WM in Russland

Weltmeister in unmöglicher Mission

Das Nationalteam trifft in Russland ein. Doch den Titel verteidigen konnten bisher nur Italien und Brasilien – vor langer Zeit.

Die deutsche Nationalmannschaft ist in Moskau gelandet

Die deutsche Nationalmannschaft ist in Moskau gelandet

Foto: Alexander Zemlianichenko / dpa

Moskau.  Der Landeanflug auf Moskau hatte fast schon begonnen. Gerade erst war die Lautsprecherdurchsage des Kapitäns von Flug LH2018 verklungen, dass sich dichte Wolken über der Stadt befänden, dass kleinere Turbulenzen also denkbar wären und der eine oder andere Umweg durch das Getümmel des Himmels noch geflogen werden müsse.

Just da erhob sich Joachim Löw aus seinem Sitz ganz vorn rechts und begab sich nach vorn ins Cockpit. Mal nach dem Rechten schauen. Vielleicht kann man ja helfen. Wenn es je einen Bundestrainer gegeben hat, dem zuzutrauen gewesen wäre, Flugzeuge zu landen, vermutlich auch zu bauen und zu heben, dann doch Joachim Löw. Dem Mann, der den Eindruck macht, stets und immer Herr der Dinge zu sein.

Löws Zutun war im Luftverkehr doch nicht nötig. Der Airbus 321 landete um 15.55 Uhr auf dem Flughafen Wnukowo. Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff entstieg dem Flieger zuerst, Löw und die Spieler, angeführt von Sami Khedira und Thomas Müller, folgten. Der Mannschaftsbus beförderte die Delegation des Weltmeisters nach Watutinki, einem unbelebten Ort im südwestlichen Nirgendwo von Moskau. Das Mannschaftsquartier dort dient sonst Parteifreunden des Präsidenten als Rückzugsort. In der Nachbarschaft hat die zentrale Funkaufklärung des Militärgeheimdienstes ihren Sitz. Spione nebenan. Liebe Grüße aus Moskau. Doch den Auftrag soll das nicht stören können. Der Auftrag heißt: Titelverteidigung bei der WM.

Letchkov und die Schmach von Cordoba

Schwer genug. Fast unmöglich. Ein Blick in die Vergangenheit genügt: Drei der letzten vier Titelverteidiger schieden in der Vorrunde aus: Frankreich passierte das 2002, Italien 2010, selbst den jahrelang unangreifbaren Spaniern 2014. Brasilien erreichte 2006 zumindest noch das Viertelfinale, ehe der Traum platzte. Überhaupt schafften es bislang nur Italien (1938) und Brasilien (1962), den Triumph zu wiederholen.

Deutschland versuchte sich bisher dreimal an der doppelt vergoldeten Mission – und scheiterte stets. 1958 kehrte die Mannschaft mit Platz vier aus Schweden zurück. 1978 gipfelte in der Schmach von Cordoba (2:3 gegen Österreich in der Zwischenrunde).

Und 1994 kam der Bulgare Yordan Letchkov angeflogen und besiegelte per Kopf das WM-Aus im Viertelfinale. Alles lange her. Allein schon daran zu erkennen, dass ein Spieler des Hamburger SV ein bedeutsames Tor schoss. Aber das ist eine ganz andere Sache.

Es geht vor allem um die Details

„Steht da Deutschland auch drauf“, fragte Toni Kroos vor ein paar Tagen, als ihm eine Umfrage vorgelegt wurde über die Mannschaften, die dem Weltmeister am gefährlichsten werden könnten. „Nein, nein, es geht um die Konkurrenten“, lautete die Antwort.

Der Stratege Kroos hatte das schon richtig verstanden, er lächelte dann über seinen feinen Witz, den er aber im Kern für durchaus wahr hält: Eigentlich bringt die deutsche Elf an Erfahrung, Qualität, Talent und Ausgewogenheit alles mit, was es braucht. Eigene Nachlässigkeit ist es, die nicht nur der Star von Real Madrid am meisten fürchtet. „Wenn wir die Details nicht ernst nehmen, sind wir eben auch nur eine durchschnittliche Mannschaft“, erklärte Löw dem „Kicker“. „Wenn wir aber auch die Details gut machen, können wir etwas Besonderes sein.“

Etwas Besonderes auf einer besonderen Reise. Denn auch sie – beginnend im Trainingslager – erfordert bislang kleinere und größere Anstrengungen, um Turbulenzen zu vermeiden. Ganz geklappt hat das nicht. In einer der vordersten Reihen des Flugzeuges saß neben Marco Reus der Spieler Ilkay Gündogan. Jener Mann also, der mitverantwortlich dafür ist, dass nicht nur sportliche Zweifel die Mannschaft nach Russland begleiten, sondern auch Unruhe.

Bierhoff verteidigt seinen unwirschen Auftritt

Sein Treffen mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan, dem auch Mesut Özil beiwohnte, löste vor vier Wochen beträchtlichen Wirbel aus, der sich noch immer nicht gelegt hat.

Immerhin versucht Bierhoff nicht mehr per Diktat, das Thema zu beenden. Sein unwirscher Auftritt im Fernsehen vor dem letzten Test gegen Saudi-Arabien am Freitag (2:1) sei „anders gemeint“ gewesen, wie er der „Bild“ sagte: „Ich will doch keine Maulkörbe verteilen und auf Befehl ein Thema beenden.“

Es müsse drüber geredet werden, natürlich. Nur einer der beiden Betroffenen, Özil, dürfte in den nächsten Wochen weiter schweigen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Selbst wenn es bis zur nächsten WM dauert. „Ich gehe davon aus, dass er das durchzieht“, sagt Bierhoff.

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