Fussball

Effenberg für Rauswurf von Özil und Gündogan

Über dem ersten Trainingsauftritt des Duos in Watutinki liegt noch immer die Erdogan-Affäre.

Stefan Effenberg flog einst selbst aus der Nationalmannschaft

Stefan Effenberg flog einst selbst aus der Nationalmannschaft

Foto: pa

Ilkay Gündogan fackelte nicht lange. Er nahm den Ball aus vollem Lauf direkt, Weltmeister-Torwart Manuel Neuer reckte seine rechte Hand vergeblich nach dem strammen Rechtsschuss - Tor. Es war das erste der deutschen Mannschaft in Russland. Die Zuschauer auf dem Trainingsplatz von ZSKA Moskau in Watutinki hielten es zu Dutzenden fest: Gündogan und sein Kumpel Mesut Özil stehen nach der Erdogan-Affäre in den Tagen vor dem WM-Auftakt gegen Mexiko am Sonntag (17.00 Uhr/ZDF und Sky) unter besonderer Beobachtung.

Gündogan zeigte sich bei der ersten Einheit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in Russland am Mittwoch überaus engagiert, und auch Özil hatte bei seiner Rückkehr nach einer Knieprellung ein paar gute Szenen wie den Beinschuss gegen Jerome Boateng. Und doch gibt es nach wie vor Stimmen, die das Duo am liebsten zu Hause sähen. "Wenn man auf gewisse Werte setzt, so wie das der DFB immer wieder vermittelt, dann kann die Entscheidung eigentlich nur so ausfallen, dass man die beiden Spieler rauswirft", sagte Stefan Effenberg dem Onlineportal t-online.de.

Effenberg weiß, wie sich so ein Rauswurf anfühlt: Auf Drängen des damaligen DFB-Präsidenten Egidius Braun war er bei der WM 1994 von Bundestrainer Berti Vogts nach der Stinkefinger-Affäre beim Vorrundenspiel gegen Südkorea (3:2) vorzeitig nach Hause geschickt worden.

Jetzt vermisst er eine ähnlich klare Linie: "Man dreht es sich beim DFB so, wie man es gerade braucht." Auch Uli Stein, der Teamchef Franz Beckenbauer 1986 "Suppenkasper" genannt hatte, sei von der WM ausgeschlossen worden, meinte Effenberg. "Der DFB war damals sehr konsequent und sehr schnell in der Entscheidung", ergänzte er rückblickend auf beide Fälle: "Özil und Gündogan haben jetzt Glück gehabt, dass der DFB in diesem Fall inkonsequent und nicht schnell gehandelt hat."

Ein Rauswurf von Özil und Gündogan, das hatte Joachim Löw bereits bei der Bekanntgabe seines vorläufigen WM-Aufgebots Mitte Mai betont, stand für den Bundestrainer aber nie zur Debatte. Fußballerisch sind beide ohnehin fester Bestandteil der Mannschaft, zudem stehen die Kollegen in der Nationalmannschaft fest zu ihnen. Das wurde auch am Mittwoch deutlich. Marco Reus scherzte viel mit Özil, Thomas Müller deutete bei ihm feixend einen Tritt in den Hintern an.

Gündogan war nach den Pfiffen beim letzten WM-Test am vergangenen Freitag in Leverkusen gegen Saudi-Arabien (2:1) von seinen Mitspielern demonstrativ in Schutz genommen worden. Die Ablehnung der Fans beschäftige die Spieler, sagte Löw, das bestätigte auch Effenberg, der 1994 in einer ähnlichen Situation war. "Das ist mit das Schlimmste, was einem passieren kann. Da stellt man sich viele Fragen. Zum Beispiel die, ob es das wert ist, dieses Trikot zu tragen." Özil und Gündogan haben sie mit "Ja" beantwortet.

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