WM-KOLUMNE

„Eden Hazard ist mein Lieblingsspieler“

In seiner WM-Kolumne exklusiv für die Morgenpost schaut Hertha-Trainer Pal Dardai auf das WM-Finale und zieht seine Turnierbilanz.

Viel Feind, viel Ehr: Belgiens Eden Hazard (Nr. 10) behauptet sich im WM-Viertelfinale gegen gleich vier brasilianische Gegenspieler

Viel Feind, viel Ehr: Belgiens Eden Hazard (Nr. 10) behauptet sich im WM-Viertelfinale gegen gleich vier brasilianische Gegenspieler

Foto: Catherine Ivill / Getty Images

Ich freue mich auf das WM-Finale. Von der Ansetzung Frankreich gegen Kroatien bin ich nicht überrascht, weil für mich bei beiden Mannschaften die Mischung stimmt: Der Spielfluss ist gut und die Pärchen-Bildung funktioniert, denn die Teams spielen schon ­länger zusammen. Dazu haben beide mehrere Unterschiedsspieler in ihrem Kader. Wer ­damit gemeint ist, dazu später mehr.

Von England, das im Halbfinale in der Verlängerung 1:2 gegen Kroatien verloren hat, war ich nicht enttäuscht. Spielerisch war das in Ordnung, bei den Standards waren sie stark. Im Halbfinale ist England, natürlich, durch einen Freistoß-Tor von Kieran Trippier in Führung gegangen. Für das Land ­wäre es eine große Geschichte ­gewesen, zum ersten Mal seit 1966 ­wieder ein WM-Finale, und dann noch gegen Frankreich, zu erreichen.

Generation Modric überflügelt Generation Suker

Aber für Kroatien ist das Endspiel genauso eine Riesensache. Die heutige Generation mit Luka Modric und Mario Mandzukic hat nun das geschafft, was die großen Vorbilder Davor Suker, Robert Prosinecki und Zvonimir Boban als WM-Dritte 1998 knapp verpasst ­haben: den Einzug ins WM-Finale. Was für ein großer Erfolg für ein kleines Land wie Kroatien.

Das Halbfinale haben die Kroaten mit ihren Qualitäten gewonnen: Zum dritten Mal in der K.o.-Runde in Rückstand geraten, zum dritten Mal ging es in die Verlängerung – zum dritten Mal haben sie sich durchgesetzt. Wie die zu jeder Zeit an sich glauben, ist imponierend. Dazu haben sie mit Modric, Ivan Rakitic, Ivan Perisic, Mandzukic und Ante Rebic genügend Spieler, von denen jeder Einzelne ein Spiel ­entscheiden kann.

Ein Messi allein gewinnt keine WM

Ein Messi allein gewinnt heute ­keine Weltmeisterschaft. Das hat sich auch bei Portugal (mit Cristiano Ronaldo) oder Brasilien (mit Neymar) ­gezeigt: Du brauchst mehr als einen Superstar. Ob Kroatien, Frankreich oder Belgien – die erfolgreichen Teams haben alle mehrere Topspieler mit unterschiedlichen Qualitäten.

Bei Frankreich ist das eine starke Innenverteidigung mit Varane und Umtiti, der im Halbfinale dann sogar noch das 1:0-Siegtor gegen Belgien köpft. Paul Pogba ist ein beeindruckender Spieler. Und Antoine Griezmann oder Kylian Mbappé hätte jede ­Mannschaft der Welt gern im Team.

Note 1 für Frankreichs Trainer Deschamps

Die Kritik der Belgier - Torwart Thibaut Courtois hat den französischen Stil als „Antifußball“ geschmäht, da wäre er mit Belgien lieber im Viertelfinale gegen Brasilien rausgeflogen, so der Belgier - teile ich nicht. Im Gegenteil. Natürlich haben die Franzosen Spieler, für einen attraktiven Angriffsfußball. Aber als gegnerischer Trainer würde ich gegen die beste ­Kontermannschaft der Welt, und das ist Belgien für mich, auch nicht auf Angriff spielen. Frankreich hat Belgien eben nicht den Platz gegeben, den sie brauchen. Es ging ums Gewinnen. Die taktische Marschroute von Frankreichs Trainer Didier Deschamps gegen ­Belgien verdient eine 1, das war eine Meisterleistung.

Grundsätzlich habe ich bei dieser WM als Trainer keine taktischen Neuheiten, kein neues System gesehen. Alle Mannschaften ziehen sich zurück und lauern auf Umschaltsituationen. Wer nicht Schnelligkeit hat für Konter, hat keine Chance. Um erfolgreich zu sein, braucht es eine gute Technik, um mit wenigen Ballkontakten die Räume zu überbrücken. Und es braucht vier, fünf Spieler mit viel Speed.

Ohne Speed geht heute nichts mehr

Weil viele Teams diese schnellen Stürmer haben, hat auch kaum eine Mannschaft den Gegner früh beim Spielaufbau attackiert. Weil man dann im Rücken viel Raum hat, den ­gegnerische Stürmer für ihre Konter nutzen können.

Auffällig waren die vielen Tore nach Standards. Da geht ein großes Lob an die Schützen. Weil Freistoßtreffer wie von Ronaldo gegen Spanien oder von Trippier im Halbfinale kein Zufall sind. Dahinter steckt jahrelange Arbeit.

Mbappé wird der Star der Zukunft

Besonders gefallen haben mir drei Spieler: Luka Modric ist das Herz von Kroatien – toll. Mbappé hatte sehr gute Momente, er wird der Star der Zukunft.

Mein Lieblingsspieler bei diesem ­Turnier ist aber Belgiens Eden Hazard. Immer anspielbar für seine Mitspieler, technisch überragend, er übernimmt Verantwortung, wenn es drauf ­ankommt, wie in der Endphase des Viertelfinales gegen Brasilien.

Enttäuschung über Spanien und Argentinien

Bei den WM-Enttäuschungen sage ich: Von Spanien und Argentinien hatte ich mir mehr erwartet.

Mein Tipp fürs Endspiel: Auf dem Papier sieht es nach einem klaren Sieg für Frankreich aus. Außer Antoine Griezmann und N’Golo Konté haben die ­Franzosen eine große und robuste Mannschaft. Kopfballstark und dynamisch. Dabei haben die Franzosen noch gar nicht alles gezeigt, was sie können.

Frankreich und das Final-Trauma von 2016

Kroatien hat aus den letzten drei K.o.-Spielen dreimal 120 Minuten in den Beinen, da wird es angeschlagene Spieler geben. Aber sie haben mit Modric einen Anführer, der mit Real Madrid so viel erlebt und gewonnen hat: Der hat in keiner Situation Zweifel. ­Dazu das Temperament der Kroaten. Es wird auch an der Tagesform und am Spielglück hängen.

Trotzdem, wenn die Franzosen ihr Finaltrauma von 2016 besiegen – nach dem Halbfinal-Sieg gegen Deutschland dachten sie, dass es im Endspiel gegen Portugal mit dem Europameister-Titel klargeht, waren dann aber komplett blockiert – dann heißt der neue ­Weltmeister für mich: Frankreich.