Fussball

Löw muss Özil in WM-Form bringen

Die Nationalmannschaft muss in Watutinki den Zauber selbst versprühen und kommt von der Affäre um Özil und Gündogan nicht los.

Joachim Löw (r.) spricht beim ersten Training in Russland mit Mesut Özil

Joachim Löw (r.) spricht beim ersten Training in Russland mit Mesut Özil

Foto: Christian Charisius / dpa

Watutinki.  Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt bisweilen eine fünfspurige Schnellstraße. Als die deutsche Nationalelf am Mittwoch zum ersten Mal ihren WM-Trainingsplatz in Watutinki betrat, ertönte der 70er-Jahre-Klassiker „That’s the way (I like it)“. Um jenen Song vernehmen zu können, hatten die Spieler die besagte Riesenstraße überqueren müssen. Aus ihrem Teamquartier heraus ging es vorbei an Mietskasernen, entlang an einem Spalier aus Soldaten und hinauf auf das Trainingsgelände des Militärklubs ZSKA Moskau, wo immerhin ein deutscher Schäferhund Wache hielt.

Ob das alles wirklich nach dem Geschmack von Kapitän Manuel Neuer und Co. ist, darf bezweifelt werden. Watutinki, soviel steht fest, ist nicht Santo André, wo vor vier Jahren im Campo Bahia an der Atlantikküste ein Titel bringender Geist erzeugt wurde. Das konnte selbst der Bundestrainer nicht verneinen: „Wir haben hier den Charme einer guten, schönen Sportschule“, sagte Joachim Löw. Der 58-Jährige hatte ja den Badeort Sotschi präferiert. Aber: „Auch 2014 war die Euphorie nicht am ersten Tag da“, sagte Löw, „sie kam erst mit unseren Ergebnissen.“ Daher lautete sein Appell: „Es darf keine Energie damit verschwendet werden. Wir müssen uns arrangieren.“

Bei der ersten Übungseinheit auf russischem Boden konnte Mesut Özil wieder mitmachen. Der Mittelfeldspieler litt zuletzt an Rücken- und Knieproblemen. Mittwoch wirkte er beweglich und vergnügt. „Zurück beim Team, rechtzeitig zu unserem ersten Training in Russland“, hieß es auf Özils Twitter-Account. Zur „Affäre Erdogan“, die er und Ilkay Gündogan durch das Foto mit dem türkischen Machthaber losgetreten hatten, schweigt er weiter. Löw ließ man nicht schweigen: „Meine Aufgabe ist es jetzt, die Spieler so weit in die Form zu bringen, dass sie für die Mannschaft einen Wert haben.“ Sollte es beim ersten Gruppenspiel gegen Mexiko am Sonntag (17 Uhr) wieder Pfiffe geben, „dann ist das so. Wünschen würde ich es mir aber anders“.

Kritik am Verband

Zwischen Wunsch und Wirklichkeit liegt beim DFB in dieser Thematik ebenfalls viel Raum. Der Verband wurde für den Umgang mit der Causa kritisiert. Das wollte Präsident Reinhard Grindel nicht auf sich sitzen lassen: „Ich habe viel von schlechtem Krisenmanagement gelesen. Aber als ich nach Vorschlägen für ein besseres gesucht habe, waren die Zeilen etwas dünner.“ Das stimmt natürlich nicht. Ein besseres Krisenmanagement wäre gewesen, hätte man Özil zu einer Erklärung bewegen können. Hätte man nicht wie DFB-Direktor Oliver Bierhoff,versucht, die Debatte abzuwürgen, sondern sie ernst zu nehmen. Denn die Hintergründe des Treffens sind eben nicht erklärt worden.

Grindel unterschätzt die Sache nun nicht mehr. „Es muss etwas geben, dass tiefer liegt und weit über die Spieler hinausgeht“, sagte der 56-Jährige. „Wir haben es hier mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun. Bei der WM 2014 hatten wir eine andere Lage. Da war das Thema Integration positiver besetzt. Das hat sich mit der Zuwanderung 2015 etwas verändert. Die Menschen sehen Probleme. Sie erwarten Klarheit – auch in Bekenntnissen zu unserem Land.“ Grindel beschwor die integrative Kraft des Fußballs und sendete dann doch kritische Worte Richtung Özil, ohne den Namen zu nennen: „Wenn er denn schon in Interviews keine Antworten geben will, dann vielleicht auf dem Platz.“

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