Fußball-WM

Auch der König feiert: Marokko schreibt Fußball-Geschichte

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Sebastian Stiekel und Ulrike John, dpa
Marokkos Spieler jubeln nach dem Sieg über Spanien im Elfmeterschiessen.

Marokkos Spieler jubeln nach dem Sieg über Spanien im Elfmeterschiessen.

Foto: Petr David Josek/AP/dpa

Ein paar Topstars, ihre unbekannten Mitspieler und ein unerfahrener Coach: Viele afrikanische Teams sind an diesem Spannungsfeld schon gescheitert. Marokko aber steht jetzt im Viertelfinale der WM.

Doha. Irgendwann feierte sogar der König mit. Mohammed VI. von Marokko zog sich ein Trikot seiner Nationalmannschaft über und ließ sich im Auto mit offenen Fensterscheiben durch die feiernden Menschenmassen in der Hauptstadt Rabat fahren.

Dass das nordafrikanische Land zum ersten Mal bei einer Fußball-WM zu den besten acht Teams gehört, hat Menschen auf beinahe allen Kontinenten auf die Straßen getrieben. Nach dem 3:0 im Elfmeterschießen gegen den ehemaligen Weltmeister Spanien gab es Jubel in Düsseldorf und Essen, Ausschreitungen in Rotterdam und Brüssel, Autokorsos in der WM-Stadt Doha.

Regragui führt Marokko zum Erfolg

Überall auf der Welt leben Marokkaner. Und was jahrelang ein Konfliktfeld für die Nationalmannschaft war, hat ihr Trainer Walid Regragui bei diesem Turnier in Katar zu einem Erfolgsfaktor gemacht. Er formte aus vielen verschiedenen Einflüssen und Erfahrungen ein nur schwer zu schlagendes Team: Aus Spielern, die in Marokko geboren wurden - und solchen, die aus Madrid oder Leiterdorp in Südholland stammen. Aus Stars, die für große Clubs wie Bayern München oder Paris Saint-Germain spielen - und aus ihren Adjutanten von Wydad Casablanca.

„Wir wussten, dass wir heute Geschichte schreiben können. In der Halbzeitpause sagte er uns: Kämpft für euch, für eure Familien, für euer Land, für unsere Fans. Genau das haben wir getan“, sagte Kapitän Romain Saiss nach dem Sieg gegen Spanien über Regragui. Jetzt geht es am Samstag gegen Portugal (16.00 Uhr/ZDF und Magenta TV) weiter.

Wer der großen WM-Überraschung Marokko in Doha bei der täglichen Arbeit zuschaut, fragt sich nach ein paar Minuten erst einmal: Wer ist hier eigentlich der Trainer? Regragui, 47 Jahre alt und selbst geboren in einer Vorstadt von Paris, kickt beim Aufwärmspielchen mit und hält die Kamera, wenn seine Spieler eine Videobotschaft aufnehmen. Er ist immer mittendrin.

Mit dieser Nahbarkeit hat er es weit gebracht. Vor den Marokkanern erreichten bereits Ghana 2010, Senegal 2002 und Kamerun 1990 das Viertelfinale einer WM. Aber Regragui ist der erste afrikanische Trainer, der so weit kommt.

Der ehemalige Coach von Wydad Casablanca in Marokko und Al-Duhail in Katar hat sich mit den Problemen vieler afrikanischer Mannschaften bei früheren Weltmeisterschaften genau beschäftigt: Wenn Stars aus großen europäischen Clubs auf vergleichsweise unerfahrene Trainer treffen. Oder das Leistungsgefälle innerhalb eines Kaders zu einigen Spannungen führen kann.

Der ehemalige Bundesliga-Profi Arthur Boka von der Elfenbeinküste hat Journalisten vor der WM 2010 einmal erzählt: „Was glaubt ihr, wie ein Didier Drogba (FC Chelsea) auf jemanden herunterschaut, wenn er nur beim VfB Stuttgart oder Cercle Brügge spielt?“

Der Trainer spielt mit Taktik und Pathos

Regragui wurde erst zweieinhalb Monate vor WM-Beginn zum neuen marokkanischen Trainer ernannt und hat dies vom ersten Arbeitstag an zu seinem Thema gemacht. Er meinte unter anderem auch Drogbas Ivorer, als er schon nach dem ersten Spiel in Katar sagte: „So viele Mannschaften aus Afrika sind zu vergangenen WM-Turnieren gefahren, haben dort spektakulären Fußball gespielt - und waren dann schon nach zwei Spielen wieder ausgeschieden.“

Ihm und seinen Marokkanern sollte das nicht passieren. Er holte Stars wie Noussair Mazraoui (Bayern München) und Hakim Ziyech (FC Chelsea) zurück ins Team, aber er gab ihnen auch vor: „Jeder, der zur Nationalmannschaft kommt, ist bereit für Marokko zu kämpfen und zu sterben.“ Regragui selbst sieht sich da als Vorbild: „Ich bin in Frankreich geboren, aber niemand kann mir mein marokkanisches Herz nehmen.“

Bei seinen Spielern kommt diese Verbindung aus klaren taktischen Vorgaben und leidenschaftlichem Pathos offenbar gut an. Besser jedenfalls als der autoritäre Stil seines bosnischen Vorgängers Vahid Halilhodzic. „Er macht einen fantastischen Job, obwohl er dafür nicht viel Zeit hatte“, sagte der ehemalige Dortmunder Achraf Hakimi (Paris Saint-Germain) über Regragui. „Wir vertrauen ihm. Er hat aus uns eine Familie gemacht.“

( © dpa-infocom, dpa:221207-99-813706/2 (dpa) )