Dritte Liga

Berlin erstmals seit 2009 dabei

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Horst Bläsig
Symbolbild

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Foto: Maurizio Gambarini / FFS

Mit dem FC Viktoria 89 bereichert ein deutscher Altmeister die 14. Saison der 3. Liga

Berlin. Zwölf Jahre lang fehlte Berlin auf der Landkarte der 3. Liga. Nach dem Aufstieg des 1. FC Union in der Premierensaison 2008/09 spielt ab dem kommenden Sonntag mit dem FC Viktoria 89 erstmals wieder ein Hauptstadtklub um Punkte in der 3. Profiliga.

Kuriose Parallele: Wie Union am 16. Mai 2009 im letzten Heimspiel gegen Rot-Weiß Erfurt (1:1) – und damals während der gesamten Saison wegen des Umbaus der Alten Försterei – trägt auch Viktoria – in Ermangelung einer drittligatauglichen Spielstätte – ihre Heimspiele im Ausweichquartier Jahn-Sportpark aus.

Die Fanbasis muss sich Viktoria 89 noch erarbeiten

Es dürfte die einzige Parallele sein. Denn im Gegensatz zu den Eisernen mit ihrer jahrzehntelangen Erfahrung im Spitzenfußball und ihrer festen Verwurzelung in Köpenick sind die Himmelblauen auf gesamtdeutscher Ebene ein absoluter Neuling, der weder in seinen Heimatkiezen Tempelhof und Lichterfelde noch in seinem „Exil“ Prenzlauer Berg über eine nennenswerte Fanbasis verfügt. Die muss sich Viktoria erst noch erarbeiten, was wohl nur über den sportlichen Erfolg geht.

Man darf also gespannt sein, ob sich Viktoria als dritte Kraft im Berliner Profifußball etablieren kann. Die Neugier und das Interesse des Berliner Publikums hat die Mannschaft von Trainer Benedetto Muzzicato allemal verdient. Genauso wie Geduld, denn für den deutschen Altmeister von 1908 und 1911 kann es in der ersten Drittliga-Saison einzig und allein darum gehen, vier Konkurrenten hinter sich zu lassen und so die Klasse zu halten. Alles andere wäre mit Blick auf die künftigen Gegner vermessen.

Gegner gehen mit anderen Voraussetzungen an den Start

Die können sich wie die sechs ehemaligen Bundesligisten 1. FC Kaiserslautern (44 Jahre), MSV Duisburg (28), Eintracht Braunschweig (21), TSV 1860 München (20), Waldhof Mannheim (7) und 1. FC Saarbrücken (5) zwar für den Ruhm vergangener Tage auch nichts kaufen, gehen aber mit ganz anderen Voraussetzungen und Möglichkeiten in die 14. Saison der 3. Liga als die diesjährigen Aufsteiger Viktoria und TSV Havelse.

Denen haben, bedingt durch Pandemie, Lockdown und Saisonabbruch, jeweils gerade mal elf Spiele zum Sprung in die 3. Liga gereicht. Während Havelse sich mit Bayern-Vertreter Schweinfurt 05 um den letzten freien Platz im 20er Feld duellieren musste, wurde Viktoria vom nordostdeutschen Verband – nach elf Siegen aus elf absolvierten Runden – zum Aufsteiger erklärt.

Zum Vergleich: Die beiden anderen Neulinge, Borussia Dortmund II und SC Freiburg II, mussten in ihren Regionalligen ein komplettes Mammut-Programm von 40 (West) beziehungsweise 42 Runden (Südwest) absolvieren, um sich für die 3. Liga zu qualifizieren. Die mit dem Abstieg von Vorjahresmeister Bayern München II verbundene Hoffnung, eine Drittliga-Saison könne vielleicht mal ganz ohne die unattraktiven Bundesliga-Reserven über die Bühne gehen, erfüllte sich also nicht.

Die Strahlkraft der 3. Liga leidet unter den Zweitmannschaften

Höchste Zeit, dass den zweiten Mannschaften der DFLKlubs endlich der Zugang zur 3. Liga verwehrt wird. Zumal etliche Erstligisten wie Bayer Leverkusen, Eintracht Frankfurt, Union und ab dieser Saison auch der VfL Wolfsburg von sich aus bereits auf eine U23 verzichtet haben. Für die Strahlkraft der 3. Liga und die Entwicklung des deutschen Fußballs insgesamt wäre es allemal besser gewesen, wenn beispielsweise aus dem Westen nicht Dortmund II, sondern der Tabellenzweite Rot-Weiss Essen (90 Punkte aus 40 Spielen!) hätte aufsteigen dürfen.

Doch auch so steht der 3. Liga eine höchst interessante Saison bevor, denn gerade im oberen Bereich scheint die Liga nach dem Zweitliga-Aufstieg von Dynamo Dresden, Hansa Rostock und dem FC Ingolstadt extrem ausgeglichen zu sein. Laut Trainer-Umfrage gilt 1860 München in diesem Jahr als Topfavorit, gefolgt von Zweitliga-Absteiger Eintracht Braunschweig. Zuzutrauen ist der Aufstieg aber fast einem Dutzend Klubs.

( Horst Bläsig )