Fußball-WM

Wir arbeiten dran - 1954, 1974, 1990 - und ...

Mit dem „Wunder von Bern“ begann 1954 alles, 20 Jahre später holte das deutsche Team den Titel im eigenen Land und 1990 siegte Deutschland gegen Argentinien. Die siegreichen WM-Finale.

1954 in Bern - 3:2 gegen Ungarn

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“, schrie Herbert Zimmermann voller Begeisterung ins Mikrophon. Und Rahn schoss. Und Minuten später war Deutschland zum ersten Mal Fußball-Weltmeister. Am 4. Juli 1954 wurde in Bern eine Legende geboren.

Es drohte eine Tracht Prügel: In der Rückschau gerät schnell aus dem Blick, dass im Jahr 1954 das Ende des Zweiten Weltkriegs gerade einmal neun Jahre zurücklag. Die Anzeichen des wirtschaftlichen Aufschwungs waren zwar schon spürbar, aber das selbst gewählte Naziregime und der von ihm verursachte Weltkrieg steckte den Deutschen noch spürbar in den Knochen. Man fühlte sich deklassiert, niedergeschlagen, zutiefst beschämt. Dazu passte, dass die deutsche Elf unter der Führung Sepp Herbergers an diesem 4. Juli als krasser Außenseiter auf das Feld des Berner Wankdorfstadions lief.

Denn die Ungarn galten als Avantgarde des Weltfußballs. Die „Goldene Elf“ nannte man das von Trainer Gusztáv Sebes angeführte Team, das zwischen dem 14. Mai 1950 und dem 4. Juli 1954 in 32 Pflichtspielen unbesiegt geblieben war. 1953 war ihnen gar das Kunststück gelungen, die als unbesiegbar geltenden Engländer vor der heimischen Kulisse des Londoner Wembley-Stadions mit 6:3 zu schlagen. Und so war es denn auch kein Wunder, dass sich Deutschlands Nationalmannschaft in der Vorrunde am 20. Juni im Baseler St.-Jakob-Stadion gleich eine blutige Nase abholte. Den Spielstand von 7:1 hatten die Ungarn schon in der 73. Minute herausgespielt, am Ende hieß es 8:3 für die Ungarn. In heutiger Sicht war es in etwa so, als würde Costa Rica gegen Italien auf das Feld laufen. Aber im Fußball weiß man ja nie.

„Ihr müsst brennen“ - Der Trainer: Historiker suchen gerne nach Brüchen und Kontinuitäten in der Geschichte, und bei Sepp Herberger werden sie fündig. Die Biographie des legendären Bundestrainers mit dem Trenchcoat beginnt im Kaiserreich, führt über zwei Weltkriege bis in die politisch stabile und wirtschaftlich starke Bundesrepublik. Seine Kindheit verbrachte er auf dem Waldhof bei Mannheim, einer Arbeitersiedlung, wo der Vater eine Anstellung in der Spiegelmanufaktur eines Glasfabrikanten hatte. Der Vater verstarb früh an den Folgen einer nicht ausgeheilten Grippe, da war Sepp Herberger gerade zwölf Jahre alt.

Er schloss 1911 die Schule ab und verdingte sich, um seiner Mutter finanziell zu helfen, als Hilfsarbeiter im Baugewerbe, während es ihn in seiner Freizeit immer wieder auf das Fußballfeld zog, zuerst beim Katholischen Jugendverein Mannheim. Man kickte zwischen fensterlosen Brandmauern, auf die man mit Kreide Tore zeichnete. Im Ersten Weltkrieg hatte er nur einen kurzen Einsatz als Funker, seelische und körperliche Wunden blieben ihm erspart. Seine aktive Laufbahn als Fußballer fällt zeitlich zusammen mit dem Aufstieg und dem Scheitern der Republik von Weimar. Schon kurz nach Hitlers Machtübernahme trat Herberger in die NSDAP ein und war seit 1936 verantwortlich für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft. Nach 1945 wurde er beim Entnazifizierungsverfahren als Mitläufer eingestuft und wurde 1950 zum Bundestrainer ernannt.

Herberger, der dort im Berner Wankdorfstadion auf der Bank saß, verkörperte die deutsche Geschichte wie kein zweiter. Die Not der Kriegsjahre, fatale Kompromisse mit dem NS-Regime, die unpolitische Lebensform – alles spiegelte sich in seinem Lebenslauf. Für die Nationalspieler aber war wichtig, in ihm eine Respektsperson zu finden, eine ruhige Autorität, die trotzdem das Feuer der Motivation schüren konnte. „Ihr müsst brennen!“ war denn auch sein Lieblingssatz, mit dem er die Spieler auf den Platz schickte.

Die Sensation: Kaum ein Spiel ist derart verklärt worden wie dieses. Wenn man heute auf den Spielverlauf schaut, dann erkennt man immer noch eine kurzweilige Partie. Die favorisierten Ungarn führten durch die Treffer von Puskás und Czibor schon nach acht Minuten mit 2:0. Doch die Deutschen hielten entschlossen dagegen und nutzten die etwas hochmütige Unaufmerksamkeit des Gegners noch vor der Pause zum Ausgleich. Danach stürmten vor allem die Ungarn, blieben aber immer wieder im deutschen Abwehrdickicht stecken. Was dann geschah, kann nur in den legendären Worten des Reporters Herbert Zimmermann geschildert werden: „Bozsik“, sagte er, „der rechte Läufer der Ungarn, am Ball. Er hat den Ball – verloren diesmal, gegen Schäfer, Schäfer nach innen geflankt – Kopfball – abgewehrt – aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen – Rahn schießt! – Tooooor! Tooooor! Tooooor! Tooooor!“ In der sich überschlagenden Stimme Zimmermanns kündigte sich eine Sensation an: Deutschland war Weltmeister.

Der Reporter: Herbert Zimmermann, 1917 in Alsdorf geboren, hatte im Gegensatz zu Sepp Herberger die Schrecken des Zweiten Weltkriegs erschöpfend kennengelernt. Er war Offizier und Panzerkommandant im Westfeldzug der Wehrmacht, war bei der Eroberung der Krim dabei gewesen und 1945 aus dem Kessel bei Kurland evakuiert worden. Er kehrte mit einer schweren Verwundung aus dem Krieg zurück. Für „schlachtentscheidendes Verhalten“ erhielt er im Februar 1945 noch das Eiserne Kreuz. Nach der deutschen Kapitulation bewarb er sich beim Nordwestdeutschen Rundfunk in Hamburg und stieg beim NDR zum Hörfunkchef auf. Dort führte er auch die Fußball-Konferenzschaltung ein, die jedem fußballinteressierten Menschen in Deutschland ein Begriff ist. Seine hoch emotionale Reportage vom Berner Endspiel hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gegraben – weniger bekannt ist, dass er sich ihretwegen später öffentlich entschuldigen musste. Der einflussreiche Bankier Robert Pferdmenges nahm Anstoß daran, dass Zimmermann den Torhüter Toni Turek als „Fußballgott“ bezeichnet hatte. Zimmermann moderierte 1966 noch das legendäre WM-Endspiel England-Deutschland. Er starb kurz darauf an den Folgen eines Autounfalls. Herbert Zimmermann ist ein Onkel des grünen Bundestags-Abgeordneten Hans-Christian Ströbele. Bis heute verdient Ströbele gut an den Gema-Tantiemen der Originalaufnahme.

Die Helden – und was aus ihnen wurde: Natürlich kann von der deutschen Elf von damals niemand reden – und gleichzeitig von Fritz Walter schweigen. Als Halbstürmer des 1. FC Kaiserslautern erzielte er in 384 Spielen 327 Tore – ein phänomenaler Wert. Nach dem Finalsieg von 1954 blieb er der einzige Spieler der Mannschaft, der seinen Erfolg nachhaltig vermarkten konnte. 1959 beendete er seine Profikarriere, vertrat die Sepp-Herberger-Stiftung, schrieb Bücher und hatte mit Werbeverträgen sein Auskommen. Er starb 2002. Seine Mitspieler fielen nach dem Triumph in ein unauffälliges Leben zurück. Toni Turek, den Reporter Herbert Zimmermann zum „Teufelskerl“ und zum „Fußballgott“ erhoben hatte, arbeitete als Angestellter bei der Rheinbahn AG, erkrankte 1973 an einer unerklärlichen Lähmung der Beine und verstarb elf Jahre später. Torschütze Helmut Rahn, auch er von Zimmermann in den Olymp der Unvergesslichen gehoben, beendete 1965 nach einer Operation an der Achillessehne seine Karriere. Er versuchte sich als Gebrauchtwagenhändler und Repräsentant einer Entsorgungsfirma für Bauschutt, blieb aber weitgehend erfolglos. An öffentlichen Auftritten im Zusammenhang mit seinem größten fußballerischen Erfolg blieb er desinteressiert und starb 2003 im Alter von 74 Jahren in seiner Geburtsstadt Essen. Ein Kuriosum, das auf die heutige Zeit weist: Der Enkel eines Cousins von Helmut Rahn ist der ghanaische Fußballspieler Kevin-Prince Boateng.

Der durch seine Flanke unsterblich gewordene Linksaußen Hans Schäfer wurde zunächst Praktikant in der Parfümerieabteilung im Kölner Kaufhof. Später war er verantwortlich für eine Großtankstelle in der Stadt und arbeitete dann noch einige Jahre als Co-Trainer beim 1. FC Köln, bevor er sich ganz vom Fußball zurückzog. Er ist zusammen mit Stürmer Horst Eckel der letzte noch lebende Spieler der legendären Elf. Eckel ist einer der wenigen, die sich nach der aktiven Karriere noch für einen Beruf ausbilden ließen: Er studierte Kunst und Sport und arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Realschullehrer.

Der Mythos: Die Fußballnarren unter Deutschlands Akademikern haben immer wieder versucht, die sportlichen Erfolge der Nationalmannschaft im Zusammenhang mit der Politik- und Sozialgeschichte zu deuten. Dazu ist das „Wunder von Bern“ besonders geeignet, das bis in die Wortwahl hinein mit dem „Wirtschaftswunder“ verschwistert zu sein scheint. In der Tat wurde der westdeutsche Teilstaat in den fünfziger Jahren von einer beispiellosen Prosperität erfasst, die je nach historischer Schule mit den Hilfen des Marschall-Plans, mit einem im Krieg zurückgestauten Konjunkturzyklus oder etwa der Währungsreform von 1948 erklärt wird. Der Sieg von 1954 erscheint in dieser Perspektive wie die Besiegelung einer viel allgemeineren Erfolgsgeschichte, und nicht selten dient er als Initialzündung eines gesteigerten internationalen Selbstbewusstseins, einer „Wir-sind-wieder-wer“-Haltung. Als Rahn aus dem Hintergrund das erlösende 3:2 erzielte, stand Deutschland noch unter alliiertem Besatzungsstatut, das ein knappes Jahr später durch die Pariser Verträge erlosch. Die Bundesrepublik kehrte zurück in die Staatengemeinde, und manche sahen in dem Sieg von Bern später ein Vorzeichen dafür.

Geschichte ist eben auch der Versuch, die Kette von Zufällen, die wir unser Leben nennen, in eine Erzählung einzubetten und damit Sinn zu stiften. Insofern darf man solche Deutungen nicht zu ernst nehmen. Wir wären auch ohne Rahns Tor da, wo wir heute sind. Wir hätten nur womöglich weniger Freude daran.

1974 - 3:1 gegen die Niederlande, Müller sei dank!

Ein Finale im eigenen Land? Das musste unbedingt gewonnen werden. Und doch sahen die meisten Beobachter die Gegner aus den Niederlanden an diesem 7. Juli 1974 in München in der Favoritenrolle. Und doch kam alles ganz anders – Müller sei dank!

Rumpler gegen Ästheten: Im Finale von München trafen am 7. Juli 1974 zwei komplett verschiedene fußballerische Philosophien aufeinander. Die Deutschen, obwohl amtierender Europameister, hatten sich im Lauf des Turniers nicht eben durch technische Brillanz profiliert. Es war vielmehr die Robustheit, die Kondition, eine bisweilen harte Körperlichkeit, die das deutsche Spiel prägte und über Jahre hinaus das Klischee vom deutschen Rumpelfußball verfestigt hat. Und auch der schien keineswegs mehr ein Erfolgsgarant zu sein: Schon in der ersten Runde war der bundesrepublikanischen Mannschaft eine spektakulär peinliche Niederlage gegen das Team der DDR unterlaufen. Das Sparwasser-Tor ist deshalb im kollektiven Gedächtnis ähnlich prominent wie Maradonas „Hand Gottes“ oder der Elfmeter-Zettel Jens Lehmanns bei der WM 2006.

Die Holländer jedenfalls waren dagegen jedermanns Liebling. Unter Rinus Michels hatte die Elftal zu einem Fußball von erstaunlicher Leichtigkeit gefunden, der bisweilen fast brasilianisch wirkte. Keiner stand so für diesen Stil wie das Wunderkind Johan Cruyff, dessen Dribblings und Übersteiger hin und wieder fast etwas Herablassendes hatten. Die Oranjes gingen denn auch schon in der zweiten Minute durch einen Elfmeter in Führung, die die deutsche Elf freilich in der 26. Minute ausglich. Gerd Müller schaffte es kurz vor der Pause, den Siegtreffer zu erzielen.

Gute Freunde kann niemand trennen: Das Turnier brachte höchst unterschiedliche Charaktere zusammen. Franz Beckenbauer, der bei der Weltmeisterschaft 1966 seinen Durchbruch gefeiert hatte, war bei dieser Weltmeisterschaft auf der Höhe seines internationalen Ruhms. Längst hatte ihn die Werbeindustrie für sich vereinnahmt. „Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch“ verkündete der Münchener mit sanft gerollter Intonation, und mit „Gute Freunde kann niemand trennen“ legte er 1966 einen kreuzbraven Heintje-Schlager vor, der bis heute als gutes Beispiel dafür gilt, warum Fußballer von Musik lieber die Finger lassen sollten.

Trainiert wurde er von einer anderen Legende der deutschen Fußballgeschichte: von Helmut Schön. Schon als aktiver Fußballer hatte er regelmäßig Erfolge gefeiert, in seiner neuen Eigenschaft als Fußballlehrer wurden nun Triumphe daraus. Nachdem er 1966 in England das WM-Finale erreicht hatte und 1970 in Mexiko mit seiner Mannschaft Dritter wurde, holte er 1972 bei den Europameisterschaft einen ersehnten Titel und 1974 die Weltmeisterschaft. In dem Buch „Die Geschichte der Fußball-Nationalmannschaft“ nennen die Autoren Dietrich Schulze-Marmeling und Hubert Dahlkamp die Wirkungszeit Schöns als „die spielerisch hochwertigste, ereignisreichste und erfolgreichste Phase in der Geschichte der deutschen Nationalelf“.

Gegenüber dem patriarchalen Sepp Herbergers setzte Schön auf ein eher kollegiales Miteinander. Wieder Marmeling und Dahlkamp: „Schön verstand es, die Spieler in ihrem Trachten nach Eigenständigkeit gewähren zu lassen und war sogar bereit, ein Stück seiner Autorität an einzelne Führungsspieler abzutreten. Schöns Erfolgsgeheimnis war sein eher ‚undeutscher‘ Führungsstil. Dies konnte aber auch nur deshalb funktionieren, weil die Spieler die liberale Politik ihres Trainers mit Einsatzbereitschaft und dem Willen zum Erfolg quittierten“. Schön galt hier noch als modern – in späteren Jahren wurde ihm sein Stil als Führungsschwäche vorgeworfen.

Bomben und Morddrohungen: Eigentlich war es ein sportdiplomatischer Triumph für die Bundesrepublik. Nach den olympischen Spielen von 1972 das wichtigste Fußballturnier der Welt wieder in München auszurichten: Viel mehr internationale Anerkennung war auf dem Feld der Symbolpolitik nicht zu haben. Doch gerade die olympischen Spielen von 1972 waren zwei Jahre später eine Belastung. Der Überfall auf das israelische Dorf überschattete auch die WM. Die Rote Armee Fraktion hatte damit gedroht, einen Anschlag auf das Hamburger Volksparkstadion zu verüben, während die Irisch-Republikanische Armee ankündigte, die schottischen Nationalspieler während des Turniers ermorden zu wollen. Die Sicherheitskomponente hatte deshalb Priorität. Die Quartiere, in denen die Mannschaften unterkamen, glichen in den Wochen der WM gut geschützten Festungen. Vor den Stadien führte die Polizei erstmals stichprobenartig Leibesvisitationen durch, die heute bei großen Spielen die Regel sind. Besondere Sorgfalt genossen die Mannschaften aus der DDR und Chile, gegen die ebenfalls Drohungen ausgesprochen wurden. Die Bilanz: nichts geschah.

Das leichte Leben: Um es einmal drastisch zu sagen: Neben den rundumbetreuten Ausnahmeathleten von heute wirken die Nationalspieler von 1974 wie Raucherkneipenbesucher um drei Uhr nachts. Die deutsche Elf begriff die Weltmeisterschaft auch als Chance, es regelmäßig richtig krachen zu lassen. Frank Beckenbauer bat die Mannschaft zu einer Gartenparty in seinem Münchner Haus, und die lebenslustigen Holländer schafften es mit Fotos in die Boulevardzeitung, die sie mit unbekannten, nicht besonders aufwändig bekleideten Damen und flaschenweise Schampus im Hotelpool zeigten. Die Idee, auch die Zeit der Weltmeisterschaft zum kraftschonenden Trainingslager mit gelegentlichen Spielen zu machen, war hier noch ein ferner Traum.

Vielleicht war aber auch nur der Nachholbedarf der Deutschen um Paul Breitner und Gerd Müller besonders groß. Vier Wochen hatte das Team in der Vorbereitungszeit in der holsteinischen Schweiz verbracht, im Trainingslager von Malente. Essen und Unterbringung waren bestenfalls karg zu nennen. Durch ein Loch im Zaun ergriff so mancher Spieler die Flucht.

Ein erstes deutsches Sommermärchen? Es war schon ein kurioses Klima, in dem die Endrunde des weltgrößten Fußballturniers 1974 stattfand. Helmut Schmidt hätte sich nur ein halbes Jahr zuvor nicht träumen lassen, das er sie als Bundeskanzler und nicht als Finanzminister auf der Tribüne verfolgen würde. Und doch war es so gekommen. Einigermaßen spektakulär war mit Günter Guillaume ein DDR-Topspion in Willy Brandts Kanzleramt aufgeflogen. Dass Brandt daraufhin zurücktrat, hatte aber noch andere Gründe. Die Ölkrise hatte den westlichen Industrienationen dramatisch ihre Abhängigkeit von fossilen Energieträgern vor Augen geführt und für einen anhaltenden wirtschaftlichen Abschwung gesorgt. Auch ein harter Streik im öffentlichen Dienst unter der Führung Heinz Klunckers wird zu den Ursachen des Rücktritts gezählt.

So mochte denn Helmut Schmidt vielleicht auf die stimmungsaufhellende Wirkung eines „Sommermärchens“ spekulieren. Doch das gelang leider nicht hundertprozentig. Das lag zum einen – wie so vieles – am Wetter: Pünktlich zur Eröffnungsfeier begann eine mehrwöchige Regenperiode in Deutschland, die erst kurz vor dem Endspiel endete. Damit erklärt sich auch ein Zuschauerzuspruch, den man aus heutiger Sicht fast mangelhaft nennen muss: Die Stadien waren im Schnitt zu 73 Prozent ausgelastet. Für damalige Verhältnisse mochte das viel sein, doch der Funke der Begeisterung sprang nicht über.

Was dieser Endrunde im Vergleich zur Fußball-WM 2006 auch fehlte, war ein entspanntes politisches Klima. Die „Neue Ostpolitik“ hatte schon unter Schmidts Vorgänger Willy Brandt zu einer Annäherung mit den Staaten des Warschauer Paktes geführt – doch das darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch in Zeiten des Tauwetters verdammt frostig werden konnte. So hatte Hauptsponsor Mercedes-Benz beispielsweise Busse in schwarzrotgoldener Lackierung bereitgestellt. Die Delegation der DDR weigerte sich einzusteigen, schließlich fehlten Hammer und Zirkel. Erst nach massiver Intervention wurden sie nachträglich angebracht.

Auch im Hinblick auf die hohen Sicherheitsbedürfnisse haben Kritiker von einer „vollsterilisierten WM“ gesprochen, „deren Mannschaften hinter Stacheldraht und verrammelten Hoteltüren“ lebten. Doch das war vergessen und nur noch historische Fußnote, als Gerd Müller sich so unnachahmlich um die eigene Achse drehte und das Siegtor schoss.

Die Helden – und was aus ihnen wurde: Wenn man die Biographien der Weltmeister von 1954 und der Weltmeister von 1974 vergleicht, fällt der gesellschaftliche Bedeutungswandel auf, den das Spiel in diesen 20 Jahren durchgemacht hatte. Die Karriere des Ausnahmespielers, -trainers und Fußballfunktionärs Franz Beckenbauer ist so bekannt, dass sie hier nicht eigens erzählt werden muss – oder vielleicht nur in einem Satz: Als Spieler und als Trainer wurde er mit Deutschland Weltmeister, als Funktionär holte er die Weltmeisterschaft nach Deutschland. Mehr kann man im Fußball in einem Leben kaum erreichen.

Obwohl sich auch Uli Hoeneß da nicht groß zu verstecken braucht. Nachdem er seine Karriere 1979 aufgrund einer Verletzung vorzeitig beenden musste, baute er als Manager den FC Bayern München zu dem profitablen Wirtschaftsunternehmen auf, das der Verein heute ist. Dass er mit der Steuer Probleme bekam, steht auf einem anderen Blatt.

Torhüter Sepp Maier wurde als Torwart-Trainer mit der Nationalmannschaft einmal Welt- und einmal Europameister, mit seinem Stammverein FC Bayern München konnte er achtmal die Deutsche Meisterschaft feiern. Berti Vogts konnte als oft gescholtener Bundestrainer die Europameisterschaft 1996 feiern. Nach verschiedenen Stationen ist er für die von Jürgen Klinsmann trainierte US-Elf als Berater tätig.

Der als „Bomber der Nation“ in den Geschichtsbüchern eingetragene Gerd Müller, der das so wichtige Siegtor im Finale schoss, fiel nach dem Ende seiner Karriere in ein tiefes Loch. Noch während der letzten Monate seiner Laufbahn hatte er im amerikanischen Fort Lauderdale ein Steak-Restaurant eröffnet – doch er wurde damit nicht glücklich und begann, zu viel zu trinken. Es war Uli Hoeneß, der Müller zu Beginn der 90er Jahre zu einer Entziehungskur überredete und ihm eine Beschäftigung als Trainer der zweiten Mannschaft des Vereins verschaffte, wo er bis heute tätig ist. Ebenfalls für den FC Bayern aktiv ist der selbstbewusste Paul Breitner. Er arbeitet als Scout.

Spieler wie Bernd Hölzenbein, Jürgen Grabowski, Wolfgang Overath versuchten sich ebenfalls als Funktionäre und Sportbotschafter um den Fußball verdient zu machen. Einzig Georg Schwarzenbeck ging einen anderen Weg: Er führte bis 2008 einen Schreibwarenladen in München.

1990 in Rom - 1:0 gegen Argentinien

Es war der Sommer vor der deutschen Wiedervereinigung. „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf“, sang die deutsche Fußball-Nationalmannschaft unter Teamchef Franz Beckenbauer. Und sie lehrte ihre Gegner in Italien das Fürchten.

Eine WM der Dramen: „Un’ estate Italiana“ heißt der WM-Song von 1990, geröhrt von Gianna Nannini, der noch lange in Deutschlands Provinz-Italienern dudeln wird. Eine unvergessliche WM in Italien. Deutschland galt von Beginn an als Favorit. Die Gruppenphase überstand die Beckenbauer-Truppe souverän. Als Auftakt ein 4:1 Sieg gegen die als stark eingeschätzten Jugoslawen. Die Vereinigten Emirate fegte man mit 5:1 vom Platz, bei Kolumbien ging man allerdings 1:1 auseinander. „Kolumbianische Passionsspiele“, lautete damals der spöttische Fernsehkommentar. Der kolumbianische „Rauschgoldengel“ Valderrama, weltbekannt durch seine Frisur, wälzte sich nach einem Nicht-Foul von Klaus Augenthaler minutenlang vor dem deutschen Tor. Ein Valderrama-Drama.

Das Achtelfinale gegen Holland bleibt unvergesslich: Dank Frank Rijkaards doppelter Spukattacke gegen Rudi Völler. Das Länder-Duell ist aufgeheizt. „Das war damals am Siedepunkt“, sagte Völler später. Die Wut entlädt sich in Rijkaards Rotze. Im Vorbeigehen spuckt er ein letztes Mal in Tante Käthes Locken, als beide den Platz verlassen müssen. Man trennt sich 2:1 für Deutschland, Viertelfinale gesichert, aber das Spiel bleibt ein deutsch-holländischer Tiefpunkt. Später versöhnen sich Rijkaard und Völler, treten zusammen in einem Werbespot für Butter auf.

Beim Viertelfinal-Spiel gegen die CSFR steht Franz Beckenbauer im Zentrum. Er wütete von der Seitenlinie, empört über seine Mannschaft, die aufgehört hätte, „intelligent zu spielen“. Dabei war die CSFR nach einem zornigen Schuhwurf nur zu zehnt auf dem Platz, Entscheidung von Schiedsrichter Helmut Kohl. Fair dagegen das Halbfinale gegen England – hart umkämpft, aber sportlich. Deutschland führt 1:0, doch in der 80. Minute steht Bodo Illgner falsch: 1:1. Es geht ins Elfmeterschießen. Der große Techniker Waddle verschießt seinen Elfer – Deutschland gewinnt. Man steht im Finale: gegen Argentinien.

Das Wunderkind: Alle argentinischen Hoffnungen ruhten auf Diego Maradona, der „Hand Gottes.“ Bei der WM 1986 hatte Argentinien in Mexiko die Deutschen mit 3:2 besiegt. Und diesmal? Stellt Guido Buchwald den Superstar Maradona kalt, wird danach liebevoll in Diego Buchwald umgetauft. Das deutsche Mittelfeld ist stark, auch wenn das Spiel eher bleiern wirkt. Die Deutschen rennen gegen eine argentinische Mauer an. Andi Brehme macht einige gefährliche Schüsse auf das Tor, der junge Thomas Berthold entscheidet fast das Spiel mit einem Kopfball. Am Ende ist es der Schiedsrichter, der die Weichen stellt. Und die Härte der frustrierten Argentinier in der zweiten Halbzeit. Ein schlimmes Foul an Jürgen Klinsmann bringt den Argentiniern einen ersten Platzverweis, ein anderes eindeutiges Foul an Klaus Augenthaler wird dagegen nicht geahndet. Der mexikanische Schiedsrichter mag seine Fehlentscheidung bereut haben, denn wenig später pfeift er einen Elfmeter, nachdem Rudi Völler im Strafraum zu Boden ging. Ein Geschenk. Andi Brehme verwandelt so in der 85. Minute zum 1:0. Nun sind die Argentinier völlig aufgebracht, sprechen von „Schiebung“. Als Jürgen Kohler auf Zeit spielt, wird er von einem Argentinier wie beim Catchen niedergerungen. Zweite rote Karte. Deutschland gewinnt – und wird Weltmeister.

Nervenkrieg und Schuhprobleme: Dafür brauchte man Cojones. Die letzten Minuten des Finales Deutschland – Argentinien liefen, noch war kein Tor gefallen. Der mexikanische Schiedsrichter hatte einen umstrittenen Elfmeter für Deutschland gepfiffen, das Stadion tobte. Was für ein Druck! Wer tritt an? Die Nation erwartet den Kapitän Lothar Matthäus am Elfmeterpunkt, den späteren Weltfußballer, der schon gegen die CSFR den Elfer souverän verwandelte. Nur Karl-Heinz Rummenigge, der zusammen mit Gerd Rubenbauer das Spiel im Fernsehen kommentiert, ahnt etwas. „Ich tippe auf Andi Brehme“, sagt er gleich. „Matthäus hat sich schon verkrochen“, ergänzt darauf Rubenbauer. Matthäus rechtfertigt sich hinterher, er hätte seinen Schuh, der 70 Länderspiele durchgehalten habe, in der Halbzeitpause wechseln müssen. Kaputt. „Mit einem neuen Schuh geht man ja auch nicht gleich zum Opernball“, wird er später in seiner Matthäus-Poetik sagen. Andi Brehme dagegen schnappt sich entschlossen den Ball, hämmert ihn ins Netz. „Irgendeiner musste ja schießen.“ Der „Elfmeterkiller“ Goycochea hatte keine Chance.

Ein Volk entdeckt sich neu: Deutschland feiert zum ersten Mal wieder national. Dabei ist man offiziell noch Bundesrepublik, das Land mit der patriotischen Leidenschaft eines puritanischen Gesangskreises. Noch steht die Wiedervereinigung aus, es ist der letzte BRD-Sommer. Aber gefühlt ist man jetzt Deutschland, zumindest unter Fußball-Fans. Andere – gerade Intellektuelle – tun sich damit schwer. Kilometerweit sei man mit dem Mannschaftsbus zum Auftaktspiel durch ein Meer von Deutschlandfahnen zum Stadion gefahren, berichtet Franz Beckenbauer ergriffen. Die Szene berührt auch junge Spieler wie Jürgen Klinsmann, der von sich sagt, er sei „mit Sicherheit kein extremer Patriot“. Plötzlich ist man „stolz“, für sein Land zu spielen, eine neue Vokabel. Es verändert sich etwas im Land, auch wenn man Fahnen an Häusern noch vergeblich sucht. Und dann wird Deutschland WM-Sieger. Schnappen wir jetzt über? Das fragt sich mancher besorgt. 1990 ist Fußball noch eine volksnahe Angelegenheit. In den Städten geht es in dieser Finalnacht rund. Erste Autokorso bilden sich, es wird getrunken, gegrölt und gefeiert.

Der moderne Teamchef: Es ist seine WM. Sein Sieg. Zwar steht Franz Beckenbauer diesmal nicht als Spieler auf dem Feld, doch als Trainer ist er der überragende Kopf. „Bravo Franz“ lautet die Schlagzeile, wenn die Nationalmannschaft siegt. Beckenbauer, der am Ende seiner Karriere in New York gespielt hatte, macht den deutschen Fußball weltmännisch. Elegant wie ein italienischer Trainer steht er an der Seitenlinie, die Arme fast immer verschränkt und dirigiert das Spiel. Er ist entschlossen, diese WM besser zu händeln als die WM vier Jahre zuvor in Mexico, als ihm die Spieler auf der Nase rumtanzten, Torwart Uli Stein ihn einen „Suppenkaspar“ nannte und alle einen Lagerkoller kriegten. Diesmal arbeitet er mit einem Mix aus Training und Freizeit. Seine Pressekonferenzen sind souverän und unterhaltsam, er fordert ein „intelligentes Spiel“ von seinem Team. Deshalb regt ihn das Gekicke gegen die CSFR so auf; Matthäus berichtet, es seien hinterher in der Kabine Eiswürfel geflogen und Augenthaler erzählt, wie er sich gleich verdrückt habe. Man wollte dem Chef nicht unter die Augen treten, so aufgebracht war er. „Als wären wir ausgeschieden.“ Doch Deutschland scheidet nicht aus, und nach dem Finale jubelt auch Franz Beckenbauer enthemmt. Nun ist er doppelter Weltmeister: als Spieler und als Trainer. Auf der Pressekonferenz nach dem WM-Sieg lässt sich Beckenbauer – mit Blick auf die Wiedervereinigung – zu einem fatalen Satz hinreißen: „Es tut mir leid für den Rest der Welt, der deutsche Fußball wird auf Jahre hinaus unschlagbar sein.“ Er sollte sich täuschen.

Die Helden – und was aus ihnen wurde: „Sie wollen Stars sein“, schrieb Jürgen Leinemann 1990 im „Spiegel“ über die Spieler der Nationalmannschaft. Heute normal, damals neu. Den deutschen Fußballer erwartete zuvor nach seinem Ausscheiden ein bescheidenes Leben. Erfolgreich war, wer eine Lotto-Totto-Annahmestelle oder eine Tankstelle betrieb. Die Generation von 1990 ist dagegen offen egoistisch. Thomas Berthold sagt klar, dass die Mannschaft auf dem Platz nur ein Zweckbündnis sei. „Jeder weiß, dass er vor allem für sich selbst sorgt - für Karriere, Selbstwertgefühl und Geldbeutel“, so Leinemann damals. Aber hat sich diese Erwartung erfüllt?

Anders als die Weltmeister-Generation von 1974 sind die WM-Sieger von 1990 oft in der zweiten Reihe geblieben. Lothar Matthäus sagte viel später im Interview, das läge an den „Connections“. Paul Breitner beispielsweise sei durch seinen Freund Uli Hoeneß wieder ins Fußball-Boot geholt worden. Und die Connection Matthäus, Buchwald, Brehme, wo blieb die? „Das hat sich halt nie ergeben. Vielleicht war das ein Moment, in dem die Positionen schon besetzt waren mit einer anderen Generation.“

Das Schicksal Lothar Matthäus kennt man zur Genüge aus dem Privatfernsehen. Viele Trainerstationen im Ausland, aber in der Bundesliga kriegt er als Trainer kein Bein auf die Erde. Irgendwie traurig. Anders Rudi Völler, der zwischenzeitlich Bundestrainer war und jetzt Sportdirektor bei Bayer Leverkusen. Oder Jürgen Klinsmann, der kurz als Trainer-Gott galt, nachdem er das Sommermärchen von 2006 angeführt hatte. Aber dann bei Bayern München mit seinem chilligen Bhudda-Lifestyle tief stürzte. Jetzt kennen wir ihn als US-Trainer. Andere wie Andi Brehme sind inzwischen „Privatier“, tauchen höchstens mal in Talkshows auf. Seine Trainerkarriere versandete unter Giovanni Trapattoni beim VFB-Stuttgart. Der letzte Posten von Klaus Augenthaler war Trainer beim SpVgg Unterhaching, damals einem Drittligisten. Sein Vertrag wurde nicht verlängert. Der Berliner Thomas Häßler – „Icke“ – dagegen arbeitet jetzt ganz weit weg beim Verein Padideh Maschad im Iran. Und was wurde aus dem ehrgeizigen Thomas Berthold? Der spielt heute mit Karlheinz Förster und Guido Buchwald bei den Schwaben Allstars, kommentiert ab und zu für Fernsehsender und ist Geschäftsmann. Was er verkauft? Gehobene Fan-Reisen.

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