WM 2018

Löw muss eine Entscheidung treffen

Bundestrainer Joachim Löw kann sich nur selbst entlassen. Bleibt er, muss er auch die eigenen Versäumnisse korrigieren.

Joachim Löw trägt seit August 2006 die Verantwortung für die Nationalelf. Nun muss er überlegen, ob er sie nach dem WM-Aus auch weiterhin schultern will

Joachim Löw trägt seit August 2006 die Verantwortung für die Nationalelf. Nun muss er überlegen, ob er sie nach dem WM-Aus auch weiterhin schultern will

Foto: DPA

Berlin. Um zu verstehen, wer jetzt über die Zukunft von Joachim Löw entscheidet, muss man wissen, was sich in Kasan in der Nacht auf Donnerstag abgespielt hat. Kurz nachdem der Bundestrainer mit der deutschen Nationalmannschaft gegen Südkorea 0:2 verloren hatte. Kurz nachdem feststand, dass der Weltmeister auf die Größe eines Gruppenletzten geschrumpft war. Kurz nachdem also auch Löw geschrumpft war von einem unantastbaren zu einem gewöhnlichen Trainer, den man nach den gewohnten Gesetzen der Branche rausschmeißen kann, wenn der Erfolg ausbleibt. Da ging nach Informationen dieser Zeitung Reinhard Grindel, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), zu Löw, nahm ihn zur Seite und sagte: „Ich zweifle nicht an Ihnen.“

Löw denkt in der Heimat nach

Joachim Löw ist nach der harten Landung von Kasan am Donnerstag in Frankfurt aus einem Flugzeug gestiegen. Er hat sich in ein schwarzes Auto gesetzt und wurde nach Hause gefahren. In seinem Haus in Freiburg wird der 58-Jährige die nächsten Tage verbringen. Er wird dort die einsame Entscheidung treffen, ob er nach dem historischen WM-Aus Schluss macht. Ob er nach 14 Jahren beim DFB und zwölf als Bundestrainer zurücktritt. Die tragenden Personen beim Verband stehen anscheinend weiter hinter ihm.

Es werden nun schon allerhand Kandidaten gehandelt, die Löw nachfolgen könnten. Von dessen Vorgänger Jürgen Klinsmann, über U21-Trainer Stefan Kuntz und dem Allesretter Horst Hrubesch bis hin zur nun arbeitslosen Arsenal-Legende Arsène Wenger gehen die Spekulationen. Aber es könnte auch so kommen, dass beim ersten Post-WM-Länderspiel gegen Frankreich am 6. September in München der Bundestrainer immer noch Löw heißen wird. Allerdings nur dann, wenn er in seiner Freiburger Entscheidungsphase zur Überzeugung kommt, dass er den Elan und die Kraft hat, die Versäumnisse der WM zu korrigieren und den deutschen Fußball für die EM 2020 wieder aufzubauen.

Khedira soll selbst um seine Herausnahme gebeten haben

Es werde eine „knallharte Analyse“ geben, hatte Nationalelf-Direktor Oliver Bierhoff angekündigt. Die intern bisher skizzierten Gründe für den Umbruch lauten unter anderem so: ein verpasster Umbruch, viele Einzelprobleme, aber auch die Schwäche der Bundesliga. Löw hatte sich nicht getraut, die Transformation der Mannschaft von den Weltmeistern um Jerome Boateng, Thomas Müller und Sami Khedira hin zu den Confed-Cup-Siegern um Niklas Süle, Julian Brandt und Leon Goretzka viel radikaler voranzutreiben. Das fiel ihm zum Beispiel im Fall Khediras auf die Füße. Der 31-Jährige erkannte nach seinem desolaten Auftaktspiel gegen Mexiko (0:1) selbst, dass jemand anderes den Job im Mittelfeld machen müsse. Khedira soll nach Informationen dieser Zeitung zu Löw gegangen sein und ihn gebeten haben, in der zweiten Partie gegen Schweden einen anderen spielen zu lassen. Das zeugt von Größe. Löw entschied sich für den Confed-Cup-Sieger Sebastian Rudy.

Die jungen Spieler übrigens erhoben bei dieser WM bereits ihre Stimme: Joshua Kimmich (23), der einer der Anführer beim Confed-Cup-Sieg 2017 war, soll in der Aussprache nach dem Mexiko-Spiel kritisiert haben: „Es rennen nicht alle!“ Er wurde nicht ausreichend gehört. Wenn Löw weiter machen sollte, dann weil er glaubt, den verpassten Umbruch jetzt radikal einleiten zu können.

Löw konnte Probleme nicht lösen

Die vielen Einzelprobleme, die vor allem die Bayern-Spieler wie Müller, Boateng (kam aus einer Verletzungspause) und Mats Hummels mit sich herumschleppten, konnte Löw nicht lösen. Er erkannte allerdings schon die Warnsignale, die zum Beispiel das verlorene Pokalfinale des FC Bayern gegen Frankfurt gesendet hatte. Die Münchner mit der potenziellen Nationalelf-Abwehr um Hummels, Süle und Kimmich kassierten da gegen die Eintracht ein Gegentor durch Ante Rebic nach einem Konter, das bei der WM dann fast identisch so gegen Mexiko fiel.

Neuer Slogan notwendig

Die Bundesliga hat nach dem Triumph von Rio 2014 mit dem Slogan „Die Liga der Weltmeister“ geworben. Konsequenterweise müsste sie ihn nach dem Absturz nun umtexten in „Die Liga der Vorrunden-Ausgeschiedenen“. In der Schwäche der Nationalelf spiegelt sich auch die Schwäche der nationalen Liga wider. Die wenigen Eins-gegen-eins-Situationen, die fehlenden Rhythmuswechsel und das im Vergleich zur englischen Premier League geringe Tempo, das man in der Bundesliga sah – all das zeigte nun auch die DFB-Auswahl in Russland. Nimmt man die WM-Partie Belgien gegen England vom Donnerstag, dann standen da in beiden Kadern 35 von insgesamt 46 Spielern, die bei Topklubs in England spielen. Bei den Deutschen waren es mit Antonio Rüdiger, Ilkay Gündogan und Mesut Özil nur drei, wovon die beiden Letztgenannten aus bekannten Gründen Einzelprobleme mit sich herumtrugen. Warum Löw aber auf Leroy Sané verzichtete, den besten Nachwuchsspieler der Premier League und ein Eins-gegen-eins-Könner, das ist auch sein Versäumnis. Dieses und andere gilt es zu korrigieren, wenn er bleibt.

Nach der Streichung Sanés aus dem WM-Kader sagte Löw im Mai, der 22-Jährige werde im September wieder dabei sei. Die Frage ist nur, ob auch Löw dann noch dabei sein wird. Er kann sie nur selbst beantworten.

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