Fußball-Analyse

“Wenn Löw mutig ist, spielt Brandt statt Özil“

Das Institut für Spielanalyse in Potsdam sammelt Leistungsdaten von Fußballern. Für das DFB-Team haben die Experten einen Tipp.

Foto: Reto Klar

Berlin.  Wer weiß, was aus Karsten Görsdorf geworden wäre, wenn sein Vater nicht ausgerechnet während der Fußball-WM den Zaun gestrichen hätte. Es war das Jahr 1986, die Weltmeisterschaft in Mexiko, als Karsten Görsdorf im Alter von sieben Jahren zum ersten Mal als Spielbeobachter tätig wurde. Während sein Vater im Garten den Pinsel schwang, saß er vor dem Fernseher und verfolgte aufmerksam das Geschehen. Wann immer ein Tor fiel oder es eine Torchance gab, rannte er nach draußen und erstattete Bericht.

Mittlerweile beobachtet der 39-Jährige Fußballspiele beruflich. Aber während als Kind die Information genügte, dass ein Tor gefallen war, interessiert Karsten Görsdorf heute vor allem, wie der Treffer zustandegekommen ist. Qualitative Spielbeobachtung nennt er das. Zusammen mit Christoph Moeller (36) hat er dafür schon 2010 das Institut für Spielanalyse in Potsdam gegründet. „Es war eine Zeit, in der sich die gesamte Philosophie im Profifußball verändert hat“, sagt Karsten Görsdorf. „Alles wurde professionalisiert und systematisiert. Wir hatten das Glück, dass wir genau in diese Zeit hineingerutscht sind.“

Spielanalysten sind Pflicht für die Bundesligisten

Das Kernteam des Instituts besteht aus vier Mitarbeitern, darunter auch Karsten Görsdorfs jüngerer Bruder Steffen. Zu ihren Kunden zählt unter anderem der Wettanbieter Sportwetten.de. Gemeinsam mit „Spiegel Online“ betreiben sie außerdem das Sportdatenprojekt „Read the Game“ – laut Karsten Görsdorf eine Art digitaler Fußball-Stammtisch, bei dem statt Bier Daten ausgeschenkt werden. „Wir wollen den Spaß daran, die Spiele zu erleben, steigern und gleichzeitig ein neues Erlebnis schaffen: für Fans im Stadion und Zuschauer vor dem TV zugleich“, sagt er.

Die Erfassung von Spieldaten ist im modernen Fußball mittlerweile Standard. Eine wachsende Zahl von Anbietern buhlt um die Gunst von Vereinen, Verbänden oder Medien; zu den bekanntesten zählen die Impire AG, die DFL-Tochtergesellschaft Sportcast GmbH oder das Global Soccer Network. Alle Profiklubs haben zudem eigene Spielanalysten – eine Vorgabe der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Trotzdem ist das Potsdamer Institut derzeit in Verhandlungen mit mehreren Bundesligisten. In der Vergangenheit hatte man schon mit dem FC Augsburg und RB Leipzig zusammengearbeitet. Für die DFL verfasste man den Definitionskatalog, der es der Liga überhaupt erst ermöglichte, offizielle Daten zentral zu erheben: Was ist ein Pass, wie definiert sich Ballbesitz, und so weiter.

Grundsätzlich gibt es zwei Arten von Daten. Zum einen die sogenannten Spieldaten – Pässe, Zweikämpfe, Torschüsse, Ecken, also ausschließlich Aktionen in Ballnähe. Sie werden auch heute noch manuell erfasst. Daneben gibt es das sogenannte Tracking, bei dem mithilfe von Videokameras Positionsdaten erhoben werden, an denen sich dann beispielsweise ablesen lässt, wie viele Kilometer ein Spieler in einer Partie gelaufen ist. „Der nächste Schritt muss sein, diese beiden Datensätze miteinander zu verbinden“, sagt Karsten Görsdorf. Sein Institut arbeitete bereits an einer Lösung.

Jedes Spiel hat eine Geschichte

„Das wirklich lohnende Geschäft ist nicht die Datenerhebung, sondern ihre Veredelung“, meint auch Steffen Görsdorf (30). Nur so ließen sich Zusammenhänge, taktische Muster einer Mannschaft und mitunter auch Interpretationsansätze für Erfolg und Misserfolg identifizieren.

Das Institut teilt ein Fußballspiel dafür in einzelne Episoden ein. Gemeint ist jeweils der Zeitraum, in dem eine Mannschaft in Ballbesitz ist oder eben gerade keines der beiden Teams den Ball kontrolliert. „Anhand dieser Episoden können wir die Geschichte des Spiels erzählen. Wir semantisieren die Rohdaten und geben ihnen eine Bedeutung“, sagt Steffen Görsdorf. Auf diese Weise habe man beispielsweise festgestellt, dass der Leverkusener Julian Brandt mit Vorliebe den Pass vor dem eigentlichen Assist spielt. Dieser taucht in der offiziellen Vorlagenstatistik gar nicht auf, macht viele Tore aber überhaupt erst möglich. „Wenn der Bundestrainer mutig ist, lässt er bei der WM Brandt anstelle von Mesut Özil spielen“, meint Steffen Görsdorf.

Im modernen Fußball entstehe ein Viertel aller Treffer daraus, dass der Ball nach einem ersten gescheiterten Angriff schnell wieder zurückerobert wird, erklärt er. Kommt man dann innerhalb von vier Sekunden zum Abschluss, sei die Chance, ein Tor zu erzielen, am höchsten. Es ist das Prinzip des Gegenpressings, von dem Liverpool-Trainer Jürgen Klopp schon vor ein paar Jahren gemeint hatte, es sei „der beste Spielmacher auf dieser Welt“. Steffen Görsdorf sagt: „Wenn man solche Dinge vorher weiß, sieht man ein Spiel gleich mit ganz anderen Augen.“

In Russland werden Daten zum ersten Mal direkt verwendet

Bei der Weltmeisterschaft in Russland dürfen sich die Nationaltrainer in diesem Jahr erstmals über Funk mit ihren Assistenten auf der Tribüne austauschen. Die Daten, die bei der Spielanalyse erhoben werden, können also fast in Echtzeit verwendet werden. Karsten Görsdorf glaubt aber nicht, dass man von diesem neuen Kommunikationsmittel bei der Premiere schon allzu viel erwarten sollte. „Die Kommunikationswege müssen erst geübt werden und die passenden Informationen herausgefiltert werden“, so der Berliner. Könne man allerdings richtig damit umgehen, sei das neue System eine Waffe.

Eine sichere Prognose, welche Mannschaft am Ende Weltmeister wird, wird man indes auch vom Institut für Spielanalyse nicht bekommen. Denn neben der Qualität der Spieler, die sich messen lässt, würden eben auch noch andere Dinge eine Rolle spielen: Auch die Psychologie oder soziologische Aspekte wie eine besonders ausgeprägte Teamchemie würden den Ausgang eines Turniers beeinflussen, ohne dass man sie konkret erfassen könnte, sagt Karsten Görsdorf. „Fußball ist ein komplexes dynamisches System, in dem jede Aktion die nächste beeinflusst.“ Genau deshalb ist dieses Spiel so beliebt.

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