Trainerkarussell

Warum Neururer und Co. keine Chance bekommen

Trainer-Ringelpiez in der Bundesliga: Nur die üblichen Verdächtigen sind weiterhin außen vor. Die meisten Vereine setzen auf frische Gesichter.

Am Freitag steigt in Oberhausen eine große Party, und Peter Neururer ist dabei. Ehrensache. Er ist schließlich Mitglied bei den „Gofus“, den Golf spielenden Fußballern, die ihr zehnjähriges Jubiläum feiern. Und Zeit hat der Fußballtrainer ohnehin: Seine bislang letzte Anstellung verlor er im Oktober 2009. Damals wurde er beim Zweitligaklub MSV Duisburg entlassen. Seither sucht er.

Dass Neururer nichts findet, ist bei diesem überwältigenden Stellenangebot kein gutes Zeichen. Schalke 04, VfL Wolfsburg, SC Freiburg, FC Bayern, Eintracht Frankfurt, Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, Hamburger SV – acht von 18 Bundesligaklubs sind oder waren dieser Tage gewillt, einen neuen Übungsleiter unter Vertrag zu nehmen. Jeden Tag eine neue Entlassung, jeden Tag ein neuer erster Arbeitstag. Am Mittwoch erst machte Christoph Daum seine Aufwartung bei Eintracht Frankfurt. Begleitet von 50 Fotografen und zehn Kamerateams. Das hessische Fernsehen übertrug das anschließende Training live.

So etwas gab es nicht, als Neururer noch eine große Nummer war. 15 Vereine hat der 55-Jährige in seiner Laufbahn trainiert. Wann der 16. dazu kommt? Schulterzucken. Die aktuelle Trainersuche der Bundesliga läuft an Neururer vorbei. Er ist nicht mehr gefragt.

Allein ist er mit diesem Schicksal nicht. Mit Klaus Toppmöller, Thomas Doll oder Frank Pagelsdorf scheitern auch andere prominente Trainer an den Türstehern der Bundesliga. Geschlossene Gesellschaft. Ralf Rangnick wechselt von Hoffenheim nach Schalke, Felix Magath von Schalke nach Wolfsburg, Robin Dutt von Freiburg nach Leverkusen und Jupp Heynckes wohl von Leverkusen nach München. „Ich will unbedingt in Deutschland arbeiten. Derzeit aber werden die Trainerjobs untereinander aufgeteilt“, stöhnt Neururer.

Und wer einen Neuen holt, setzt oft auf frische Gesichter, hat Horst Zingraf festgestellt. Er ist Präsident des Bundes Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL), in dem 4300 Trainer organisiert sind. „Viele Vereine haben inzwischen den Mut auf junge Trainer zu setzen“, sagt Zingraf, „vor 10, 15 Jahren war das anders – da gab es ein Karussell der Etablierten. Jetzt gibt es eine größere Durchlässigkeit von unten.“ So darf sich in Freiburg Juniorentrainer Marcus Sorg kommende Saison bei den Großen versuchen. In Hoffenheim folgte auf Rangnick Co-Trainer Marco Pezzaiuoli. Laut Zingraf seien solche Entscheidungen auch das Ergebnis einer jüngeren Managergeneration.

Da Neururer („Auf eine gewisse Weise sind wir alle Söldner“) nicht im Ausland arbeiten mag, muss er warten. Er besucht pro Wochenende drei Fußballspiele, hält den Kontakt zu Trainern oder Spielern, liest intensiv die Fachpresse. Kürzlich ist er nach Spanien gereist, um „bei Real Madrid reinzuschauen“. Mehr kann er kaum tun. Zwar gibt es beim BDFL eine Datenbank, in der sich jeder Trainer mit seinen Fähigkeiten und Vorzügen registrieren lassen kann. Aber das ist eher etwas für kleinere und exotischere Jobs. In der obersten Liga gelten Initiativbewerbungen als Zeichen von Schwäche. Wer öffentlich für einen freien Posten den Finger hebt („Noch gibt es keinen Kontakt, aber meine Handynummer ist ja bekannt“), hat schon keine Chance mehr. Neururer drückt es so aus: „In unserem Job kannst nicht nach einer Stelle suchen, du wirst gefunden.“

Jürgen Röber hat sich dieser Warterei entzogen. Auch der 57-Jährige, einst lange Jahre erfolgreich bei Hertha BSC, verließ vor einigen Jahren den Blickwinkel der Bundesliga-Entscheider. Hoch angesehen war er nach Wolfsburg gekommen und gescheitert. Als auch in Dortmund der Erfolg ausblieb, war Röber gebrandmarkt. Ein Fehltritt wird in der Branche verziehen, ein zweiter maximal, wenn der Trainer mit Titeln dekoriert ist. Bruno Labbadia ist ein aktuelles Beispiel. Noch vor zwei Jahren galt er als Mann mit glänzender Perspektive. Dann verließ er Leverkusen im Streit, bewährte sich nicht in Hamburg und kämpft nun in Stuttgart gegen den endgültigen Karriereknick.

Röber hat keine Lust mehr zu kämpfen. „Ich habe mich bewusst etwas aus dem Trainergeschäft zurückgezogen, denn ich möchte das in dieser Form auch nicht mehr machen“, sagt er. Höchstens bei einem reizvollen Auslandsangebot oder als Sportdirektor würde er noch einmal anfangen: „Ich genieße jetzt endlich auch mal meine Freizeit, die ich ja als Trainer nie hatte.“ Auch Röber spielt gern Golf und dürfte genug verdient haben, dass er seinem Hobby noch lange sorgenfrei nachgehen kann.

Neururer aber will noch mal runter vom Abschlag. Schließlich gibt es ja nicht nur Nachwuchstrainer in der Liga. Daum etwa ist genau wie Magath 57, und der 65-jährige Heynckes ist nach zwei Jahren Pause auch wieder im Geschäft. Und noch haben ja nicht alle Profiklubs ihren Trainer getauscht. „In der Not“, glaubt Neururer, „wird ein Verein nie auf Anfänger setzen.“