Fußball-WM

Ohne Kroos nichts los

Der Ballverteiler ist der Schlüsselspieler im deutschen Team, den es für den Titel braucht. Er selbst brauchte Zeit – und Tiger Woods.

Im Test gegen Saudi-Arabien konnte Toni Kroos (r.) seine Macht über die Spielkontrolle nicht voll ausspielen. Schon gegen Mexiko soll sich das ändern

Im Test gegen Saudi-Arabien konnte Toni Kroos (r.) seine Macht über die Spielkontrolle nicht voll ausspielen. Schon gegen Mexiko soll sich das ändern

Foto: dpa Picture-Alliance / Marvin Ibo Guengoer / picture alliance / GES/Marvin Ib

Watutinki.  In dem Moment, als Toni Kroos von einem sehr guten zu einem Weltklassespieler wurde, ging es um Golf. 2014 vor der WM in Brasilien war er noch nicht dieser anerkannte Ballverteiler der deutschen Nationalelf, der er heute ist. Auch damals schon konnte er Pässe spielen, die Räume schaffen, wo vorher keine waren. Aber Kroos schickte seine Zuspiele noch allzu oft mit der Anweisung auf die Reise, mindestens Kunstwerke sein zu müssen. Er wollte ein Weltklassespieler sein, und das war das Problem. Also gab es ein Gespräch mit ihm über Tiger Woods.

Beim DFB gibt es die Geschichte, dass Kroos 2014 ein paar Einblicke in die Arbeitsweise des Golfstars erhalten habe. Woods spiele nicht jeden Schlag auf seinen 18 Löchern so, als wolle er damit ein Hole in one schaffen, wurde dem Mittelfeldspieler erläutert. Nicht jeder Schlag gehöre in ein Museum. Aber kein einziger sei schlecht. Der Schlüssel zum Erfolg, so die Botschaft, sei Klasse in der Konstanz. Seitdem will Kroos kein Weltklassespieler mehr sein, er ist es. Auf dem Weg zum WM-Titel 2014 spielte nur Philipp Lahm mehr Pässe. 85 Prozent davon kamen an.

Spielkontrolle als Schlüssel zum Erfolg

Vier Jahre später sitzt Kroos bei der Pressekonferenz des DFB in einem Raum, der aussieht wie ein luxuriöser Kinosaal, doch seine Selbstsicherheit füllt ihn komplett aus. Man hat es hier mit einem Mann zu tun, der gerade zum dritten Mal hintereinander die Champions League mit Real Madrid gewonnen hat – zum vierten Mal insgesamt. „Das gibt natürlich Selbstvertrauen“, sagt Toni Kroos. Wenn er sich beim Beantworten der Fragen leicht hinabbeugt vom Podium zu den Fragestellern, im Mundwinkel ein Schmunzeln, wie einer, der weiß, dass er jeden Ball zurückspielen kann, der da kommen mag. Wenn er Witze über den eigenen Co-Trainer macht („Am ersten Tag hier ging bei Thomas Schneider das Wasser nicht. Aber bei mir schon. Also alles gut.“) und über das Teamquartier in Watutinki („Da ist die Vorfreude auf den Urlaub noch etwas größer.“). Dann spürt jeder im Raum, dass hier ein besonderer Spieler sitzt, der beim Weltmeister eine besondere Stellung genießt.

„Schlüsselspieler“, nennt ihn Bundestrainer Joachim Löw. Und das ist keine Lobhudelei. Kroos ist der Schlüssel zum Erfolg. Denn im Grunde will Löws Elf auch bei dieser WM, die für sie am Sonntag mit der Partie gegen Mexiko beginnt (17 Uhr/ZDF), Toni-Kroos-Fußball spielen. Viele Pässe, eine hohe Zustellungsquote. Die Macht des Weltmeisters ist die Macht der Spielkontrolle. Kroos ist vor der Abwehr der Spieler dafür. Er stützt die Defensive, weil durch seine Ballsicherheit der Gegner nicht kontern kann. Und er stützt die Offensive, weil seine Pässe Angriffe einleiten. Ohne Kroos nichts los.

Paradebeispiel für Dauerhunger

Zuletzt hat das mit der Kontrolle aber nicht so ganz geklappt. Es war kein Toni-Kroos-Fußball mehr. Gegen Saudi-Arabien und Österreich in den letzten WM-Tests wurden viele Konter zugelassen. Das nervte Kroos. „Wir sind uns schon bewusst, dass wir noch eine Schippe drauflegen müssen“, sagt der 28-Jährige. Aber nervös mache ihn das nicht: „Wir haben oft genug bewiesen, dass wir da sind, wenn es losgeht.“

Kroos taugt für den Bundestrainer noch aus einem anderen Grund zum Fixpunkt. Dass er nun im dritten Jahr hintereinander den wichtigsten Vereinstitel der Welt gewonnen hat, prädestiniert ihn zum Sinnbild für eine Unersättlichkeit, die es in Löws Augen braucht, um den Titel verteidigen zu können. „Er ist ein Paradebeispiel, wie man sich über Jahre hinweg dieses Leistungsniveau erarbeitet und dann auch halten kann“, sagte Löw dem „Kicker“.

Gewinnen – immer wieder

Man kann nicht abschätzen, ob es Vor- oder Nachteil ist, dass die WM-Elf von 2018 der von 2014 ziemlich ähnlich sieht. Mit Kroos, Manuel Neuer, Mats Hummels, Jerome Boateng, Sami Khedira, Mesut Özil und Thomas Müller bilden sieben Spieler das Fundament, die das schon vor vier Jahren taten. Es ist eine Führungsriege, für die Titel Gewohnheit ist. Kroos sieht das als Vorteil: „Es ist wichtig, dass man mit einer Achse agiert, die schon Turniere gespielt hat. Das kann entscheidend werden“, sagt er. Es gibt also eine Konstanz in der WM-Klasse von 2018. Am Ende aber wird über den WM-Erfolg entscheiden, ob es auch Klasse in der Konstanz ist.

Was ihn noch motiviere, wurde Kroos gefragt: „Wenn man ein Ziel erreicht hat, ist es schwierig, sich neu zu motivieren“, gab er zwar zu. Aber: „Wer einmal erlebt hat, wie schön es ist, Titel zu gewinnen, der will das immer wieder.“ Tiger Woods übrigens gewann 14 Major-Turniere.