Kai-Pirinha

Genau so ist Brasilien

Busstreik, Bahnstreik, Regen und nicht genug Geld für ein Taxi. Und trotzdem ist Brasilien ein Traumland. Warum? Darum! Der WM-Blog.

Foto: pa/dpa/ZGBZGH

Wie lange braucht man, um die Seele eines Landes zu verstehen? Und wie lange braucht man, um herauszufinden, was ein Land und ein Volk wirklich ausmachen? Eine Woche? Ein Monat? Ein Jahr? Ein Leben? Nach dem gestrigen Mittwoch würde ich sagen: eine Stunde.

Das ist natürlich total übertrieben und hat nicht viel mit der Wirklichkeit zu tun. Aber Mittwochnachmittag habe ich komprimiert in nur einer Stunde ein gutes Stück Brasilien kosten dürfen. Angefangen hat alles mit meiner Rückkehr aus Teresópolis, wo die brasilianische Nationalmannschaft ihr WM-Quartier am Montag aufgeschlagen hat (siehe Foto). Ein Kollege hat mich nach unserer Rio-Rückkehr an der Metro-Station Praça Onze herausgelassen. Da die Busse den ganzen Tag (mal wieder) gestreikt haben, wollte ich mit der Metro nach Hause fahren. Pustekuchen! Denn auch die Metro hat am Nachmittag gestreikt. Bem vindo ao Brasil… Willkommen in Brasilien!

Natürlich versuchte jeder so schnell er nur konnte, ein Taxi zu bekommen. Und mit Taxis ist das in Rio de Janeiro so eine Sache. Man sieht nie, ob sie frei sind oder nicht. Leuchtet das Taxischild, heißt es noch lange nicht, dass es frei ist. Leuchtet ist nicht, kann es trotzdem zu haben sein. Sofern der Taxifahrer auch Lust auf eine Fahrt in meine Richtung hat. Hat er das nicht, muss man wieder aussteigen. Oder er hat Lust, kennt aber den Weg nicht so richtig. So was passiert doch nicht? Passiert mir ungefähr jeden zweiten Tag! Hier in Brasilien!

Ich hatte aber Glück: Ich fand ein Taxi, der Fahrer hatte Lust und er kannte auch noch den Weg. Das Problem: Es regnete, so langsam wurde es dunkel und ich hatte gerade mal 22 Reais (etwas mehr als sieben Euro). Was tun? Ich entschied mich dazu, den Fahrer nach 20 Reais auf dem Taximeter aufzuklären, damit ich es dann nicht mehr all zu weit zu laufen hatte. Und der Taxifahrer? Er schaute mich überrascht an, und sagte mir, dass er mich doch jetzt nicht wegen ein paar Reais im Regen stehen lassen würde. Im wahrsten Sinne des Wortes im Übrigen. Also fuhr er mich bis vor die Haustür und sagte mir noch, dass er dies insbesondere nach meiner Ehrlichkeit für eine Selbstverständlichkeit halte. Ich musste ihm nur versprechen, dass Deutschland im WM-Finale gegen Brasilien verlieren würde…

Zusammengefasst kann man also sagen, dass es fast immer nicht so ganz einfach hier in Brasilien ist. Dass aber am Ende irgendwie doch immer alles gut wird.

Ich liebe Brasilien – und nach diesem Mittwoch noch ein bisschen mehr…

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