Fußball-WM

Generation Sommermärchen vor letzter Chance gegen Brasilien

Schweinsteiger, Lahm, Podolski und Co. scheiterten in zwei Halbfinals seit 2006. Nun soll endlich der WM-Titel her. So könnte das Jahr 2014 für die DFB-Elf zum Endpunkt einer goldenen Ära werden.

Foto: PATRIK STOLLARZ / AFP/Stollarz

Erinnerungen heften sich an Bilder. Sie verdichten Geschichte. Bei Bastian Schweinsteiger ist es dieses: Er trägt einen Cowboy-Hut in Schwarz, Rot und Gold. Er steht auf dem Spielfeld der Arena von Stuttgart und jubelt mit seinen Teamkollegen der deutschen Nationalmannschaft über den dritten Rang bei der WM 2006 in Deutschland. Wenige Augenblicke zuvor, in der 78. Minute im Spiel um Platz drei gegen Portugal, traf Schweinsteiger zum 3:0. Ein Fernschuss mit rechts, vorbereitet durch ein Dribbling über links.

Ein anderes Bild jener Geschichte von 2006 mutet ähnlich an – diesmal ist Philipp Lahm das Motiv. Der kleine Münchner, damals noch Linksverteidiger, trägt eine Manschette am Arm, als er in der 6. Minute gegen Costa Rica von links außen an die Strafraumgrenze dribbelt und den Ball in den rechten Winkel schlenzt.

Es ist das 1:0 im Eröffnungsspiel der Heim-WM in München. Zwei Spieler, zwei Tore, zwei Protagonisten des Sommermärchens von 2006. Der End- und der Ausgangspunkt jenes identitätsstiftenden Turniers für den deutschen Fußball der jüngeren Zeit.

Die letzten Überlebenden der Generation Sommermärchen

Seit diesen glückseligen Tagen sind acht Jahre vergangen. Schweinsteiger und Lahm sind immer noch da. Zusammen mit Lukas Podolski, Miroslav Klose und Per Mertesacker sind sie bei der WM in Brasilien die letzten Überlebenden der Generation Sommermärchen im deutschen Team. Einschließlich 2006 standen sie zweimal in einem WM-Halbfinale. Und zweimal verloren sie – gegen Italien und gegen Spanien 2010.

Nun also stehen sie erneut in der Runde der letzten Vier. Gegen Brasilien am Dienstag in Belo Horizonte (22 Uhr) bietet sich für sie die Chance, erstmals das WM-Finale zu erreichen. „Gegen den Gastgeber zu spielen, ist eine große Herausforderung für uns“, sagt Schweinsteiger. Das ganze Stadion werde gegen sein Team sein, ja sogar das ganze Land. „Aber solche Spiele machen besonders Spaß. Das saugt man als erfahrener Spieler auf.“ Dass Brasiliens Superstar Neymar verletzt fehlen wird, sei traurig: „Große Spieler wie er müssen einfach in großen Spielen auf dem Platz stehen“, sagt Schweinsteiger.

Dass es für ihn selbst, Lahm und die übrig gebliebenen der Generation Sommermärchen auf Nationalmannschaftsebene noch viele solcher großen Spiele geben wird, ist eher unwahrscheinlich. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist diese WM für sie die letzte Gelegenheit auf den wichtigsten Titel in ihrem Sport. 2006 waren sie Anfang 20. Nun sind sie Ende 20, Anfang 30. 2018 in Russland werden sie Mitte 30 sein – das Rentenalter eines Fußballers. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass sie dann die WM von der Couch aus verfolgen werden. Wie ihre beiden Tore für die Heim-WM könnten daher beide Turniere, 2006 und nun 2014, für Lahm und Schweinsteiger zum Anfangs- und Endpunkt ihrer WM-Karrieren werden.

Schweinsteiger aber will davon nichts wissen. Im August wird er 30 Jahre alt. „Ich bin noch 29 und kann noch eine weitere WM spielen, wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorstelle.“ Lahm dagegen sieht das anders: „Ich bin mir bewusst, dass es sein kann, dass dies meine letzte WM ist. Deshalb will ich alles, was ich habe, in die Waagschale werfen, noch fokussierter sein.“

Für den 30 Jahre alten deutschen Kapitän war der WM-Titel immer eine Obsession, seit er im Alter von sechs Jahren Deutschlands Sieg 1990 in Italien verfolgte. „Das war das erste Turnier, das ich bewusst miterlebt habe“, sagt Lahm. Es könnte sogar sein, dass er seiner Familie im Münchner Stadtteil Gern, in dem er zusammen mit der Schwester, den Eltern, Großeltern, Onkel und Tante in einem Haus aufwuchs, ziemlich auf die Nerven gegangen ist.

„Ich habe mir diese WM mindestens 100 Mal auf Video angeschaut“, erzählt Lahm. Wie Andi Brehme den Elfmeter zum Sieg gegen Argentinien im Finale verwandelte. Wie Lothar Matthäus den Pokal in Roms Abendhimmel stemmte, und wie die Mannschaft feierte. „Wenn wir Weltmeister werden, dann lassen wir es auch krachen“, versprach Lahm.

Chance nach 24 Jahren

Für Lahm und Schweinsteiger bietet sich die Chance, nach 24 Jahren für Deutschland wieder einen WM-Titel zu gewinnen, und ähnlich freudentrunkene Bilder im kollektiven Bewusstsein zu verankern wie 1990. Der Titel würde ihre Ära vergolden. Aus der Generation Sommermärchen entstünde im Rückblick die goldene Generation. Aber wie das so ist mit derlei Gelegenheiten, schlummert in ihnen auch die Gefahr großer Ernüchterung. Sollte erneut das Halbfinale verloren, sollte erneut der Titel verpasst werden, wäre auch eine historische Chance vertan. Die verheißungsvollen Jahrgänge der 83er, 84er und 85er würde wohl titellos bleiben, obwohl sie seit 2006 fünf Mal mindestens im Halbfinale eines Turniers standen.

Schweinsteiger aber glaubt, dass es diesmal für den Titel reichen kann: „Die Mannschaft ist ein Schritt weiter als noch bei der WM 2010. Jeder einzelne Spieler hat Erfahrungen in großen Spielen gesammelt, und es sind neue, talentierte Spieler dazugekommen“, sagt er. Dazu sei auffällig, dass der Teamgeist ein besonderer sei. Die Debatte um Lahms Position im Zentrum oder in der Viererkette hat ihn irritiert. „Das Kollektiv ist wichtig. Und als Kollektiv haben wir bisher gute Arbeit gemacht“, sagt Schweinsteiger. Gegen Brasilien wird er wohl erneut im zentralen Mittelfeld neben Sami Khedira auflaufen – Lahm bliebe auf rechts.

Bundestrainer Joachim Löw hat Pragmatismus bewiesen, um sein großes Ziel WM-Titel zu erreichen. Auch der 54-Jährige ist ja Teil jener Generation Sommermärchen. Als Assistent und taktischer Vordenker unter Jürgen Klinsmann hatte er maßgeblichen Anteil am Erfolg 2006. Als Cheftrainer führte er das Team nun zum zweiten Mal dicht an den WM-Titel. Auch für ihn klammern beide Turniere 2006 und 2014 wohl seine Karriere in der Nationalmannschaft. Gewinnt er den Titel, wird er wohl trotz Vertrages bis 2016 aufhören. Verpasst er ihn erneut, ist ein Weitermachen ebenfalls kaum denkbar. 2006 war der Anfangs-, 2014 wohl der Endpunkt seiner Ära. Einer, die zur goldenen werden kann.