Amerell gegen Kempter

"Nach Spielen hat er sich vor mir sexuell produziert"

Der Zivilprozess zwischen Amerell und Kempter bietet ein unappetitliches Schauspiel. Es geht um Vorwürfe wie Zungenküsse, Stalking und Inzucht.

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Ein solches Medienaufkommen hatte das idyllische Hechingen zuletzt vor 20 Jahren erlebt. Damals erklomm die nationale Presse die Hohenzollernburg, um von der Umsetzung zweier Särge zu berichten. Friedrich-Wilhelm I. und Friedrich der Große traten im Jahr nach der Wiedervereinigung ihre letzte Reise an. Zurück nach Potsdam.

Der Grund des Aufruhrs am Donnerstag war weitaus weniger königlich. Eher geschmacklos. Im gut gefüllten Saal 168 des Landgerichts begann der Zivilprozess zwischen Manfred Amerell und Michael Kempter. Ersterer wirft Letzterem Verleumdung und üble Nachrede vor, was er sich mit 150.000 Euro Schmerzensgeld bezahlen lassen will.

Der nächste Akt in dem Drama zwischen dem ehemaligen Schiedsrichterobmann des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und dem jungen Schiedsrichter geriet zu der erwarteten Schlammschlacht. Allein das Thema ließ dies vermuten: In dem Prozess geht es darum herauszufinden, ob die intimen Kontakte zwischen beiden im Einvernehmen oder unter Druck Amerells zustande kamen.

Mit diesem Vorwurf wandte sich Kempter vor einem Jahr an den DFB und löste damit einen der unappetitlichsten Skandale der deutschen Fußballgeschichte aus. Amerell soll seine Position ausgenutzt und sich junge Schiedsrichter sexuell gefügig gemacht haben. Der 63-Jährige bestreitet dies. Mehr noch: In Hechingen versuchte er, die Rollen zu vertauschen. Laut seiner Darstellung sei es der heute 28-jährige Kempter gewesen, der eine Beziehung eingehen wollte.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Alexander Meinhof, wann sich die beiden intensiv kennen gelernt hätten, beschrieb Kempter eine Szene aus dem Jahr 2001. Damals sei er 18 Jahre alt gewesen und auf einen Schiedsrichterlehrgang in Barsinghausen eingeladen worden. Amerell, der mittlerweile sein Hotel in Augsburg aufgegeben hat, habe ihn auf sein Zimmer gerufen und ihm zum bestandenen Test gratuliert: „Er hat mich umarmt und mir einen Kuss auf den Mund gegeben. Wir saßen auf der Couch, und er hat mir den Oberschenkel gestreift. Ich wusste das gar nicht einzuordnen.“

Amerell widersprach vehement: „Das ist unwahr. Wir waren nie auf dem Zimmer. In der Sportschule steht gar keine Couch. Ich habe ihn bei keinem Lehrgang berührt.“ Vielmehr habe sich die Beziehung erst über die Jahre intensiviert. Dies ging laut Amerell keineswegs von ihm aus: „Ich habe ihn nie belästigt. Er hat den Kontakt zu mir gesucht. Das war Stalking. Nach Spielen hat er sich in der Kabine vor mir sexuell produziert.“

Kempters E-Mails zitiert

So geriet die komplette Verhandlung zu einem Schlagabtausch, in dem permanent Aussage gegen Aussage stand. Kempter gab an, nach Spielen von Amerell oft mit dem Auto abgeholt worden zu sein. Dort habe ihn der ehemalige Mentor begrapscht: „Er begann immer an den Knien und dann weiter nach oben. Es war nicht mehr zum Aushalten.“ Amerell entgegnete entrüstet, niemals mit dem jungen Mann nach Spielen in einem Wagen gesessen zu haben. Er rief: „Stimmt alles nicht.“

Christoph Schickhardt, Kempters Anwalt, der die vielen Liebschaften Amerells mit dem Fall Jörg Kachelmann verglich, konterte: „Sagen Sie doch einmal die Wahrheit!“ Die Diskussion schloss Amerell-Anwalt Lutz Paproth: „Das ist doch alles Kasperletheater.“

Um seine These von der gesuchten Nähe des jungen Mannes zu stützen, zitierte Amerell ausgiebig aus E-Mails Kempters. Dies war ihm gerichtlich verboten worden, für diesen Prozess hob der Richter das Urteil aber auf. Und so verlas Amerell Sätze wie „Hey, Manni, die wahre Liebe gehört uns.“ Oder: „Ich bin froh, dass ich dich habe.“ Eine andere Mail rückte den jungen Schiedsrichter, der seine bisher letzte Partie am 10. April 2010 in der Dritten Liga leitete, sogar in die Nähe der Inzucht.

"Wir sind beide tot“

Kempter hingegen erklärte, "die ständigen sexuellen Annäherungen von ihm“ seien „nicht mehr auszuhalten gewesen“. So sei es im Mai 2008 zu einem Vorfall in einem Kölner Hotel gekommen: „Wir waren im Hotelaufzug in den vierten Stock. Plötzlich hat Amerell mich gedrückt und umarmt. Er hat seine eklige Zunge in meinen Mund gesteckt.“

Am frühen Nachmittag hatte der Richter dann genug gehört. Er entschied, dass die Fortsetzung des Prozesses im schriftlichen Verfahren stattfinden soll. Demnach haben beide Parteien bis zum 14.?März Zeit, weitere Schriftsätze einzureichen. Das Landgericht wird eine Entscheidung am 18. April, 11 Uhr, verkünden. Möglich ist eine Urteilsverkündung, aber auch die Fortsetzung des Verfahrens. Schickhardt sieht seinen Mandanten Kempter in der besseren Position. „Entweder das Ganze wird beendet, oder wir gewinnen“, sagte der Anwalt: „Das erklärte Ziel ist es, dass der junge Schiedsrichter in ein paar Jahren wieder ganz oben pfeift.“ Ob es überhaupt zu einem Comeback kommen wird, will die Schiedsrichterkommission um den Vorsitzenden Herbert Fandel nach Prozessende entscheiden. Es könnte mehr eine juristische denn eine moralische Entscheidung werden. Will Kempter nach einem eventuellen gewonnenen Prozess zurückkehren, gäbe es kaum eine rechtliche Handhabe, die zu verhindern.

Der letzte Satz soll Manfred Amerell gehören. Erstens, weil er garantiert ehrlich war, und das war an diesem Tag selten. Zweitens, weil er doch noch eine Gemeinsamkeit mit den beiden Preußen-Königen nachwies. Amerell sagte über sich und Kempter: „Wir sind beide tot.“