WM-Achtelfinale

Uruguay fordert Ronaldo: Klein, aber oho

Uruguay gegen Portugal ist mehr als nur der Schlagabtausch der Offensivkräfte Suárez/Cavani und Ronaldo. Über zwei bemerkenswerte Teams

Starkes Duo: Uruguays Topstürmer Luis Suarez (l.) und Edinson Cavani

Starkes Duo: Uruguays Topstürmer Luis Suarez (l.) und Edinson Cavani

Foto: DAVID GRAY / REUTERS

Sotschi.  Aus uruguayischer Sicht ist selbst Portugal ein Riese. Mit seinen zehn Millionen Einwohnern und Superstar Cristiano Ronaldo krönte das Land seine stabile Präsenz in der Weltspitze vor zwei Jahren mit dem Europameistertitel. Uruguay zählt nur gut drei Millionen Menschen, kann aber sportlich noch mehr bieten, wurde zweimal Weltmeister und gewann fünfzehn Mal die Südamerikameisterschaft. Öfter als Argentinien (44 Mio. Einwohner), öfter als Brasilien (207 Mio.). Uruguay bietet in Luis Suárez und Edinson Cavani zwei der weltbesten Stürmer auf und hat als einziges WM-Team noch kein Gegentor kassiert. Heute begegnen sich beide Länder im Achtelfinale (20 Uhr, ARD) zum ersten Mal in einem Pflichtspiel.

Wie das gehen kann, über Generationen in diesem kleinen Land – das ist eines der Grundgeheimnisse des Weltfußballs. „Man kann es nicht wissen“, sagt selbst einer, der es wissen müsste, Diego Forlán, WM-Torschützenkönig beim vierten Platz Uruguays 2010 und nun TV-Experte. Natürlich, es gibt die Kickertradition eines Landes, das der Soziologe Eduardo Galeano mal als „Fußballplatz mit Häusern“ definierte.

Was ist das Erfolgsgeheimnis dieser kleinen Länder?

Es gibt die oft beschworene „garra charrúa“, diesen spezifischen Kampfgeist und Zusammenhalt, gestählt in der Nachbarschaft zu den beiden Giganten.

Es gibt die soziale Realität, in der Fußball oft die einzige Aufstiegschance darstellt, wie bei Suárez, der schon als Elfjähriger parkende Autos bewachte oder Telefonkarten verkaufte, um sich die Busfahrten zum Training zu finanzieren. Aber so oder so ähnlich passiert das alles auch anderswo, und daher erlebte Uruguay vor der Jahrtausendwende eine lange Phase der Dekadenz, ehe unter Regie des heutigen Nationaltrainers Oscar Washington Tabarez ein nationales Leistungszentrum gegründet wurde, das aus der Not eine Tugend machte.

Feurige Charaktere unter sich

Ausbildung und Trainingswissenschaft gehören auch zu den Erfolgsfaktoren Portugals. Insbesondere die Nachwuchsschule von Sporting Lissabon, die elf Akteure des 23ers-Kaders produzierte, gilt lange als eine der führenden des Kontinents. Aus ihr kommt etwa Ronaldo. Zu Portugals Eigenheiten gehört auch, dass es wie sonst kaum noch in Europa echte Straßenfußballer hat wie Ricardo Quaresma. Es wird also mehr zu sehen geben als das Duell zwischen Ronaldo und Suárez, dem nicht zuletzt wegen der feurigen Charaktere entgegengefiebert wird.

Für sein Land geht Ronaldo über sonstige Grenzen hinaus und konvertiert gar zum selbstlosen Teamplayer. Anders geht es eben nicht für eine kleine Nation. In Uruguay wissen sie das schon immer. Die defensive Mithilfe von Suárez und Cavani ist vorbildlich.

Parallelen unter den Trainern

Die Parallelen lassen sich fortführen. Beide Teams werden von Altmeistern trainiert, die sich problemlos den Zeiten anpassen. Tabarez (71), „El Maestro“ – der Lehrer – coacht nach 1990, 2010 und 2014 bereits seine vierte WM und lässt sich nicht mal von einer Krankheit in die Knie zwingen, wegen der er mittlerweile auf Krücke agiert. Fernando Santos (63) profilierte sich während seiner Zeit mit Griechenland als brillanter Stratege, ehe er sein Heimatland zur ersehnten Titelpremiere führte.

Beide streben grundsätzlich einen gepflegten Passfußball an – so wie Santos 2016 hat Tabarez dafür 2018 einen Schwung junger, neuer Mittelfeldspieler parat. Aber beide haben auch kein Problem damit, notfalls auf robust und ultrapragmatisch umzustellen. Bei Uruguay entspricht das alter DNA, bei Portugal zumindest der aktuellen Generation. Wer so weit über der eigenen Gewichtsklasse boxt, der muss Stilfragen manchmal beiseitelegen.