Gerechtes Remis

Wieder kein DFB-Sieg gegen Angstgegner Italien

Die deutsche Nationalelf ist mit einem Unentschieden ins Jahr 2011 gestartet. Dabei verspielte das Löw-Team eine Führung gegen die Squadra Azzurra.

Revanche verpasst, wieder nicht gegen Angstgegner Italien gewonnen: Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft trennte sich gestern in Dortmund 1:1 (1:0) vom viermaligen Weltmeister und wartet damit seit nun 16 Jahren auf einen Sieg gegen die Squadra Azzurra. Miroslav Klose (16.) hatte das DFB-Team in Führung geschossen, Giuseppe Rossi gelang noch der Ausgleich (81.). „Das Tempo, das wir anfangs phasenweise hatten, haben wir nicht über 90 Minuten umsetzen können, wie wir uns das vorgenommen hatten. In der zweiten Halbzeit haben wir es auch ein bisschen versäumt, so viel zu investieren, dass wir das 2:0 machen“, urteilte Bundestrainer Joachim Löw.

Auch die Spieler waren nicht ganz zufrieden. „Es war sicher nicht perfekt“, befand der Dortmunder Mats Hummels. Und Bastian Schweinsteiger fügte an: „Auf dem Platz konnten wir unsere Offensivstärken nicht so ausspielen. Wir sind eine Mannschaft, die von Technik und Schnelligkeit lebt. Das konnten wir dann nicht zeigen.“„Wir können zufrieden sein mit dem Ergebnis, aber wir wissen, dass wir besser spielen können“, meinte Miroslav Klose, der seinen 59. Länderspieltreffer erzielte.

„Wir haben in der ersten Halbzeit sehr gut gespielt. Wir können zufrieden sein mit der Leistung, hätten aber alle gerne gewonnen. Ich sammele mit jeder Minute Erfahrung und genieße es, in der Mannschaft zu spielen“, so Mario Götze. Italiens Coach Cesare Prandelli: „Es war ein sehr gutes Spiel meiner Mannschaft. Das war die beste Leistung seit meinem Amtsantritt. Wir haben gegen eine der besten Mannschaften der Welt gespielt und uns sehr gut geschlagen. Wir haben von Anfang an versucht, Druck zu machen und ein Tor zu erzielen. Noch sind wir zwar nicht auf einer Höhe mit der deutschen Elf, aber wir konnten den Abstand verringern.

Schon lange nicht mehr war die Jahreszahl des größten Fußballfestes in Deutschland so oft gefallen wie vor diesem Länderspiel. 2006, immer wieder 2006, als ob da immer noch ein Stachel im Fleisch stecken würde oder zumindest eine schlecht verheilte Wunde schmerzt. Vor fünf Jahren beendete Italien im Halbfinale mit zwei Toren das deutsche Sommermärchen, und an gleicher Stelle trafen die ewigen Rivalen erneut aufeinander.

Doch es hatte sich viel getan seit jenem legendären Sommer, als Deutschland seine Leichtigkeit entdeckte und die Liebe zur eigenen Mannschaft wieder aufflammte wie das Flutlicht gestern Abend in Dortmund. Im Tor vor der legendären Südtribüne waren die Bälle der Italiener damals eingeschlagen, und im Endspiel hatten sie dann Frankreich im Elfmeterschießen niedergerungen. Danach ging es abwärts, bis die stolze Squadra Azzurra im vergangenen Sommer in Südafrika als Gruppenletzter der Vorrunde abreisen musste. Deutschland wurde wie schon vier Jahre zuvor Dritter, begeisterte die Welt allerdings mit grandiosem Offensivfußball.

Die Vorzeichen hatten sich also umgekehrt, und der ewige Außenseiter Deutschland, der nur sieben von 29 Duellen gewinnen konnte, durfte sich berechtigte Hoffnungen machen, die Statistik wenigstens ein wenig aufzuhübschen. Dass wie schon bei der vergangenen Partie gegen die Italiener erneut in Dortmund gespielt wurde, hatte etwas von Yin und Yang: Am Ort der bittersten Niederlage und zugleich der Heimstätte des neuen deutschen Fußballwunders, wo die Bubis von Borussia Dortmund regelmäßig gemäß ihres nationalen Vorbildes dem Jugendkult frönen.

Fünf der BVB-Jünger hatte Bundestrainer Löw zum Heimspiel gebeten, allerdings keinen in die Startformation berufen. Das spricht allerdings für den Bundestrainer, der abseits allen populistischen Denkens jenem Stammpersonal vertraute, das sich in Südafrika sein Vertrauen erworben hatte. Lediglich in der Innenverteidigung variierte er und ließ Holger Badstuber statt Arne Friedrich auflaufen. Der ehemalige Herthaner fehlte seinem neuen Arbeitgeber VfL Wolfsburg allerdings auch wegen einer Operation an der Bandscheibe in der gesamten Hinrunde.

Und Löw sollte nicht enttäuscht werden. Nachdem die Italiener in der ersten Viertelstunde durchaus gewillt schienen, zumindest in Ansätzen Abbitte bei den eigenen Fans zu leisten, wurden sie in der 16. Minute von einem deutschen Geniestreich überrascht. Mesut Özil bekam den Ball auf der halbrechten Seite und leitete ihn so blitzartig mit der Hacke in den Strafraum, dass die sonst so stabile Abwehr der Südländer sich auftat wie eine Flügeltür. Thomas Müller trat ein, doch statt abzuschließen, wie es ihm die 60.000 Zuschauer (oder zumindest die deutschen Fans) zuriefen, legte er quer in die Mitte, wo Miroslav Klose den Ball an Torwart Gianluigi Buffon vorbei ins Tor bugsierte. Ein Spielzug wie aus Jogis Zauberfibel.

Es blieb allerdings der einzige magische Moment vor der Pause. Das lag zum einen daran, dass Italien nach wie vor eine ernst zu nehmende Fußballmannschaft stellt. Und zum anderen übertrieben es die Deutschen dann doch mitunter mit den Spielereien. So versuchte sich Thomas Müller in der 39. Minute nach einem Konter in einem komplizierten Steilpass, statt einfach quer zum heraneilenden Schweinsteiger zu spielen. Und die Gäste? Daniele de Rossi traktierte in der 37. Minute die Fäuste von Torwart Manuel Neuer mit einem Scharfschuss.

Ansonsten bestand die italienische Taktik vorwiegend darin, theatralisch und unberechtigt Elfmeter einzufordern – allein vor dem Seitenwechsel viermal. Nach der Pause wurde es zäh, was bei einem Testspiel des Öfteren zu beobachten ist. Immerhin brachte Löw mit der Einwechslung des Dortmunders Mario Götze noch einmal Stimmung auf die Tribüne, die mit 60.000 Zuschauern nicht ganz ausverkauft war.

Die deutschen Fans erfreuten sich am Spielstand, während die italienischen Gäste immerhin noch den Ausgleich bejubeln konnten. In der 81. Minute entwischte Giuseppe Rossi seinem Bewacher Per Mertesacker. Während Manuel Neuer den ersten Schuss aus Nahdistanz noch abwehren konnte, war er beim Nachschuss chancenlos. Der Ausgleich war verdient und pädagogisch wertvoll. Die deutsche Mannschaft wird lernen müssen, Spiele auch über 90 Minuten ernst zu nehmen.