wie Christoph Daum, eh nicht ein Ausbund an Ehrlichkeit, plötzlich wieder mittendrin auftaucht, wie Armin Veh in Hamburg abtaucht, was ist das für eine Scheinwelt, das ist nicht mehr Fußball, das ist Habgier und Verlogenheit, der Fußball bietet nur die Bühne dazu“.

Vor all dem will Schröder seine Mädels schützen. Ja, er sagt: „Ich bin ein Gesellschaftskritiker. Einer muss das ja sein.“ Glaubwürdiger kann einer seinen Weg kaum gehen, in der Tat, er vorneweg und möglichst viele hinterher, dann wäre er zufrieden, mehr braucht er nicht. „Ich weiß, der Hans Meyer mit seinen Häusern lacht sich kaputt darüber.“ Aber er kann gar nicht mehr anders, er will es auch nicht. 40 Jahre Turbine Potsdam, „das ist wie eine Gabe Gottes für mich“. Nicht ein Mal hat er nach einem Vertrag gefragt, es gilt bei ihm das gesprochene Wort. Zum Abschied sagt er noch: „Wissen sie was: ich bin ein Auslaufmodell, wie es auf der Welt nur noch zwei oder drei gibt.“

Wenn überhaupt.