Fussball

Reizfigur Pogba nervt die Franzosen

Paul Pogba sieht sich selbst als Chef der französischen Mannschaft. Seine Leistungen auf dem Platz sind aber eher mau.

Foto: pa

Ein großes Konterfei von Paul Pogba weist dem egozentrischen Fußball-Star den Weg in sein Zimmer im französischen WM-Teamquartier. Über seinem Bett ist ein großes Poster mit dem 25-Jährigen im Trikot der Equipe tricolore zu sehen. Und wenn Paul Pogba morgens aufwacht, blickt er auf eine kleine Holzfigur mit seinem Ebenbild. So hat es Frankreichs Mittelfeldakteur gern, auch wenn der Luxus dort draußen in Istra vor den Toren Moskaus nicht annähernd dem in seinem prunkvollen Haus daheim in England entspricht. Aber Starkult ist Pogba so wichtig. Mit Brillanten im Ohr, verrückten Frisuren und Klamotten zelebriert er sein Image als Social-Media-Star.

Extravaganzen, die den französischen Fans daheim gehörig auf die Nerven gehen. So sehr, dass sie den 105-Millionen-Mann von Manchester United beim 3:1 gegen Italien aus dem Stadion pfiffen. Nur zu gut ist den Anhängern der Blauen noch in Erinnerung, als 2010 in Knysna die Egotrips der französischen Nationalspieler zu einer Revolte im Team und am Ende zu einem peinlichen Aus in der Vorrunde führten. So sprachen sich in einer Umfrage des Magazins «France Football» 73 Prozent dafür aus, dass Pogba in der Startelf nichts zu suchen habe.

Pogba auf der Ersatzbank? Dabei hat der Sohn einer guineischen Einwandererfamilie ganz andere Ansprüche. «Paul sollte der Patron der Mannschaft sein», sagte Pogba in einem Interview und spricht dabei gern über sich in der dritten Person. «Ich möchte die Zügel in den Händen halten», betonte Pogba und entbrannte eine Diskussion, die für Nationaltrainer Didier Deschamps schwer zu moderieren ist. «Paul kann alles machen, aber Paul kann nicht alles zugleich», sagt der Coach.

Deschamps ist noch von einem anderen Schlag

Disziplin ist dem Coach wichtig, das weiß er noch aus eigener Erfahrung. 1998 war er Kapitän der Weltmeister-Mannschaft und verlängerter Arm von Coach Aimé Jacquet. Zusammen mit dem genialen Zinédine Zidane führte er Frankreich zum umjubelten Titel daheim. In solchen Sphären denkt auch Pogba, der gerne in einem Atemzug mit Michel Platini und Zidane genannt werden will. Da ist das Ranking im Fachblatt «L'Equipe», das Pogba auf Platz 78 der 100 wichtigsten Fußballer in Frankreichs Historie aufführt, für ihn ein Schlag ins Gesicht.

Pogbas Wertigkeit hat auch unter Starcoach José Mourinho im Verein stark nachgelassen. Als damals teuerster Fußballer der Welt war Pogba 2017 von Juventus Turin zum englischen Rekordmeister gekommen, mitunter fand er sich auf der Ersatzbank wieder. Mourinho ließ dabei anstelle von Pogba den unbekannten Youngster Scott McTominay spielen. «Ein normaler Haarschnitt, keine Tattoos, keine großen Autos, keine großen Uhren, ein bescheidener Junge», sagte Mourinho. Auf wen der Coach abzielte, war klar. Pogbas Namen musste er nicht nennen.

Gegen Manchester City hatte sich Pogba die Haare mal blau-weiß färben lassen. «Vielleicht hat er gegen uns ja rot-weiße Haare. Denkt er nur über seinen Haarschnitt nach?», spottete etwa Nationaltrainer Age Hareide von Frankreichs Vorrunden-Gegner Dänemark. Aussagen, die Pogba nerven. Viel lieber würde er ein Leben wie die Stars in Amerika führen: «Dort wird nicht nach dem Aussehen geurteilt. Jeder kann tragen, was er will. Die Sportler führen ein friedlicheres Leben.»

Pogbas Engagement bei United droht so zu einem großen Missverständnis zu werden, wie zwischen 2009 und 2012. Als 16-Jähriger war er von Le Havre nach Manchester in die Jugendakademie gewechselt. Sir Alex Ferguson wusste mit Pogba aber nie etwas anzufangen und ließ ihn ablösefrei zu Juventus Turin ziehen, wo er zum Superstar reifte. Bei der WM 2014 wurde Pogba zum besten Nachwuchsspieler der WM gewählt. Diesmal wolle er der beste Spieler sein, sagt er.

Dafür muss er aber auch spielen. Gegen Australien wird er wohl eine Chance bekommen. Unterstützung erhält Pogba von seinen Mitspielern. «Wir müssen damit umgehen, unsere Ohrstöpsel reinstecken und Tore schießen. Wir sollten solche Spieler bewundern und froh sein, dass wir sie haben», sagte Jungstar Kylian Mbappé.

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