WM 2018

England hat Angst vor dem Elfmeter-Exit

Die kommenden Gegner schlagbar, das eigene Team jung und hungrig: Englands WM-Aussichten sind eigentlich rosig - wäre da nicht...

Kane freut sich mit seinen Mitspielern

Kane freut sich mit seinen Mitspielern

Foto: pa

Moskau. Die einen sorgen sich um ihren Zauberfuß, die anderen um ihren Zitterfuß: Während Kolumbien im WM-Achtelfinale bis zur letzten Minute auf einen Einsatz von Bayern Münchens Offensivstar James (Wadenblessur) hofft, geht bei England mal wieder die Angst vor der "englischen Krankheit" (The Times) um - dem Elfmeterschießen. Bei aller Unsicherheit ist nur eines klar: Auf den Sieger des direkten Duells am Dienstag (20.00 Uhr MESZ/ARD und Sky Deutschland) warten bis zum möglichen Finale nur schlagbare Gegner.

Sechs von sieben Elfer-Duellen hat England verloren

Im Viertelfinale gegen Schweden oder die Schweiz, danach gegen Russland oder Kroatien - bei so einer Konstellation hätte es früher reichlich forsche Töne von der Insel gegeben. Jetzt aber hält sich der Engländer verdächtig zurück. Zum einen hat die Euphorie durch das 0:1 zum Gruppenabschluss gegen Belgien gelitten, zum anderen wurden die ersten beiden Achtelfinals dieser WM im Elfmeterschießen entschieden.

Ein solcher WM-"Exit" wäre der Horror für die Three Lions. Sechs von sieben Elfmeter-Duellen hat England bei großen Turnieren verloren. Sein Fehlschuss bei der Heim-EM 1996 führte den heutigen Teammanager Gareth Southgate auf den "Weg in die Dunkelheit".

Southgate schob deshalb vor sechs Jahren ein umfassendes Interventionsprogramm an, bei dem ein Forschungsteam alle Erkenntnisse rund um das Nervenspiel vom Punkt sammelte. Die Spieler mussten sich psychometrischen Tests unterziehen und trainieren seit März (!) Elfmeter. "Wir sind physisch und mental auf alles vorbereitet, was kommen könnte und was es braucht", versichert Southgate.

England hofft auf ersten Viertelfinal-Einzug seit der WM 2006

Am liebsten wäre es den Engländern jedoch, sie würden Kolumbien in 90 oder 120 Minuten besiegen und den ersten Viertelfinal-Einzug seit der WM 2006 in Deutschland perfekt machen. Sehr wahrscheinlich nicht mithelfen kann Mittelfeldspieler Fabian Delph, der für die bevorstehende Geburt seines dritten Kindes am Montag nach Hause gereist ist.

Ausgeruht dürften die Löwen aber sein, schließlich gönnte Southgate gegen Belgien gleich acht von der langen Premier-League-Saison geschlauchten Stars eine Startelf-Pause. Dafür gab es Kritik von englischen Medien, doch Southgate konterte: Das Achtelfinale gegen Kolumbien sei "das wichtigste Spiel der letzten zehn Jahre".

Keine schlimme Verletzung bei James

Die Kolumbianer sehen das ähnlich, auch deshalb wäre ein Einsatz von Ausnahmekönner James so wichtig. Trainer Jose Pekerman sendete am Montag auf der Pressekonferenz positive Signale: "Es gibt gute Neuigkeiten nach den medizinischen Test. Es ist keine gravierende Verletzung. Wir haben eineinhalb Tage und werden sehen, wie er sich fühlt. Wir hoffen, dass er spielen kann." Der Bluterguss in der rechten Wade bereitet aber nach wie vor Probleme und erfordert eine intensive Behandlung.

Trainer Pekerman hat ein Ass im Ärmel

Sollte James doch ausfallen, muss Juan Quintero das Spiel der Cafeteros an sich reißen. Dass er das kann, hat er bei dieser WM bereits bewiesen und damit Begehrlichkeiten geweckt - unter anderem bei Real Madrid. Die Engländer haben Respekt vor dem kampfstarken Offensivmann mit der bewegenden Lebensgeschichte, der Mirror widmete dem 25-Jährige eine Story mit der Überschrift: "Drogenkartelle, ein verschwundener Vater und beinahe ein Rücktritt für eine Rap-Karriere."

Und Coach Pekerman hat noch ein Ass im Ärmel. Sollte James zumindest auf der Bank sitzen, wäre eine Einwechslung kurz vor einem möglichen Elfmeterschießen nicht ausgeschlossen. Der Edeltechniker gilt als ausgezeichneter Schütze vom Punkt, und den Engländern würde eine solche Aktion sicher die ein oder andere Schweißperle mehr auf die Stirn treiben. Zauberfuß gegen Zitterfuß.