Fußball-WM

Auf diesem Weg wollen die Deutschen Weltmeister werden

Nach dem souveränen 1:0-Sieg gegen die USA trifft Deutschland im Achtelfinale auf Algerien. Statt Spanien oder Italien droht diesmal die Rache für Gijon - die größte Fußball-Peinlichkeit aller Zeiten.

Die Belohnung folgte direkt nach der Rückkehr ins Campo Bahia am späten Donnerstagabend. Zum Abendessen kamen die Freundinnen und Frauen der Nationalspieler vorbei – und erstmals während der WM in Brasilien durften sie über Nacht bleiben. Der verdiente Lohn für einen „souveränen 1:0-Sieg gegen die USA“ (Bundestrainer Joachim Löw) und einen „seriösen Einzug“ (Mats Hummels) ins WM-Achtelfinale gegen Algerien.

Auch gegen die USA war es kein glanzvoller Triumph. Es war langweilig, ein bisschen bieder, aber hochverdient. Fast schon mit spanischem Dominanzfußball aus den besseren Jahren beherrschte Löws Mannschaft die US-Boys. Kein Dortmunder Hochgeschwindigkeits-, sondern bajuwarischer Ballbesitzfußball. Keine Magie, sondern Pragmatismus.

Doch besonders das mit Bastian Schweinsteiger reformierte FCB-Mittelfeld wusste zu gefallen. Zufrieden wollte sich nach dem Erreichen des ersten Zwischenziels dann aber noch niemand aus dem deutschen Team geben. „Wenn man die Qualität unserer Mannschaft sieht, mit so vielen Weltklassespielern, dann muss es heißen: Wir wollen unbedingt Weltmeister werden“, sagte Mesut Özil, „wir sind nicht hier, um im Achtelfinale zu spielen und dann auszuscheiden. Nein. Wir sind hier, um den Titel zu holen.“ Dafür muss die Hürde Algerien am Montag übersprungen werden.

Algerien und die größte Fußball-Peinlichkeit aller Zeiten

Algerien? „Einen oder zwei Spieler kenne ich da schon“, behauptete umgehend Jerome Boateng, „da spielt doch einer sogar bei Valencia, oder?“ Tatsächlich! Sofiane Feghouli, der aber nicht der einzige Gefahrenherd sei. Man kenne ja die nordafrikanischen Mannschaften, sagte Manuel Neuer. „Sie sind sehr agil, haben meist eine Pferdelunge, rennen rauf und runter und sind auch am Ball sehr gut.“ Und, was Neuer und Boateng direkt nach dem Einzug in die Runde der letzten 16 Mannschaften, nicht erwähnten: In Algerien erinnert man sich sehr wohl an eine der größten Fußball-Peinlichkeiten aller Zeiten: Gijon!

Passiert ist es am 25. Juni 1982 in Spaniens Gijon. Damals, Miroslav Klose war gerade vier Jahre alt, erzielte Horst Hrubesch im letzten WM-Vorrundenspiel gegen Österreich in der 10. Minute das 1:0. Ein verhängnisvolles Tor! Dieser Treffer reichte sowohl Deutschland als auch Österreich zum Weiterkommen. Es folgte ein 80-minütiger Nichtangriffspakt. Folge: Deutschland und Österreich kamen weiter, das zuvor zweitplatzierte Algerien schied aus.

Manch einer hält die historische Rückschau nur für ein Ablenkungsmanöver. „Ab dem Achtelfinale ist jedes Spiel ein Finale“, betonte Manuel Neuer, der nicht müde wurde, die Bedeutung des Einzugs in die Runde der letzten 16 zu betonen: „Diese WM ist grundsätzlich ein komisches Turnier. Mitfavoriten sind ausgeschieden. Mannschaften, die man nicht auf dem Zettel hat, qualifizieren sich.“ Wie zum Beispiel Algerien. Bundestrainer Joachim Löw sagt: „Dass die Algerier unbequem sind, haben sie bewiesen. Bei einer WM gibt es keine Wunschgegner, auch keine einfachen, schon gar nicht in den K.o.-Spielen.“ Für Hochmut besteht kein Anlass. Einmal hat Deutschland gegen Algerien bei einer WM gespielt – und 1982 mit 1:2 verloren.

Deutschlands Angstgegner schon zu Hause

Nicht mehr dabei sind die beiden Angstgegner Deutschlands: Italien und Spanien. Die Südeuropäer, die jeweils zweimal in den vergangenen vier Turnieren Deutschland einen Strich durch die Turnierrechnung machten, haben den Heimflug angetreten. Auch andere Fußballnationen wie England oder Portugal mussten vorzeitig abreisen.

Das Favoritensterben in der Vorrunde zeichnet einen möglichen Weg für das Löw-Team über Porto Alegre (Achtelfinale), Rio de Janeiro (Viertelfinale) und Belo Horizonte (Halbfinale) bis zum erhofften Finale im Maracanã vor. Klar ist, dass nach dem vermeintlichen Leichtgewicht Algerien im Rest der K.o.-Runde schwere Brocken warten würden: Wie Frankreich (mögliches Viertelfinale), Brasilien (mögliches Halbfinale) und Argentinien oder die Niederlande (mögliches Finale). Spanien und Italien – das bleibt die erleichternde Gewissheit, drohen nicht mehr. Aber die Devise bleibt vorerst: der Weg ist das Ziel.

„Das Turnier hat gezeigt, dass die Mannschaften mit dem größten Herz weiterkommen“, sagte Miroslav Klose mit ein wenig Pathos. „Klar tut alles weh. Die Bedingungen sind nicht leicht. Aber das muss jetzt alles zweitrangig sein. Der Wille muss so groß sein. Man braucht ein großes Herz.“

Siegen oder Fliegen

Ein großes Herz, das weiß Bundestrainer Löw, wird für den Titel allein nicht reichen. Das noch uninspirierte Offensivspiel muss justiert werden. Bislang wusste lediglich Vier-Tore-Stürmer-Müller hundertprozentig zu überzeugen. „Der letzte Pass im letzten Drittel, da müssen wir noch besser werden“, sagte Löw, der keinen Zweifel daran lassen will, den vorgezeichneten Weg zu Ende gehen zu wollen: „Im Achtelfinale geht es um alles oder nichts, gewinnen oder nach Hause fahren.“

Auch bei der WM 2010 in Südafrika kam Löws Team erst nach einer wechselhaften Vorrunde (4:0 gegen Australien, 0:1 gegen Serbien, 1:0 gegen Ghana) in der K.o.-Phase auf Betriebstemperatur – bis Spanien im Halbfinale den Finaltraum zerstörte. Ein anschließender Albtraum, der so nicht noch einmal vorkommen wird. Was denn jetzt konkret fehle, wurde Toni Kroos gefragt. Der Münchner lächelte. „Konkret fehlt lediglich, dass wir nun noch vier Spiele gewinnen müssen.“