Kolumski

Schnaps für den Weltfrieden

WM-Reporter Jörn Meyn über eine Verbrüderung an einem historischen Datum

WM-Reporter Jörn Meyn

WM-Reporter Jörn Meyn

Foto: Reto Klar

Dieser Abend voller Geschichte und Geschichten endete an einer Betonmauer. Ich merkte nur, dass meine Schulter schmerzte. Aber warum, das musste mir am nächsten Morgen erst mein Kollege erzählen: „Du bist so heftig nach Hause getorkelt, dass du immer wieder seitlich gegen die Mauer an der Promenade gerannt bis“, lachte er. Am Beton entlang schrammte ich also bis ins Bett, wo ich morgens aufwachte und nichts mehr wusste vom Heimweg. Selten war ich so besoffen wie an diesem Freitag. Aber es war für eine gute Sache – ein Suff für den Weltfrieden.

Am Freitag war der „Tag der Erinnerung und der Trauer“ in Russland. Am 22. Juni 1941 hatte Nazi-Deutschland die Sowjetunion überfallen. Es war der Beginn des „Großen Vaterländischen Krieges“, wie die Russen sagen. 77 Jahre später saß ich mit den Reporter-Kollegen in Igors Imbiss am Strand von Sotschi. Wir aßen viel, zum Glück. Neben uns saßen Russen und tranken viel. Einer rief etwas rüber, und weil wir ihn nicht verstanden, malte er eine 22 in die Luft. Er suchte keinen Streit. Es ging ihm ums Erinnern. Er kam rüber und gab mir die Hand. Dann kamen auch seine Freunde, schlugen uns auf die Schultern und fast hätten wir uns in den Armen gelegen. Igor, der Imbiss-Besitzer, holte eine Flasche. „Schnaps“, sagte er und goss uns ein. Das Gebräu hieß Tschatscha, ein georgischer Branntwein mit 55 Prozent Alkoholanteil. „Wir können das nicht ablehnen“, sagten wir und schütteten das Zeug runter. Es biss mir in den Hals, aber ich war glücklich über die Fraternisierung an diesem historischen Datum. Mein Opa musste mit 18 in den Krieg. Er hat nie viel davon ­erzählt, aber den Schrecken verstand ich auch so.

Igor holte Tschatscha-Nachschub. Aus einem Schnaps wurden sechs. Wir machten Fotos, redeten über die Krim und lagen uns am Ende wirklich in den Armen wie Brüder. Ich habe davon meinen Eltern erzählt. Sie wuchsen in der DDR auf. „Mit Russen einen zu trinken, hilft, um sich zu verstehen“, sagte mein Vater. Der Krieg, all das Leid, das ist natürlich nicht vergessen. Aber Igor, seine Freunde und wir haben am Freitag verstanden, dass wir eigentlich Brüder sind. Kopfschmerzen hat auch der ­Russe. Wohl nur nicht so starke wie ich am nächsten Morgen.

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