Mein Brasilien

Barfuß ins Stadion – Die Wasserschlacht von Recife

Jörn Meyn berichtet zur Fußball-WM aus Brasilien. Bisher hatte er das Glück, dabei relativ trocken zu bleiben – bis zu den Regengüssen am Spielort Recife, die Momente der WM 1974 heraufbeschwören.

Während dieser WM-Wochen wird dem deutschen Fußballfan eine unverantwortliche Menge an Geschichtlichem zugemutet. Das schändliche Ballgeschiebe von Gijón bei der WM 1982 zwischen Deutschland und Österreich wurde bemüht, weil ja dem deutschen und dem amerikanischen Team ein Remis gereicht hätte. Die Angst vor einem neuerlichen Verrat am Fußball, einer „Schande von Recife“, war natürlich nur menschlich.

Weil es aber in jenem brasilianischen Küstenort in den Stunden vor dem Spiel derart schüttete, dass die Straßen auf dem Weg zur Arena Pernambuco zu Flüssen wurden, war schnell eine weitere olle Kamelle wieder vorgekramt: „die Wasserschlacht von Frankfurt“. Bei der WM 1974 half der Starkregen ein bisschen mit, dass Deutschland gegen die an ihrem Kurzpassspiel gehinderten Polen 1:0 gewann und ins Finale einzog. „Bei normalen Spielverhältnissen hätten wir vermutlich keine Chance gehabt“, soll der deutsche Kapitän Franz Beckenbauer später gesagt haben.

Bis Donnerstag war so eine Wasserschlacht für Leute wie mich nur schwer vorstellbar. Ich war ja 1974 noch nicht einmal in Planung. Aber nun weiß ich, wie sich das anfühlt. Auf dem Weg vom Bus zum Stadion in Recife stand ich nämlich vor einer unüberwindbaren Hürde: Das Regenwasser hatte sich vor dem Eingang der Arena so stark gesammelt, dass man zwangsläufig nasse Füße bekommen musste, wenn man durchmarschiert wäre. „Wenn du das machst, bist du morgen krank“, warnte mich ein Kollege. Und krank ist natürlich nicht gut, wenn man über so eine WM berichten möchte. Ich überlegte fieberhaft: Drüberspringen? Zu weit! Holzplatten zum Drüberlaufen hinlegen? Dauert zu lange! Also blieb nur eine Lösung: Socken aus und barfuß nach Recife, Junge!

Also watete ich mit meinem Rucksack, meinen Schuhen und den Socken in der Hand durch das lauwarme Regenwasser und fühlte mich großartig. „Die Wasserschlacht von Recife“, murmelte ich vor mich hin. „Und du warst dabei.“