Testspiel-Niederlage

Italiens Fußball-Revolution dauert etwas länger

Nach dem blamablen WM-Aus gab es im italienischen Fußballverband große Veränderungen. Diese wirkten nicht allerdings noch nicht sofort.

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Die Revolution begann mit einer Niederlage. Der italienische Fußballverband hatte sich aufgemacht, mit einschneidenden Veränderungen auf das blamable Vorrundenaus bei der WM in Südafrika zu reagieren. Doch die wirkten noch nicht so recht. Die Nationalmannschaft verlor den Test gegen die Elfenbeinküste 0:1 (0:0) und steht damit in diesem Jahr weiter ohne Sieg da. „Uns hat der Mut gefehlt“, sagte Cesare Prandelli.

Der Trainer aus der Lombardei ist eine Art Revolutionsführer. Prandelli kam nach der WM für den geschmähten Marcello Lippi. Der 52 Jahre alte Charismatiker soll alles neu, schöner und insbesondere besser machen. Italiens Nationalmannschaft liegt am Boden, und Prandelli soll sie wieder aufrichten. Das klingt erst einmal leicht, ist aber ein schwieriges Unterfangen. Vielleicht ist es sogar eine der größten Herausforderungen des internationalen Spitzenfußballs. Denn er hat mit strukturellen Defiziten zu kämpfen, die seine Mission extrem erschweren. Trainerlegende Arrigo Sacchi (64), der Prandelli unter anderen zur Seite gestellt wurde und künftig für die Jugendteams des Landes zuständig ist, hat es auf den Punkt gebracht: „Italien ist das Land der alten Spieler.“

Die Gerontokratie ist tatsächlich gravierend. Das Durchschnittsalter in der Serie A beträgt 27,44 Jahre – der Höchstwert in Europa nach dem der Liga Zyperns. Der AC Mailand ist mit 29,28 Jahren die älteste Mannschaft der italienischen Erstligaklubs, und allein dadurch wird deutlich, dass Talenten wenig Raum geboten wird. Mehr noch: Meist haben sie gar keine Chance, in die Profimannschaft vorstoßen zu können. Seit 2004 hat keine italienische Juniorenmannschaft mehr einen Titel gewonnen. Ihnen fehlt schlicht die Wettkampfpraxis, meist ist ihnen in ihren Klubs ein Platz auf der Ersatzbank beschieden – wenn überhaupt. Verbandsvizepräsident Demetrio Albertini, einst selbst einer der Größten des italienischen Fußballs, prangert einen weiteren Missstand an. „Nur wenige Vereine haben die nötige Infrastruktur für Nachwuchsmannschaften. Mein Appell an die Klubs lautet: Investiert in den Nachwuchsbereich“, sagt der 39-Jährige.

Nationaltrainer Prandelli kann natürlich nicht so lange warten, bis das Früchte trägt. Doch er hat mit der Zusammenstellung der Mannschaft für die Partie gegen die Elfenbeinküste schon klar gestellt, was in Zukunft zu erwarten sein wird: Die Jugend wird Vorrang haben. Sein Vorgänger Lippi hatte noch bei der WM auf ältere Semester gebaut, Prandelli schickte die meisten von ihnen in Rente. Er hatte nur noch neun Spieler berufen, die in Südafrika dabei waren und nominierte gleich zehn Debütanten. Bei der WM war die Mannschaft im Schnitt 28,9 Jahre alt, nun sind es gerade mal 25,7 Jahre.

Selbst vor höchst unbequemen Charakteren machte er da nicht halt. Lippi verzichtete beharrlich auf die hoch veranlagten Mario Balotelli (19), Antonio Cassano (28) und Amauri (30), Prandelli dagegen baut auf sie. Balotelli ist einer, der wenig Disziplin mit großem Können vereint. Er wurde gerade auffällig, weil sein Wechsel von Inter Mailand zu Manchester City ins Stocken geraten ist: Er soll ein Gehalt von 217?000 Euro fordern – pro Woche. Den unberechenbaren Cassano beschrieb der „Spiegel“ mal treffend als „Kobold auf Ecstasy“, und Amauri wurde von Lippi links liegen gelassen, weil der Brasilianer erst im April die italienische Staatsbürgerschaft bekommen hatte und der Trainer stets gebürtigen Italienern den Vorzug gab. Prandelli ist da pragmatischer, die Not ist groß.

Um sie zu lindern wurden ihm Legenden zur Seite gestellt, die mit ihrer Ausstrahlung die Jugend beeindrucken und mit ihren Konzepten die Revolution befeuern sollen. Gianni Rivera (67), der Star aus den 70er-Jahren, soll sich um die Nachwuchsförderung kümmern. Roberto Baggio (43) wurde zum Technischen Direktor ernannt und offenbarte dem Fernsehsender Rai Uno einen Traum. Er male sich aus, sinnierte Baggio, dass Italien in der Lage sei, große Talente zu kultivieren.

Baggio bekommt für seine Arbeit kein Gehalt, was der Verband stets betont. In erster Linie ist das eine raffinierte Symbolik mit eindeutiger Botschaft: Sie soll den Jungen klar machen, dass es nichts Ehrenwerteres gibt, als sich in den Dienst der Nationalmannschaft zu stellen.