WM-Achtelfinale

So feiert Berlin den Sieg der Nationalelf

4:1 gegen England - die Berliner feiern ausgelassen den Sieg der Nationalmannschaft. 350.000 Menschen drängelten sich auf der gesperrten Straße des 17. Juni. Mehr Platz ist nicht. Nun wird über die Verlängerung der Meile diskutiert.

Viel mehr Deutschlandfans kann die Fanmeile zwischen Siegessäule und Brandenburger Tor nicht verkraften. Hunderttausende Menschen versammeln sich an diesem Sonntag auf der größten Fanmeile Deutschlands auf der Straße des 17. Bei strahlendem Sonnenschein strömen rund 350.000 Fußballbegeisterte zusammen, um mit der deutschen Nationalmannschaft mitzufiebern. Zwischenfälle gibt es nach Angaben eines Polizeisprechers nicht. Auf der Fanmeile müssen allerdings einige Besucher medizinisch versorgt werden, weil sie wegen der Hitze Kreislaufprobleme haben. Rund 200 Hilfeleistungen seien registriert worden, sagt der Einsatzleiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), Ronald Riege.

Kein Wunder: Als um 16 Uhr der Anpfiff zum Spiel Deutschland gegen England ertönt, stehen die Fans auf der Straße des 17. Juni dicht an dicht – die meisten von ihnen mitten in der prallen Sonne. Schwarz-rot-goldene Schminke verläuft bei einer Temperatur von 30 Grad auf den schweißglänzenden Gesichtern, kalte Getränke sind ebenso begehrt wie Schattenplätze. Wer einen Platz unter einem Baum ergattert hat, verteidigt diesen mit Beschimpfungen und zur Not auch mit den Ellenbogen.

Drei Stunden vor Anpfiff sieht das noch etwas anders aus. Zwar sind auch jetzt schon einige Tausend Fans da, aber diese schlendern gemütlich die Fanmeile entlang oder stärken sich noch in aller Ruhe mit Bier, Bratwurst und Pommes Frites. So wie Elke Franz aus Rudow und ihre Familie, die sich an einem Stehtisch mit Bier zuprosten. Die 48-Jährige ist mit ihrem Mann und ihrem Schwiegervater schon dreieinhalb Stunden vor Spielbeginn gekommen. „Weil wir Angst hatten, dass wir sonst draußen bleiben müssen“, sagt sie. Elke Franz ist wenig optimistisch, was die Siegchancen der deutschen Mannschaft angeht: „Ich glaube, dass Deutschland verliert. Unsere Mannschaft ist einfach zu unerfahren.“ Diese Aussage beschwört beinahe eine Ehekrise herauf, denn Ehemann Jürgen Franz ist da ganz anderer Meinung: „Wir gewinnen, denn wir haben die bessere Kondition.“ Und wie zur Bekräftigung schiebt der 50-Jährige noch nach: „Wenn ich glauben würde, dass Deutschland verliert, wäre ich zu Hause geblieben.“

Schon Stunden vor Spielbeginn hat es auch Benjamin aus Potsdam und Jürgen aus Bremen auf die Fanmeile gezogen. „Wir dachten, dass es hier schon voll ist“, sagt Jürgen. Der 27-Jährige ist zur Siegessäule gekommen, „weil hier heute die größte Party Deutschlands ist“. Ähnlich sieht es sein Freund Benjamin: „Dieser positive Patriotismus ist einfach toll. Alle Menschen, die hier sind, haben ein gemeinsames Ziel: Dass unsere Mannschaft gewinnt.“ Der Restaurantfachmann hat sich für die Achtelfinals extra freigenommen. Weder die Menschenmenge noch die Hitze können die Jungs schrecken: „Unser Bier ist kalt, also ist alles gut“, sagt Jürgen.

Englische Fans sind rar, nur vereinzelt sind rot-weiße Trikots und Fahnen zu erkennen. Ein paar haben aber doch den Weg zur größten Fanmeile Deutschlands gefunden – zum Beispiel Chris (24), Dan (25), Daz (21) und Chris (23). Die vier arbeiten bei der Armee in der Nähe von Hannover und sind extra nach Berlin gekommen, „um zu sehen, wie Deutschland geschlagen wird“, sagt der 24-jährige Chris. „Und um ihnen dann ins Gesicht zu lachen“, ergänzt sein Freund Dan.

Sehen Sie hier mehr Videos von der Berliner Fanmeile.

Die Engländer Tony (32), Steve (24) und Fred (41) sind aus einem anderen Grund da: Sie wollen gemeinsam mit den Deutschen auf der Fanmeile feiern, „weil es hier das beste Bier, das beste Essen und die beste Atmosphäre gibt“, fasst Tony zusammen. Er hat sich sogar vorbereitet und vorab ein paar Worte Deutsch gelernt. Vor der Haupttribüne an der Siegessäule drängen sich schon zwei Stunden vor Anpfiff die Fans, feiern bei lauter Musik und schwenken ihre Fahnen. Es sind die wirklich hartgesottenen Fans in Fanmontur mit Trikot, Fahne, Hut und schwarz-rot-goldenen Streifen im Gesicht, die sich dort ihren Platz gesucht haben. Wer Menschenmassen nicht mag, der ist gerade hier eindeutig fehl am Platz. Auch für Fans, die kleiner sind als etwa 1,65 Meter, ist es mitunter schwierig, eine gute Sicht auf die Videowand zu ergattern.

Deshalb verlässt Familie Borkhard aus Rudow auch schon vor dem Anpfiff mit Sohn Pascal die Fanmeile. Der Kleine ist erst zweieinhalb Jahre alt – zu klein, um etwas zu sehen, aber auch noch viel zu jung, um die Menschenmenge und die Lautstärke zu verkraften, sagt Mutter Nicole Borkhard. Die meisten aber bleiben natürlich: Hüte, Mützen, Sonnenbrillen und kaltes Bier helfen gegen Hitze und Helligkeit, und das Geschubse und Gedrängel stört anscheinend auch niemanden. Sie werden belohnt: mit Fangesängen, mit einem Fahnenmeer – und mit kollektivem Jubel, als Miroslav Klose in der 20. Minute das 1:0 erzielt. Kein Halten mehr gibt es für die Menge, als Lukas Podolski in der 32. Minute nachlegt. Fremde Menschen fallen einander in die Arme, Fans verteilen großzügig Bierduschen und sorgen zumindest kurzfristig für Abkühlung. Der Euphorie tut auch der Anschlusstreffer der Engländer keinen Abbruch, das nicht gegebene Tor geht in der Freude unter. Die zweite Halbzeit ist wie eine Wiederholung der ersten: Anspannung zu Beginn, dann die Erlösung beim 3: 1 und beim 4:1 die totale Euphorie. Die Fans auf der Partymeile sind sich einig: Es war heiß, es war eng – aber wir kommen wieder. „Es war noch nicht zu voll, man hatte noch einen Anti-Stink-Radius von 50 Zentimetern um sich herum“, sagt die 19-jährige Maxi aus Mahlsdorf.

Auch in Kneipen und Strandbars verfolgten Tausende das Spiel. Nach dem Abpfiff gab es erneut Autokorsos. Teile des Kurfürstendamms wurden von der Polizei aus Sicherheitsgründen für den Fahrzeugverkehr gesperrt. Dort feierten laut Polizei Tausende Fußgänger.

Zum Viertelfinale am kommenden Sonnabend (16 Uhr) werden sicher noch mehr Fans kommen. Dann dürfte es noch enger werden als beim phänomenalen Sieg der Deutschen über die Engländer. Und die Debatte über eine Verlängerung der Fanmeile beginnt wieder.

Morgenpost Online berichtete auch via Twitter von der Fanmeile: