Mein Brasilien

Brasilien im Taxi

Manchmal braucht es nur eine Taxifahrt, um Brasilien wirklich zu verstehen. Jörn Meyn berichtet von der Fußball-WM und hier über sprunghafte Stimmungswechsel in Rio.

Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt Rio de Janeiros kramt Paolo im Handschuhfach. Der Taxifahrer holt eine DVD heraus und schiebt sie in den Player am Armaturenbrett. „Das ist mein Sohn Marco Antonio“, sagt er. Ich sehe einen Mittvierziger mit Sonnenbrille. Mein Fahrer Paolo hat graues Haar und tiefe Falten. Früher war er einmal professioneller Trompeter. Er ist nun 78 Jahre alt, und mag trotz der ständigen Staus das Taxifahren in Rio. Auf der DVD setzt traurige Musik ein. Ich sehe einen Sarg mit Blumen darauf und weinende Menschen. Auch Paolo steht dabei. „Marco Antonio ist vor anderthalb Jahren gestorben“, sagt er. Mit nur 44 Jahren. Ein Herzinfarkt. Paolo erzählt das nicht einfach so. Er hatte mich gefragt, was ich in Rio mache. Als ich ihm erzählte, dass ich Journalist sei und über das WM-Finale berichte, sagte er: „Mein Sohn war auch Journalist. Kameramann.“

Dann entschuldigt sich Paolo, schaltet den DVD-Player aus und macht das Radio an. „Das große Finale im Maracana also“, sagt er und hebt den Daumen: „Deutschland muss gewinnen.“ Brasilien, das war nix. Und Argentinien, die können auch nicht viel mehr. Aber Deutschland. Die werden Weltmeister. Die sind richtig gut. Paolo ist wie ausgewechselt. Jetzt ist Fußball. Eben war noch Tod. Freude und Leid. Alles dicht beisammen. Im Radio läuft „Friends will be Friends“ von Queen. Ich schweige und sehe aus dem Fenster des gelben Taxis, wie vor uns der Strand der Copacabana auftaucht. Manchmal braucht es nur eine Taxifahrt, um Brasilien wirklich zu verstehen. Trauer, Freude, Herzlichkeit. Alles auf einmal.