Kommentar

Trotz Aus im EM-Halbfinale - Löw ist der Richtige

Löw hat das deutsche Team zurück in die Weltspitze geführt. Er wird auch künftig die Mannschaft leiten. Das ist gut so, sagt Jörn Meyn.

Für Jögi Löw und sein Team ist im EM-Halbfinale Schluss

Für Jögi Löw und sein Team ist im EM-Halbfinale Schluss

Foto: dpa

„Wenn man gewinnt, neigt man dazu, sich an die Lösungen zu ketten, die sich als effizient erwiesen.“ Dieser Satz stammt von Jorge Valdano. Der Argentinier hat mal dafür gesorgt, dass Deutschland eine schmerzhafte Niederlage einstecken musste. Er traf beim 2:3 der deutschen Nationalelf im WM-Finale 1986. Valdanos Satz passt zum Fußball wie zum Leben. Aber es stellt sich die Frage: Woran kettet man sich, wenn man verliert?

Deutschland hat eine bittere Pleite einstecken müssen. Dass im Halbfinale der Fußball-EM am späten Donnerstag gegen den Gastgeber Frankreich der Traum vom Titel geplatzt ist, ist schade. Aber ein Desaster ist das keineswegs. Im Fußball wie im Leben muss die Leistung daran gemessen werden, inwiefern das jeweilige Leistungsvermögen abgerufen wurde. Deutschland hat trotz der Niederlage im Halbfinale ein gutes bis sehr gutes Turnier gespielt – sich kontinuierlich gesteigert, und ist am Ende an einem ebenbürtigen Gegner gescheitert. Solche Niederlagen tun weh, aber sie stellen nicht alles in Frage.

Auch vor vier Jahren scheiterte das Team des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) im EM-Halbfinale. Damals stand vieles in Frage – zum Beispiel, ob Joachim Löw Bundestrainer bleiben kann. Zu sehr lag der Ursprung des Aus in seiner Fehleinschätzung gegen Italien (0:2). Aber er blieb – und revanchierte sich am Sonntag mit einem Viertelfinalsieg gegen die „Squadra Azzurra“. Was wird nun aus Löw? Ist es nach zehn Jahren unter ihm an der Zeit für einen Neuanfang?

Nein. Löw hat den deutschen Fußball zurück in die Weltspitze geführt. Beim fünften Turnier seiner Ära hat das Löw-Team zum fünften Mal das Halbfinale erreicht. Zählt man die WM 2006 mit, bei der Löw als Assistent von Jürgen Klinsmann großen Anteil an Platz drei hatte, waren es sechs gute Turniere in Folge. Keine Nation hat derart konstant erfolgreich gespielt wie Deutschland unter Löw – nicht mal Spanien, das nach drei Titeln zwischen 2008 und 2012 zuletzt zwei Mal früh scheiterte.

Löw hat bewiesen, dass er aus Niederlagen lernen kann: Der Idealist in ihm trat nach dem EM-Aus 2012 hinter dem Pragmatiker zurück. Der führte die DFB-Auswahl 2014 in Rio de Janeiro mit Pragmatismus zum WM-Titel – ein Triumph, auf den Löw lange hingearbeitet hatte. Die EM in Frankreich war für Löw stets eine Zwischenetappe auf dem Weg zur WM 2018 in Russland. Er will dort der zweite Trainer der Geschichte werden, dem es gelingt, seinen WM-Titel zu verteidigen. Das ist trotz des verpassten EM-Titels weiter möglich.

Sein Team steht nicht vor einem Umbruch: Vielleicht treten Kapitän Bastian Schweinsteiger und Lukas Podolski zurück, die letzten Verbliebenen der Generation Sommermärchen. Aber der Kern um Manuel Neuer (30), dem Berliner Jerome Boateng (27) und Thomas Müller (26) ist im besten Alter und kann in zwei Jahren auf höchstem Niveau spielen. Die hochbegabten, aber oft verletzten Ilkay Gündogan und Marco Reus kommen dazu. Es reifen weitere Talente heran: Leroy Sané und Julian Weigl waren schon bei der EM als Ersatzspieler dabei. Auch Julian Brandt oder Mo Dahoud lassen den Strom von Rohdiamanten nicht abreißen. Löw hat seine Elf nach dem WM-Titel und den Rücktritten von Philipp Lahm, Miroslav Klose und Per Mertesacker weiterentwickelt. Sie ist taktisch gereift. Nun muss dieser Prozess weitergeführt werden.

Wenn man verliert, kann man also auch dazu neigen, sich an die Lösung zu ketten, die sich als effizient erwies: Für den DFB muss und wird sie weiter Joachim Löw heißen.