Kolumne Immer Hertha

Bloß kein Neunziger-Revival

Die Erwartungen an die deutsche Nationalmannschaft sind so hoch wie lange nicht. Kein gutes Omen für eine Weltmeisterschaft.

Zumindest ein Neunziger-Revival ist dann doch erlaubt: Die Trikots von 2018 sind an jene von 1990 angelehnt

Zumindest ein Neunziger-Revival ist dann doch erlaubt: Die Trikots von 2018 sind an jene von 1990 angelehnt

Foto: dpa

Die Erwartung kann ein Sauhund sein, auch und gerade beim Fußball. Für Vereinsfans ist diese Erkenntnis gelebter Alltag, ob das Herz nun für Borussia Dortmund, den HSV oder Hertha BSC schlägt. Mal entpuppt sich der sündhaft teure Königstransfer als besserer Holzfuß, mal der neue Trainer als unbrauchbar. Zur Not reißt dem besten Mann das Kreuzband oder dem nervösen Sportvorstand der Geduldsfaden – irgendwas ist fast immer. Das Fiese daran: je höher die Erwartung, desto tiefer die Enttäuschung.

Bei Fans der deutschen Nationalmannschaft ist der Fall hingegen anders gelagert. Wer ab Mitte/Ende der Neunziger geboren wurde und es mit der DFB-Elf hält, hat echte Enttäuschung nie zu spüren bekommen. Seit 2006 erreichte das Nationalteam bei Welt- und Europameisterschaften mindestens die Runde der letzten Vier – eine beeindruckende Erfolgsserie, die die Ansprüche inflationär befeuert hat.

Der teutonische Rumpelfußball ist vergessen

Die unsäglichen Jahre teutonischen Rumpelfußballs um die Jahrtausendwende scheinen vergessen, Titelambitionen sind längst wieder zum Standard geworden, garniert mit höchsten Anforderungen. Wenn schon erfolgreich, dann bitte auch möglichst souverän und spektakulär, ansonsten droht Liebesentzug. So wie unlängst beim Test gegen Brasilien im Olympiastadion.

Um zurück zu den Erwartungen zu kommen: Die gestalten sich vor dem heutigen Turnierstart ganz unterschiedlich. Jene ans deutsche Team sind gewohnt groß, die ans Turnier eher klein. Von WM-Euphorie ist zumindest noch nichts zu spüren, daran ändert auch die Tatsache nichts, dass jeder Supermarkt zwischen Reinickendorf und Lichterfelde Schwarz-Rot-Gold geflaggt hat. Nein, mit lockerem Samba-Flair wie 2014 in Brasilien rechnet in Russland niemand. Stattdessen ploppen beim Gedanken an den Gastgeber andere Bilder auf: die eines umstrittenen Autokraten oder säbelrasselnder Hooligans. Ob berechtigt oder nicht, sei dahingestellt.

Titelverteidiger scheitern zuverlässig früh

Für ungezügelte Fußball-Begeisterung steht das Gastgeberland jedenfalls nicht, genauso wenig wie der Spielplan der Gruppenphase. Hand aufs Herz: Wer von Ihnen freut sich auf die Eröffnungspartie Russland gegen Saudi-Arabien? Wer auf Marokko gegen Iran? Vielleicht Panama gegen Tunesien? Auch nicht? Nun, den meisten deutschen Fans geht es ähnlich. Die Turnierbegeisterung wird natürlich wachsen, zumindest, wenn es bei den Deutschen läuft. Nur ist genau das beim amtierenden Weltmeister nicht selbstverständlich. Zur Erinnerung: Bei den jüngsten vier Endrunden scheiterte der Titelverteidiger dreimal in der Gruppenphase und einmal im Viertelfinale. Eine alarmierende Bilanz.

Auch die Deutschen sind als Wiederholungstäter gebrannte Kinder. Auf den WM-Coup 1974 folgte die „Schmach von Cordoba“, auf den Triumph von 1990 ein Viertelfinal-Aus gegen Bulgarien. Ein Debakel sondergleichen, zumal die deutsche Elf durch die Wiedervereinigung doch „auf Jahre hinaus unschlagbar“ war, zumindest in den Augen von Franz Beckenbauer.

Unterschwellige Überheblichkeit

Auch wenn die jüngsten Tests des DFB-Teams nicht gerade berauschend ausfielen: Unterschwellig hat uns das kaiserliche Anfang-90er-Gefühl längst wieder eingeholt. Weil Weltmeister-Coach Joachim Löw noch immer im Amt ist. Weil er den Confed-Cup 2017 selbst mit einer B-Elf gewonnen hat. Weil Angstgegner Italien nicht mal qualifiziert ist und der große Rivale Spanien im letzten Moment seinen Trainer rausgeworfen hat. Bleiben als Mitfavoriten Brasilien und Frankreich, die ihre Stabilität doch erst mal nachweisen sollen. Ein Grundgefühl, das gefährlich ist.

Was hilft? Sicher ein wenig Erwartungs-Tuning. Hier ein bisschen mehr, dort ein bisschen weniger. Die Chance, dass auch in Russland tolle Turniergeschichten geschrieben werden, ist schließlich höher als die auf eine Titelverteidigung. „Der Erfolg ist ein scheues Reh“, hat Franz Beckenbauer mal gesagt: „Der Wind muss stimmen, die Witterung, die Sterne und der Mond.“ Zumindest damit liegt er bis heute richtig.

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