EM2016

Eder schießt Portugal zum EM-Titel

In einem dramatischen Finale besiegt Portugal die Franzosen in der Verlängerung mit 1:0. Im Zentrum stand die Verletzung von Ronaldo.

Nach dem goldenen Tor stürmen die Portugiesen auf ihren Torschützen Eder

Nach dem goldenen Tor stürmen die Portugiesen auf ihren Torschützen Eder

Foto: John Sibley / REUTERS

Paris Saint-Denis.  Portugal ist zum ersten Mal Fußball-Europameister und besiegte im EM-Finale gestern Abend in Paris Saint-Denis ohne ihren frühzeitig verletzten Superstar Cristiano Ronaldo den EM-Gastgeber und Deutschland-Bezwinger Frankreich mit 1:0 in der Verlängerung. Das entscheidende Siegtor erzielte Eder in der 108. Spielminute und besiegelte mit seinem Fernschuss aus 22 Metern den ersten Sieg der Portugiesen über Frankreich nach 41 Jahren. Das nächste Trauma dieser EM ist besiegt!

Trotz Ronaldo-Schock: Portugal erstmals Fußball-Europameister

Aber was soll man von einem Fußballturnier halten, das in einem Finale den trostlosen Auftritt zweier durchschnittlicher Mannschaften liefert? Und dann am Ende von einer Mannschaft gewonnen wird, die mit drei Unentscheiden in die K.o.-Phase stolperte und nur ein einziges Spiel über 90 Minuten gewonnen hat? Der Nachfolger von Doppel-Europameister Spanien riss Frankreich aus allen Träumen, zum dritten Mal nach 1984 und 2000 Europameister zu werden.

Bundestrainer Löw wird sich die Augen gerieben haben: Über 90 Spielminuten war Frankreich als Favorit nicht in der Lage, gegen die Minimalisten aus Portugal ein Tor zu erzielen. Und das, obwohl der Gegner ohne den frühzeitig verletzten Cristiano Ronaldo auskommen musste. So zerfahren war das Finale.

Unstrukturiertes Spiel

Unstrukturiert war der Spielaufbau auf beiden Seiten, die Nervösität beim Gastgeber mit Händen zu greifen. Der französische Nationaltrainer Didier Deschamps hatte vorab gesagt, was für Frankreich auf dem Spiel stand: „Wir dürfen die Leute nicht enttäuschen.“

Bei der EM 1984 und bei der WM 1998 holte die Equipe Tricolore jeweils beim Heimturnier den Titel. Er selbst war 2000 als Weltmeister-Kapitän auch Europameister geworden und wollte 2016 Geschichte schreiben: Noch nie hat ein Franzose als Spieler und Trainer den EM-Titel gewonnen.

Nach dem überraschenden Halbfinalsieg gegen Angstgegner Deutschland (2:0) stand allein Cristiano Ronaldo seinem Vorhaben im Weg. „Wenn es einen Anti-Ronaldo-Plan gibt“, sagte er vorher, „dann hat ihn keiner gefunden.“

Die Verletzung von Cristiano Ronaldo

Der Superstar von Real Madrid, mit drei Treffern zweitbester EM-Torschütze bis dahin, musste vorzeitig verletzt ausgewechselt werden. Schon in der 10. Spielminute hatten ihn Evra und Payet so in die Zange genommen, dass er angeschlagen liegenblieb und in der Folge zweimal zur Behandlung das Spielfeld verlassen musste. Nach 25 Spielminuten war Schluss: Ronaldo konnte nicht mehr. Portugal spielte kurioserweise nach dem Ronaldo-Schock stabiler.

Dass ein Ronaldo kein gutes Finale im Stade de France gegen Frankreich bestreiten kann, hat schon der Brasilianer Ronaldo 1998 erfahren müssen. Auch er blieb hinter allen Erwartungen zurück, als er erkrankt spielte. Brasilien verlor damals 0:3, als Frankreich Weltmeister wurde.

Cristiano Ronaldos Bilanz gegen die Franzosen bleibt niederschmetternd. Noch nie hat er gegen den Ex-Weltmeister ein Tor geschossen. Mit einer destruktiven Spielweise ist das Phänomen nicht zu erklären: Portugal hat in den sechs Spielen bis zum Halbfinale ein Tor mehr als Deutschland geschossen; kein Deutscher so viele Tore wie CR7.

Die Portugiesen spielten wie immer

Den Franzosen reichte in der ersten Halbzeit gelegentliche Tempo-Wechsel, um die Portugiesen zu überraschen. Mehr als eine Doppelchance in der 10. Spielminute durch Griezmann und Giroud sowie ein Sissoko-Schuss in der 34. Minute kam nicht heraus.

Die Portugiesen taten, was sie in dieser Turnier immer getan hatten. Hinten sicher stehen und nach Ronaldos Aus darauf vertrauen, dass ihre zwei künftigen Bundesliga-Stars, Raphael Guerreiro vom BVB und Renato Sanches vom FC Bayern, mit Nani einen Weg durch Frankreichs Abwehr finden. Nani gelang sogar ein gefährlicher Schuss in der 78. Minute. In der Verlängerung gelangt sogar mit einem Freistoß ein Lattentreffer (107.), bevor Eder zum finalen Schuss aus 22 Metern ansetzte.

Frankreichs Antwort mit dem Bayern-Jungstar Kingsley Coman hatte in der zweiten Halbzeit nicht die Sturmphase gebracht, wie man sie von einer Mannschaft erwarten kann, die 13 Treffer in sechs EM-Spielen vor dem Finale erzielt hatte. Allein Griezmann von Atletico Madrid, mit sechs Treffern der EM-Torschützenkönig, flog an Comans scharfer Flanke mit dem Kopf vorbei (66. Minute). Kurz vor Schluss der regulären Spielzeit scheiterten Sissoko (82.) und mit einem Pfostenschuss Gignac (90.).

Frankreich hatte vorher alle Spiele gewonnen. Das Magische Viereck mit Griezmann, Payet, Giroud und Pogba setzte Maßstäbe bei Tempogegenstößen und hatte sogar den Weltmeister mit zwei Griezmann-Toren aus dem Turnier bugsiert. Im Finale: wenig zu sehen.