Fussball

Die Hoffnung für den deutschen Fußball heißt DFB-Akademie

Wie der tief gefallene deutsche Fußball zurück in die Weltspitze kommen will

Bundestrainer Joachim Löw (M.), Nationalelfdirektor Oliver Bierhoff (r.) und Spieler Jonas Hector vor einem Modell der DFB-Akademie, die 2021 fertig sein soll

Bundestrainer Joachim Löw (M.), Nationalelfdirektor Oliver Bierhoff (r.) und Spieler Jonas Hector vor einem Modell der DFB-Akademie, die 2021 fertig sein soll

Foto: Frank Rumpenhorst / picture alliance / Frank Rumpenh

Berlin.  Zu den Dingen, die nach dem WM-Aus der deutschen Nationalelf in Russland auf den Prüfstand kommen, gehört die über viele Jahre so erfolgreiche Nachwuchsausbildung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). In der Öffentlichkeit wird wieder kontroverser diskutiert. Derzeit prassele viel von außen ein, heißt es vom DFB. Markus Weise und Thomas Hauser haben das registriert. Nicht, dass sich die beiden führenden Köpfe in Sachen Ausbildung stärker beobachtet fühlen, nur stärker gefordert vielleicht. Was ja auch seinen Reiz hat.

Neueste wissenschaftliche Methoden integrieren

„Wir wissen, dass wir jetzt an den richtigen Stellschrauben drehen müssen. Natürlich wollen wir bei unseren Talenten unbedingt Individualität und Kreativität fördern“, sagt Weise. Er ist Leiter des Bereichs Innovation und Entwicklung der DFB-Akademie in Frankfurt am Main, die 2021 fertiggestellt werden soll, „inhaltlich aber schon lebt“, wie Weise sagt. Alle Abteilungen arbeiten bereits an Projekten, es fehlt nur noch das bezugsfertige Gebäude. Thomas Hauser ist zuständig für die Denkfabrik der DFB-Akademie, er kümmert sich um die Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Sport. Dort heißen Seminare dann „Wahrnehmung, Belastungssteuerung und Künstliche Intelligenz“ oder „Entscheidungsfindung aus heuristischer Perspektive“. Es ist theoretisch. Am Ende geht es darum, neueste wissenschaftliche Methoden in den Fußball zu integrieren, um die Spieler besser auszubilden und laut Hauser „den Fußball von morgen“ zu entwickeln.

Fußballern fehlt das Improvisationstalent

Wie der gespielt werden soll und von welchen Spielertypen, darüber wird schon länger in Deutschland debattiert. Prominentester Kritiker ist Mehmet Scholl. Der ehemalige Nationalspieler hatte bemängelt, die Ausbildung in den Nachwuchsleistungszentren würde zu stromlinienförmig verlaufen und Individualismus auf der Strecke bleiben. „Kinder müssen nur noch abspielen, dürfen nicht mehr dribbeln. Sie kriegen nicht die richtigen Hinweise, warum ein Zweikampf verloren wurde oder warum der Pass nicht ankam. Stattdessen können sie 18 Systeme rückwärtslaufen und furzen“, sagte Scholl. In Russland wirkten die deutschen Spieler vor allem immer dann hilflos, wenn die Dinge nicht so liefen wie geplant. Eigene Kurskorrekturen auf dem Feld konnten sie nicht vornehmen. Den technisch und taktisch bestens ausgebildeten Fußballern fehlte das Improvisationstalent früherer Generationen.

England und Frankreich haben Deutschland abgehängt

Beim DFB hat man anscheinend verstanden, dass in dieser Hinsicht zuletzt einiges in die falsche Richtung gelaufen ist. „Vielleicht rücken im Jugendalter zu früh mannschaftstaktische Elemente in den Vordergrund, vielleicht müssen wir wieder stärker kicken lassen und Eins-gegen-eins-Situationen trainieren“, sagt Weise. Zu seinen Aufgaben wird in Zukunft gehören, für neue Ideen und Konzepte zu werben, ohne der sensiblen Branche zu sehr das Gefühl zu geben, alles umkrempeln zu wollen. Ideen, die von den Mitarbeitern der DFB-Akademie geboren werden, gehen als Vorschläge dann an verschiedene Vereine.

Nicht alle Klubs zeigen sich offen für Neues

Meist sind es die gleichen, die Bereitschaft mitbringen. Stuttgart oder die TSG Hoffenheim sind in dieser Hinsicht besonders interessiert. Mit modernsten Methoden und Hilfsmitteln sollen Talente gefördert werden. Hilfsmitteln wie 360-Grad-Brillen. Darauf werden Spielszenen abgespielt. Die Fußballer müssen dann Entscheidungen treffen, sekundenschnell. Pass nach links oder Pass nach rechts, Gegner stellen oder ihn attackieren. „Entscheidungstraining“ nennt Hauser diese Übungsform. Möglichst modern, möglichst innovativ zu bleiben, darauf wird es aus Sicht der Akademie jetzt ankommen. Deutschland ist nach wie vor reich an Talenten, aber andere Nationen haben mindestens aufgeholt.

„Die Engländer sind im Juniorenbereich momentan extrem erfolgreich, auch die Franzosen bringen enorm viele talentierte Spieler hervor. Wir setzen uns sehr intensiv mit den anderen Teams auseinander, beobachten Trends, Taktiken und Spielertypen“, sagt Weise. Daneben wird es darauf ankommen, alle Positionen wieder stärker zu fordern. Gerade die Stürmer, die Außenverteidiger, aber auch die defensiven Mittelfeldspieler. Wichtig sei, „dass wir nicht in den Kopier-Modus schalten, sondern vor allem eigene Lösungen kreieren“, sagt Weise. Wie gut diese Lösungen sind, entscheidet darüber, wie schnell der deutsche Fußball zurück an die Weltspitze findet.