Fußball-WM

Sanfte Posterboys trotzen den Berserkertruppen von einst

Was für eine Mannschaft! Der Berliner Autor Michael Ebmeyer über die dramatische Heldengeschichte des deutschen Teams, „Schland“ in den Grenzen von 2014 und den Raum für neue Legende.

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Was für eine Mannschaft! Nun mit dem ersehnten und verdienten vierten Titel belohnt, der Krönung des Joachim Löwschen Trainerschaffens, der Vollendung des Großprojekts „Die deutsche Elf wird neu erfunden“. Hoch soll sie leben!

Und selbst wenn es doch schief gegangen wäre gegen Argentinier, die nicht nur Messi haben, sondern außerdem ein Spielfeld von hinten bis vorne dichtzumachen verstehen: Diese deutsche Mannschaft ist es, die im Halbfinale Brasilien mit 7:1 vom Platz gefegt hat. Den Gastgeber, die größte Fußballnation auf Erden.

Das wird bleiben, es ist als nicht nur fußballhistorisches Ereignis vielleicht wichtiger als der Pokal selbst. Das „Wunder“ oder, brasilianisch gesehen, die „Schmach von Belo Horizonte“, wird sie zur Legende machen, die deutsche WM-Auswahl Jahrgang 2014. Diesen Kader von sanften Posterboys, der mit den Berserkertruppen, wie sie bis durch die Neunzigerjahre unseren Länderspielfußball verkörperten, kaum mehr als den Namen der Sportart gemeinsam hat.

„Wir haben die Chance, hier zur Legende zu werden“

„Legende“ scheint ein Wort der Stunde zu sein, es trieb die Jungs schon vor Turnierbeginn um. „Wir haben die Chance, hier zur Legende zu werden“, raunten sie in Interviews oder wisperten es durch die sozialen Netzwerke, in denen manche von ihnen jeden spiel- und trainingsfreien Moment verbringen. Nun haben sie es geschafft.

Und wie! Der Knaller-Auftakt gegen Portugal, schön und gut – aber danach hatte man doch den Eindruck, die Luft sei schon wieder heraus. Da zeigte die deutsche Elf sich so, wie es nach den rumpeligen Testspielen zu erwarten war: Teams wie Ghana und Algerien bereiteten ihr herzlich Mühe, Thomas Müller sah den kolumbianischen Wunderknaben James Rodríguez in der Torjägerliste davonziehen, und im Viertelfinale gegen die Franzosen gab, wenn wir ehrlich sind, eher Glück als spielerische Überlegenheit den Ausschlag. Wer hätte dieser Mannschaft den großen, furchtbaren Zauber im Halbfinale zugetraut?

Aber nur so werden echte Heldengeschichten gestrickt. Wären die Jungs bei jeder Begegnung so dominant und souverän zu Werk gegangen wie im Portugal-Spiel, so hätte sich nach dem ersten Erstaunen bald eine gewisse Langeweile in die Bewunderung gemischt. Denn fast so sehr wie den Titel wünschen wir uns Dramen bei einer Weltmeisterschaft, und ein Drama muss Höhen und Tiefen bieten. Vor allem aber soll es uns überraschen.

Rauschhafter Fußball von Chile, Mexiko & Co.

Darum waren die Sternstunden des Turniers zunächst den heroischen Außenseitern vorbehalten – speziell den „kleinen“ lateinamerikanischen Nationalmannschaften, die grandiosen, rauschhaften Fußball spielten: Chile, Mexiko, Costa Rica, Kolumbien. Costa Rica durfte geradezu als Weltmeister der Herzen nach Hause fahren, den kein stärkerer Gegner bezwingen konnte, sondern dem ein Einwechseltorwart mit unsportlichen Tricks im Elfmeterschießen die Nerven geraubt hatte.

Und das erschütternde Gegenbild – das Material für den therapeutischen Schock, den das Drama uns ja auch einjagen soll – gaben die hoch gehandelten Teams aus Spanien, Italien und England ab. Wie entkräftete Gespenster einer verflossenen Ära gingen sie in der Vorrunde unter.

Die deutsche Mannschaft kam durch, doch Heldenpunkte wurden dabei fürs erste nur individuell gesammelt. Thomas Müller beginnt die WM mit einem Hattrick. Manuel Neuer hält wie ein Seemannsknoten. Mats Hummels entfaltet sich zu schönster Blüte. Toni Kroos ist nicht zu fassen. Und Mesut Özil, Lichtgestalt der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, driftet in rätselhafter Schwermut über das Feld; jeder macht sich Sorgen um ihn, und jeder denkt dabei insgeheim: So attraktiv war er noch nie.

Auch für das Zusammenspiel im Ganzen und dessen technische Ausgereiftheit gibt es immer wieder Lob, aber noch vor dem Halbfinale überwiegen skeptische Prognosen: Na ja, das ist eben eine Turniermannschaft, ihr gelingt, was ihr gelingen muss, mal sehen, bis zu welchem Punkt.

Poldi auf Portugiesisch

Dann der vorläufige Höhepunkt des Dramas, der 8. Juli in Belo Horizonte. So beseelt wie unbarmherzig trumpfen sie gegen eine desolate, schon nach 20 Spielminuten heillos zerrüttete Seleção auf – und zeigen sich dann wundersam bescheiden und taktvoll in der Nachbereitung. Der Sieg ist legendär, der Umgang mit dem Sieg legendär geschickt. Dass Jogi Löw nach dem Spektakel „Demut“ anmahnt, ist klar, das tut er immer. Den großen Coup in Sachen Respekt vor den Gedemütigten aber landet Twitter-Fuchs Lukas Podolski. Noch in der Nacht auf den 9. Juli postet er eine Hommage an Brasilien – auf Portugiesisch. „Brasilien ist und bleibt das Land des Fußballs“, heißt es da, „unsere Helden, die uns inspirieren, kommen alle von hier.“ Nötig wäre das nicht gewesen, es dürfte eh so gut wie keinen Brasilianer geben, der bei einem Finale Deutschland-Argentinien für den benachbarten Erzrivalen gewesen wäre. Aber der Sympathiegewinn für unsere Gewinnerjungs: ist unbezahlbar.

Was für eine Mannschaft! Jedoch, ketzerische Frage: Hat diese Mannschaft auch schön gespielt, im Mutterland des „Jogo Bonito“? Zum einen hat ja Jogi Löw den „schönen Fußball“, also das nicht rein ergebnisfixierte, sondern ansehnliche, anmutige Spiel über Jahre gepflegt wie noch kein Bundestrainer vor ihm. Zum anderen hatte er damit bisher keinen Titel geholt und wohl aus genau dem Grund das Prinzip für die Weltmeisterschaft 2014 weitgehend über Bord geworfen. Sodass selbst zum schicksalhaften Torhagel im Halbfinale vielen Beobachtern wieder nur das Unwort „Effizienz“ einfiel. Auch von der „deutschen Maschine“ war die Rede.

Und in der Tat, es war kein schönes Spiel. Ein 7:1 kann nicht schön sein. Wer aber überhaupt kein bisschen schön gespielt hat, bei nicht einem ihrer Auftritte in diesem Turnier, das war, ach!, die Seleção. Und man lasse uns Fußballromantiker ruhig glauben, dass darin ihr Sündenfall bestand; dass sie für ihre Abkehr von dem großen Versprechen, das der brasilianische Futebol seinem Land und der ganzen Welt immer gemacht hat, mit dieser beispiellosen Klatsche bestraft wurde.

„Das hotteste Team bei dieser WM“

Die deutsche Formel aber scheint vorerst zu lauten: Schöne Jungs statt schönem Spiel. Die „54 Gründe, warum die deutsche Mannschaft das hotteste Team bei dieser WM sein dürfte“, Mitte Juni auf der Website BuzzFeed veröffentlicht, leisten zur Legendenbildung einen nicht zu unterschätzenden Beitrag. Es handelt sich um eine neckisch-verführerisch betextete Auswahl der unzähligen Selfies und Oben-ohne-Bilder aus dem WM-Kader, auf denen unsere „babygesichtigen Adonisse“ sich als herzig metrosexuelle Poser zeigen – so körperbewusst, so grazil und epiliert wie man sich noch vor zehn Jahren nicht im kühnsten Traum eine deutsche Nationalmannschaft ausgemalt hätte.

Nun mögen Besserwisser nörgeln, die Kategorie „metrosexuell“ sei ja auch schon seit zehn Jahren durch, „spornosexuell“ sei der neue Trend, meinetwegen auch das. Für beide Kategorien gilt durchtrainiert, freizügig und begehrt. Noch bei der WM 2002 trugen alle Spieler das Trikot in der Hose. Dass das heißeste Team des Wettbewerbs den Titel holt, ist nicht ganz neu: Dasselbe gelang letztes Mal den Spaniern. Aber dass dieses heißeste Team nun tatsächlich das deutsche ist, und zwar „hot“ auf eine ziemlich weiche, gar nicht machohafte Art, kommt einer Revolution gleich. Man schaue sich zum Kontrast nur noch einmal die Weltmeisterelf von 1990 an, die im Finale ebenfalls – mit Ach und Krach – gegen Argentinien gewann.

Schland in den Grenzen von 2014 ist ein erstaunliches Gebilde. Zum ersten Mal nach vier gnädigen WM- und EM-Sommern wird die Party auf den Fanmeilen regelmäßig von Gewitterstürmen heimgesucht. Und findet trotzdem statt. Aufdringlicher denn je war die Schwarz-Rot-Gold-Kommerzialisierung in den Tagen vor dem ersten Anpfiff, als man kaum noch eine Tüte Milch kaufen konnte, ohne danach eine Fahne zu haben. Dann aber verschwanden fast all die verschlandeten Produkte ebenso plötzlich wieder aus dem Einzelhandel, wie sie erschienen waren. Die Präsenz der deutschen Farben in Straßen, an Autos, auf Wangen ist solide, aber nicht erdrückend. Ein guter Ort für neue Legenden.

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