Ausnahmeregeln

Zur Fußball-WM könnte es etwas lauter werden

Für die Zeit der WM gibt es Ausnahmeregelungen, was die Nachtruhe angeht. Firmen setzen auf flexible Arbeitszeiten, Schulen dürfen entscheiden, ob der Unterricht später anfängt.

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Ein lupenreiner Fußball-Fan ist laut, schreit sich mitunter die Seele aus dem Leib, singt gerne in Chören und bläst auch mal in nervige Tröt-Instrumente. Das weiß auch der Deutsche Bundesrat, weshalb er vor wenigen Tagen eine „Sonderregelung für seltene Ereignisse“ verabschiedet hat. Für die Dauer der WM vom 12. Juni bis zum 13. Juli heißt das: Rote Karte für den üblichen Lärmschutz, Freistoß für die Fanmeile oder nachbarschaftliches Zusammenrotten und Verlängerung für Schland!-Schreie nach 22 Uhr am Brandenburger Tor, im Biergarten oder in der Laubenpieperkolonie. Ein „akzeptabler Mindestschutz für Anwohner“ sei aber vorgesehen. Die Sonderregelung ist aber kein Persilschein, sondern nur ein Instrumentarium. Über die Genehmigung muss jede Kommune selbst entscheiden. Dem sollte aber nichts im Wege stehen, sind doch die Erfahrungen mit Public Viewing in Deutschland gut. Bereits bei der Heim-WM 2006 und auch 2010 war es erlaubt.

An der Fanmeile darf laut gejubelt werden

In der Hauptstadt gilt die Ausnahmeregelung in jedem Fall, hier wird derzeit noch über den nächtlichen Zeitraum nachgedacht. Derzeit ist 1 Uhr im Gespräch. Nach 1 Uhr soll für den Rest der Nacht wieder das Landesgesetz gelten. Aber auch da könne es Ausnahmeregelungen geben, explizit wird die Fanmeile auf der Straße des 17. Juni genannt. Durch die Zeitverschiebung von fünf Stunden zwischen Deutschland und Brasilien beginnen die Spiele hierzulande selten vor 18 Uhr. Fast die Hälfte aller 64 Begegnungen wird sogar erst um 22 Uhr oder Mitternacht angepfiffen.

Da kommt so mancher Melatonin-Spiegel durcheinander. Einige Gewerkschafter, so auch die IG Bau, haben im Vorfeld deshalb schon spätere Frühschichten gefordert. Andreas Splanemann, Pressesprecher des ver.di-Landesbezirks Berlin-Brandenburg, rät aber, den Ball flach zu halten: „Es gibt tarifliche Regelungen, auch zur Freizeit, die es vielen ermöglichen, sich freizunehmen. Vielleicht sind auch da und dort Sonderregelungen drin.“ Natürlich werden nicht alle freibekommen können, sonst würden plötzlich der öffentliche Nahverkehr, die Energieversorgung oder Krankenhäuser nicht mehr funktinieren.

Flexible Arbeitszeiten

„Wir versuchen, das möglichst unbürokratisch zu handhaben“, kündigt Michael Friedrich, Pressesprecher bei Siemens Berlin an. „Nach Rücksprache mit der Führungskraft ist bei uns sicherlich vieles möglich“, sagt er. „Ansonsten haben wir ja auch die Möglichkeiten der Gleitzeitregelung, oder die Kollegen tauschen untereinander ihre Schicht.“

Auch viele mittelständische Unternehmen regeln WM-Zeiten flexibel. „Unsere Kernarbeitszeit beginnt bei 95 Prozent der Mitarbeiter erst um 10 Uhr, und zumindest in der Vorrunde sind die Deutschlandspiele auch zu moderaten Zeiten, sodass wir zunächst keine Sonderregelung brauchen. Wir entscheiden dann noch mal im Einzelfall, je nachdem, wie weit Deutschland kommt“, sagt Karsten Renz, Geschäftsführer des Berliner Softwareanbieters Optimal Systems.

Keine Schulstunde fällt aus

Und was machen die kleinen Fußball-Fans? Dürfen Kinder eine Stunde später zur Schule kommen? „Die Berliner Schulverwaltung legt diese Frage in die Verantwortung der einzelnen Schule. Klar ist nur, dass keine Stunde wegen der WM ersatzlos ausfallen darf, selbst wenn der Unterricht später beginnt“, sagt Martin Wagner, Vorsitzender des Interessenverbands Berliner Schulleitungen. „Wir können in der ersten Stunde das Thema Fußball in den Mittelpunkt des Unterrichts stellen“, führt der stellvertretende Schulleiter, der auch Deutsch und Sport unterrichtet, weiter aus. „Das Runde muss ins Eckige“ biete vielfältige Themen wie Fairplay. Auch die sozialen Konflikte in Brasilien können etwa im Fach Ethik behandelt werden.

Und in Berlins „schlauster Penne“, der Evangelischen Schule Frohnau, die mit Top-Abiturnoten seit Jahren die städtische Rangliste anführt? „Wir planen keine Sonderregelungen, doch wenn Schüler am nächsten Morgen noch ihre Fan-Klamotten tragen, werden wir darüber hinwegsehen“, sagt Oberstufenkoordinator Stefan Klein. „Und den Lehrern ist auch klar, dass sie am nächsten Morgen eher Spielergebnisse und Torschützen abfragen können als binomische Formeln und Lateinvokabeln.