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Herkules-Aufgabe für Didier Deschamps

Frankreichs Nationaltrainer Deschamps braucht einen Halbfinal-Erfolg gegen Deutschland, um seine sachliche Linie fortführen zu können

Es ist traditionell schwierig, die französische Nationalmannschaft zu trainieren: Nationaltrainer Didier Deschamps (l.)

Es ist traditionell schwierig, die französische Nationalmannschaft zu trainieren: Nationaltrainer Didier Deschamps (l.)

Foto: imago/PanoramiC

Lyon.  Didier Deschamps (47) ist Baske aus der Kleinstadt Bayonne, was in Frankreich so viel bedeutet wie: Provinz. Er hält er es gern sachlich. Besonders bei diesem Turnier. Das hat seine Gründe, und darüber wird heute Urteil gesprochen. Alles hängt daran, ob der Nationalcoach das Halbfinale gegen Deutschland gewinnt oder nicht.

Glamourös war er schon als Spieler nicht, als er von hinten das Mittelfeld lenkte und einen der Prototypen dessen abgab, was man heute als „modernen Sechser“ bezeichnet. Technisch ausreichend beschlagen, um die Spiel­eröffnung zu gewährleisten, vor allem aber unermüdlich in der Balleroberung und der taktischen Korrektur seines Teams.

Mit Olympique Marseille gewann er 1993 die bis heute einzige Champions League eines französischen Klubs, mit Juventus Turin wiederholte er 1996 den Triumph. In Italien perfektionierte Deschamps seine Qualitäten. Doch wenn seine Nationalelf heute von Kritikern im eigenen Land immer mal wieder als „italienisiert“ bezeichnet wird, dann schwingt da vor allem eine Menge Verachtung mit.

1982 und 1986 war Deutschland Endstation

Tatsächlich hat das Frankreich von 2014 wenig mit der flamboyanten Equipe zu tun, die 1984 angeführt von einem überragenden Michel Platini das erste Turnier vor eigenem Publikum gewann. Für diesen Wandel ist Deschamps jedoch allenfalls Symptom, und Italien hat damit schon mal gar nichts zu tun.

Nachdem die Platini-Generation trotz überragenden Talents außer jener EM nichts gewann (unter anderem wegen WM-Halbfinal-Niederlagen gegen Deutschland 1982 und 1986) und deren Nachfolger trotz Spielern wie Jean-Pierre-Papin oder Eric Cantona sogar die Endrunden 1990 und 1994 verpasste, leiteten Gérard Houllier und Aimé Jacquet eine französische Stilrevolution ein.

Verbandsdirektor Houllier konzipierte eine Fußballlehre auf Grundlage statistischer Wahrscheinlichkeiten und physischer Voraussetzungen. Trainer Jacquet setzte sie in der Nationalelf um. In Deschamps fand er den perfekten Sergeant und selbstlosen Kapitän. Durch robusten Effizienzfußball, organisiert von Deschamps, veredelt von ­Zinédine Zidane, gewann Frankreich die WM 1998 und die EM 2000.

Wie eigenmächtig entschied Griezmann?

Über 2000 gibt es Erzählungen, wie die Spieler während des Championats die Macht von Jacquet-Nachfolger Roger Lemerre übernahmen. Die französische Presse hat daran in den letzten Tagen erinnert, nachdem Deschamps nun als Trainer dasselbe widerfahren sein könnte.

Laut „Libération“ soll Antoine Griezmann während des Achtelfinals gegen Irland seine Position während der Pause im Alleingang von Rechtsaußen auf hängende Spitze korrigiert haben.

Frankreich gewann durch zwei Griezmann-Tore nach 0:1 noch 2:1. Der Torjäger sagte: „Der Trainer hat eine gute taktische Entscheidung getroffen.“ Beim 5:2 gegen Island im Viertelfinale behielt Deschamps die neue ­4-2-3-1-Formation bei, begünstigt durch die Gelbsperre von Abräumer N’Golo Kanté und den verhältnismäßig leichten Gegner. Nun ist Kanté wieder verfügbar.

Es geht gegen Deutschland. Die entscheidende Systemfrage rüttelt an den Grundsätzen von Deschamps’ fußballerischer Sozialisation. Bleibt er bei dem offensiveren Ansatz mit Griezmann in der Mitte und den Außenstürmern Pa­yet und Sissoko? Oder kehrt er zu den Wurzeln von Frankreichs Erfolgen zu seiner Spielerzeit zurück, den drei zentralen, physisch starken Mittelfeldspielern: Das wären Blaise Matuidi, Paul Pogba und eben Kanté.

Deschamps steht für Erfolg

„Nicht alles ist linear verlaufen, aber das Wichtige ist, dass wir im ­Halbfinale stehen“, sagt Deschamps. Es ist Frankreichs erstes seit 2006. Erfolg hatte er immer, auch in seiner Trainerkarriere. Den AS Monaco führte Des­champs 2004 ins Champions-League-Finale, Juventus 2007 nach dem Manipulationsskandal zurück in die ­Serie A, Olympique Marseille 2010 zur einzigen Meisterschaft der letzten 25 Jahre.

Seine Arbeit bei der Nationalelf steht dem schon jetzt kaum nach. So sehr manche über den Provinzler ohne Flair lästern mögen – seine bodenständige, sachliche Art war genau, was Frankreich brauchte. Vielleicht hat sie die Nationalelf sogar gerettet.

Die Affäre Benzema

Als er vor vier Jahren anfing, hatten „Les Bleus“ seit der Vize-Weltmeisterschaft 2006 nicht nur Misserfolg an Misserfolg gereiht, sondern es auch geschafft, die Nation regelrecht anzuwidern. Die Rebellion bei der WM 2010 von Spielern wie Nicolas Anelka und Franck Ribéry, die Pöbeleien während der EM 2012 von Hatem Ben Arfa oder Samir Nasri.

Deschamps fuhr die Emotionen runter, bootete Ben Arfa und Nasri aus und ließ sich dafür auch mit „Fuck Deschamps“ (Nasris Frau) beschimpfen. Bei der WM 2014 mit dem knappen Viertelfinal-Aus gegen Deutschland (0:1) wendete sich die Stimmung im Land zum Positiven.

Doch dieses Jahr erhob sich die Vergangenheit noch mal aus der Gruft – mit der Affäre Benzema. Die Politik machte Druck, der Verband auch, der Teamgeist war gefährdet – es gab nach den Ermittlungen gegen den Starstürmer wegen möglicher Beteiligung an der Erpressung von Teamkollege Mathieu Valbuena wohl nur eine sinnvolle Entscheidung: die, auf Benzema zu verzichten.

Rassismus-Vorwürfe von Eric Cantona

Dass Deschamps dafür von dem Stürmer des Rassismus bezichtigt wurde, hat ihn tief verletzt und zu dem inneren Rückzug geführt, den es bei diesem Turnier zu verfolgen gibt. Rassismus, diese Karte hatten auch Anelka oder Nasri immer gespielt.

In der folgenden Debatte wiesen Benzema nicht alle so energisch zurecht wie Lilian Thuram, Ex-Teamkollege von Deschamps und glaubhafter Vorkämpfer gegen Diskriminierung. Nur weil er reich und erfolgreich sei, könne sich Benzema nicht alles erlauben, so Thuram: „Sein Vorwurf (gegen Deschamps) diskreditiert die Vorwürfe aller Menschen, die ­wirklich unter ­Rassismus leiden“.

Zu den Trittbrettfahren der Polemik zählte Eric Cantona, der die Nichtnominierung von Ben Arfa in seine Kritik mit einbezog. „Die beiden besten französischen Spieler wurden wegen ihrer nordafrikanischen Wurzeln nicht berufen“, so das einstige Enfant Terrible. „Vielleicht ist ­Deschamps der Einzige in Frankreich mit einem genuin französischen Namen. In seiner Familie hat sich niemand mit niemandem gemischt, wie bei den Mormonen in Amerika.“

Rassismus? Cantona geht es um etwas anderes. Um eine alte Rivalität, um die Stilfrage des französischen Fußballs. Als Deschamps wegen der ­Äußerungen eine Klageandrohung ­einreichte, konterte Cantona: „Das wäre das erste Mal, dass er auf Angriff spielen würde.“