Fußball und Kultur

„Der Fußball muss für Brasiliens Missstände herhalten“

Bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geht es um viel mehr als um Fußball, sagt Alfons Hug, Direktor des Goethe-Instituts von Rio de Janeiro im Interview mit der Morgenpost.

Foto: Victor R. Caivano / AP

Dass eine WM mehr als nur Fußball ist, dokumentiert die Ausstellung „Das Spiel hört erst auf, wenn es zu Ende ist“ im Lichthof des Auswärtigen Amtes zu sehen ist. Die Morgenpost sprach mit Alfons Hug, dem Kurator der Ausstellung und Direktor des Goethe Instituts von Rio de Janeiro.

Berliner Morgenpost: Wie sehr freuen Sie sich auf die Weltmeisterschaft, Herr Hug? Sind Sie ein großer Fußball-Fan?

Alfons Hug: Mich interessiert eher die kulturelle Seite des Sports. Ein eingefleischter Fan bin ich nicht, aber dennoch werde ich mir wichtige Spiele der WM im Fernsehen ansehen, bei denen ich grundsätzlich nicht dem Favoriten, sondern dem unterlegenen Team die Daumen drücke. Dass die auf dem Papier schlechtere Mannschaft oft gewinnt, ist ja eines der vielen Paradoxe des Fußballs, die das Spiel so interessant und letztlich unkalkulierbar machen.

Fußball und Kunst – wie passt das eigentlich zusammen?

Die Ausstellung im Auswärtigen Amt mit 13 Künstlern ist der Abschluss einer Tournee durch zehn Städte in Brasilien und Südamerika. Wir freuen uns sehr, dass dieses „Rückspiel“ in Deutschland zustande kam. Von allen Sportarten eignet sich wohl nur der Fußball für eine Umsetzung in Kunst aufgrund seiner narrativen Struktur, seiner Bildsprache und seines allegorischen Reichtums. Epische, dramatische, tragische und komische Elemente fließen in dieses große Spiel ein, das trotz aller Tabellen immer noch etwas vormodern Unproduktives an sich hat. Der Fluss der Ereignisse, die man nicht gegeneinander aufrechnen kann, ja ein gewisser positiv verstandener Leerlauf münden in eine quasi musikalische, polyphone Struktur.

Die größten Fußball-Künstler findet man wohl in Brasilien. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Theoretiker und Kulturkritiker auf beiden Seiten des Atlantiks werden nicht müde, im Fußball einen Katalysator nationaler Eigenheiten zu sehen. Auf der einen Seite, in Europa, vermutet man wie schon Pasolini die nüchterne „Prosa“, d.h. eine geradlinige Art, die nur das Ergebnis im Blick hat, auf der anderen, südamerikanischen, vor allem brasilianischen Seite, die berauschende „Poesie“ des Spiels mit ihren scheinbar zwecklosen Schnörkeln und ziellosen Abschweifungen in weiten, leeren Räumen, in denen sich jedes Kalkül und jede Abwehr verliert. Das hiesige barocke Erbe mit seinen Ellipsen ist also nicht nur im Karneval oder der tiefen Religiosität präsent, sondern vielleicht noch mehr im brasilianischen Fußball mit dem verblüffenden trompe loeil schwindelerregender Dribblings und so genannter „pedaladas“ (Übersteiger).

Was bedeutet der Fußball für die Gesellschaft und die Menschen in dem südamerikanischen Land?

Wie vielleicht nirgends sonst ist der Fußball in Brasilien eine authentische Form der kollektiven Selbstfindung und ein herrschaftsfreies Verständigungsmittel zwischen den unterschiedlichsten Menschen und Klassen. Und wenn der kometenhafte Aufstieg des Landes von der Welt nicht misstrauisch beäugt sondern beklatscht wird, dann liegt das vielleicht auch am symbolischen Kapital und Goodwill, den der Fußball angehäuft hat. Im Fall Brasilien ist dieser nämlich auch ein Vehikel kultureller Differenz auf der Basis einer tri-ethnischen Kultur, die aus Europa, Afrika und dem indigenen Amerika zusammengesetzt ist.

Nun rückten Bilder von Ausschreitungen in Armenvierteln, Protesten gegen die WM und Probleme beim Bau der Stadien in den Vordergrund. Inwiefern hat das die Freude auf dieses Turnier geschmälert?

Einerseits freut man sich hier, dass nach mehr als 60 Jahren wieder eine WM in Brasilien ausgetragen wird und das Land sich von seiner besten Seite zeigen kann. Andererseits begehren seit dem Konföderationencup im Vorjahr breite Schichten dagegen auf, gerade auch im Kulturbereich. Die Menschen wehren sich gegen Verschwendungssucht und falsche Prioritäten in der Politik. Die Kosten für den Bau von neuen Stadien sind explodiert, während nur wenig in die Infrastruktur oder Bildung investiert wurde. Die Copa soll jetzt schon teurer sein als die drei letzten in Deutschland, Japan und Südafrika zusammen.

Fußball bedeutet vor allem Emotionen auf dem Platz und in den Stadien. Wie erleben Sie diese Emotionen in Brasilien?

Der Fußball ist eine riesige Leinwand, auf die nicht nur ein „technisches Drama“ projiziert wird, sondern auch ein subtiles Geflecht von Anspielungen auf soziale Beziehungen, Leben und Schicksal. Wer in die hintersten Ecken unseres Landes vordringt, wird zwei vorherrschende Bezugspunkte der Menschen beobachten: einer gilt der Kirche auf dem Hügel, der andere dem Fußballplatz in den Wiesen des Tals.

Sind diese Emotionen vergleichbar mit denen in Deutschland?

Ich denke, dass man in Deutschland ein unbefangeneres, entspannteres Verhältnis zum Fußball hat als in Brasilien, wo das Ballspiel nun für alle möglichen gesellschaftlichen Missstände herhalten muss, die im Grunde außerhalb der Sphäre des Sports liegen. Die Weltmeisterschaft 2006 wird hier aber dennoch immer wieder als positives Beispiel genannt, weil sie das althergebrachte Image eines verbissenen Deutschlands aufzuhellen vermochte.

Inwieweit würde der sechste Titel Brasilien einen Schub geben?

Ein kurioser Umstand ist, dass ein Sieg wohl der derzeitigen Regierung bei den Wahlen im Herbst Aufwind geben würde, während eine Niederlage der Opposition zugute kommen könnte.