WM 2014

Deutschland bei der Weltmeisterschaft - Jetzt oder nie

Die „Generation Sommermärchen“ hat in Brasilien die wohl letzte Chance auf den Titel. Doch über Erfolg und Misserfolg des Löw-Teams entscheiden ganz andere Dinge, kommentiert Jörn Meyn.

Foto: Andreas Gebert / dpa

Die WM in Brasilien ist wohl die letzte Chance der Generation „Sommermärchen“, einen WM-Titel zu gewinnen. Spieler wie Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski, die bei der Heim-WM 2006 Anfang 20 waren, werden beim nächsten Weltturnier in Russland 2018 Mitte 30 sein und ihre Nationalelf-Karrieren vermutlich beendet haben. Jetzt oder nie heißt es also für sie.

Jetzt oder nie heißt es aber auch für Joachim Löw. Mit dem ersten Gruppenspiel gegen Portugal am Montag beginnt für den Chefcoach das vierte Turnier als Hauptverantwortlicher – zweimal schied er im Halbfinale aus, einmal verlor er das Endspiel. Nun habe er das talentierteste Team seit mehr als 20 Jahren beisammen. Wenn nicht jetzt die Zeit reif ist, den ersten Pokal seit 1996 zu gewinnen, wann dann?

Das ist die landläufige Meinung bei dieser WM. Sie wird Löw verfolgen und am Ende nicht nur die Bewertung über das Abschneiden in Brasilien maßgeblich bestimmen, sondern wohl auch die der gesamten Löw’schen Jahre als Bundestrainer.

Generationenfrage Weltmeisterschaft

Doch der Titelgewinn sollte nur zweitrangig sein. Wenn auch natürlich nicht für Löw, Lahm und Co., so doch für die Menschen in diesem Land. Denn wie wichtig es ist, Weltmeister zu werden, ist eine Generationenfrage. Für diejenigen Zuschauer, die aktiv die Turniere ‘82, ‘86 und ‘90 erlebten, als Deutschland dreimal in Folge im Finale stand und einmal gewann, haftet an der goldenen Trophäe die Hoffnung, wieder dahin zurückzukehren, wo man einmal stand im Weltfußball – und wo man hingehört.

Für die Generation danach aber bestimmt sich der Wert der Nationalelf nicht allein durch das sportliche Ergebnis. Die Menschen, die in den 80er-Jahren geboren wurden wie ich – oder später –, sind nicht mit der Annahme der deutschen Fußball-Vorherrschaft aufgewachsen. Wir gehen nicht vom Titelgewinn aus, weil wir das nie aktiv erlebt haben, und wir verlangen es auch dem Bundestrainer nicht ab.

Es wäre natürlich schön, wenn Löws Team im Maracanã-Stadion von Rio de Janeiro die Trophäe in den Händen halten würde. Aber über Erfolg oder Misserfolg der WM entscheidet auch das Auftreten der Mannschaft. Deutschland braucht keinen WM-Titel, um sich seiner selbst zu vergewissern, keinen goldenen Pokal, um die Nation zu einen, wie es 1990 war. Deutschland ist ein selbstbewusstes Land, das größtenteils funktioniert und das Erfolge beim Fußball nicht als Katalysator benötigt – wie Brasilien.

Die DFB-Elf ist die vierte Macht im Staate

Deutschland braucht eine Mannschaft, die ihr Bestes gibt, die guten Fußball spielt und Werte wie Fairness und Teamgeist pflegt. Ein Team, mit dem sich dieses Land identifizieren kann. Studien besagen, dass die Nationalelf in Deutschland so etwas wie der kleinste gemeinsame Nenner ist. Die vierte Macht im Staate, weil sie alle Gesellschaftsschichten erreiche. Das ist eine große Verantwortung für Löw und seine Spieler.

Zuletzt ist es ihm und seiner Mannschaft nicht immer gelungen, dieser gerecht zu werden. Ein in Hotellobbys urinierender Nationalspieler, ein Bundestrainer, der seinen Führerschein verliert, und ein Autounfall mit Verletzten bei einem PR-Termin. Das hat am Image gekratzt.

Gelingt es Löw, eine Mannschaft zu formen, die mit schönem Spiel und einer positiven Außendarstellung die deutschen Zuschauer wieder begeistern kann wie 2006 und 2010, dann wird diese WM ein Erfolg – auch ohne Titel.