Mein Brasilien

Kurze Röcke anziehen - so verstehen Sie WM-brasilianisch

Die Brasilianer haben eine ganz eigene Sprache, wenn es um ihren heißgeliebten Fußball geht. Jörn Meyn übersetzt „kurze Röcke“ und „Lenkräder“.

Sprache formt das Denken und schafft Wirklichkeit. Bei den Brasilianern ist diese Wirklichkeit eine der eigenen Vorherrschaften im Fußball. Die WM im eigenen Land nennt man hier nicht einfach nur Weltmeisterschaft 2014, wie man das bei uns zu Hause zu tun pflegt. Nein, sie heißt hier „hexacampeonato“, also die sechste Meisterschaft. Gemeint ist damit, dass die Selecao, bisher fünf Mal Titelträger, sich diesmal den sechsten Titel holen wird. Das ist natürlich eine vollmundige Ansage, doch sie ist ständig im brasilianischen TV und bei Gesprächen über das Weltturnier zu hören.

Ohnehin haben die Brasilianer sich eine ganz eigene Fußballsprache zugelegt, die eine Menge über das Spielverständnis im Land verrät. Wenn die Selecao das erste Tor einer Partie erzielt, heißt das „abrir o placar“, was soviel bedeutet wie „das Tore schießen zu eröffnen“. Dass da gefälligst noch ein paar Treffer mehr folgen werden, schwingt ganz bewusst mit. Es gibt auch ein paar schöne Bilder in jener Fußballsprache: „Volante“, heißt das „Lenkrad“.

So wird der Spieler genannt, der im zentralen Mittelfeld die Fäden zieht. Treffen zwei Akteure bei einem Pressschlag aufeinander, nennt man das „dividisse“, was soviel bedeutet wie „zerteilen“. Einen Pass durch die Beine des Gegners nennt man dem Gegenüber einen „kurzen Rock anziehen“, was dem Gefühl des Betroffenen ziemlich nahe kommen dürfte. Den offensiven Mittelfeldspieler, der die Stürmer mit Vorlagen füttert, bezeichnet man als „armacao“, was umgangssprachlich mit „nachladen“ im militärischen Sinne übersetzt wird.

Einen, der so richtig nachladen kann, haben sie nicht mehr in der Selecao, so wie früher Zico oder Ronaldinho. Das beklagen sie sehr, denn das könnte am Ende dazu führen, das aus dem „hexacampeonato“ nichts wird. Ich wendete ein, dass dies aber gar kein Problem wäre. Dann würde die WM einfach kurzerhand in „tetracampeonato“ umgetauft. Sie hieße dann „vierte Meisterschaft“ und würde bedeuten, dass Deutschland sich seinen vierten Titel holt.