EM2016

Die Sorgen des Weltmeisters: Wer macht für Gomez die Tore?

Bundestrainer Joachim Löw muss für das Halbfinale ein neues Personalpuzzle zusammensetzen. Kompliziert wird’s vor allem im Mittelfeld.

Bundestrainer Joachim Löw muss bis Donnerstagabend eine schlagkräftige Mannschaft für das Halbfinale zusammenstellen

Bundestrainer Joachim Löw muss bis Donnerstagabend eine schlagkräftige Mannschaft für das Halbfinale zusammenstellen

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Évian-les-Bains.  80 Millionen Bundestrainer gibt es in Deutschland. Sagt man zumindest. Und natürlich ist das Quatsch. Denn genau genommen hat Deutschland 81,2 Millionen Einwohner, wobei 3,4 Millionen unter fünf Jahre alt sind. Rechnet man also seriös, dann sind es 77,8 Millionen Bundestrainer, die seit dem Sieg im Elfmeterschießen gegen Italien sich den Kopf zerbrechen.

Wer spielt im Halbfinale gegen Frankreich? Wie kann man die Ausfälle ersetzen? Und wer verteidigt für den gesperrten Mats Hummels? Fragen über Fragen, die bis Donnerstagabend (21 Uhr, ZDF) beantwortet werden müssen.

Joachim Löw, zumindest offiziell der einzig wahre Bundestrainer, sitzt am Montagmorgen im provisorischen Medienzentrum von Évian-les-Bains, rührt wie immer in seinem Espresso und lächelt. Es gebe ja mindestens 20 Millionen Bundestrainer, beginnt ein Journalist eine Frage, ehe Löw ihm ins Wort fällt. „Viel, viel mehr“, sagt er. Trinkt einen Schluck. Und freut sich lächelnd über seinen lustigen Spaß.

„Das Spiel gegen Italien hat Spuren hinterlassen“

Knapp 14 Stunden zuvor und rund 21 Stunden nach dem Drama im Elfmeterschießen gegen Italien war Schluss mit lustig. „Personelle Sorgen bei der Mannschaft“, lautete die Überschrift für das Bulletin, das die Presseabteilung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) am späten Sonntagabend verschickt hatte.

Und die Nachrichten, die das ganze Land in Aufruhr versetzen sollten, waren keine guten: Mario Gomez? Hat einen Muskelfaserriss und fällt für den Rest des Turniers aus. Sami Khedira? Eine Adduktorenverletzung im Bereich des linken Oberschenkels. Und Bastian Schweinsteiger? Eine Außenbandzerrung im rechten Knie. Ein Schock. Oder besser: drei Schocks.

„Das Spiel gegen Italien hat Spuren hinterlassen“, sagt Löw am Morgen da-nach, ehe er diese Spuren konkretisiert. Denn nicht nur Gomez werde ausfallen, Khedira werde ebenfalls mindestens nicht im Halbfinale spielen können. Und auch bei Schweinsteiger sehe es nicht gut aus. Es gebe noch ein klitzekleines bisschen Hoffnung, viel mehr allerdings nicht.

„Basti ist angeschlagen. Die Lage bei ihm hat sich aber leider noch weiter verschlechtert“, berichtet Löw, der neben dem Verletztentrio ja auch noch auf den gelbgesperrten Mats Hummels verzichten muss. „Die Situation ist klar“, sagt der Bundestrainer zum Ende seines Eingangsstatements. „Wir müssen Lösungen finden.“

Wer soll für Gomez in die Spitze rücken?

Lösungen also. Dass neben dem voraussichtlich nicht einsetzbaren Führungsspielerquartett mit Marco Reus (Schambeinentzündung), Ilkay Gündogan (ausgerenkte Kniescheibe) und Antonio Rüdiger (Kreuzbandriss) drei weitere potenzielle Stammkräfte ohnehin bei dieser Europameisterschaft nicht zur Verfügung stehen, wird gar nicht erst erwähnt. Auch nicht, dass damit nun eine komplette Kleinfeldmannschaft fehlt. Null Problemo, das alles. Lösungen müssen eben her.

Die Lösung in der Abwehr scheint klar: Höwedes muss es richten. Mal wieder. Die 77,8 Millionen Bundestrainer dürfen nur noch darüber streiten, ob Deutschland auch gegen Frankreich mit einer Dreierkette (und mit Shkodran Mustafi) spielt. Oder wieder mit einer Viererkette (ohne Mustafi).

Etwas komplizierter ist die Sachlage auf der gegenüberliegenden Seite. Wer soll für Gomez in die Spitze rücken? Torlos-Stürmer Thomas Müller? Oder doch wieder Formlos-Angreifer Mario Götze? „Vielleicht spiele ich ja auch mit zwei Spitzen“, sagt Löw, der sich diebisch über die von ihm angezettelte Verwirrung zu freuen scheint.

Angeschlagene Spieler dürfen nicht spielen

Doch richtig kompliziert wird es vor allem im defensiven Mittelfeld. Den gelernten Zentrumsspieler Joshua Kimmich werde man definitiv nicht von rechts ins Zentrum verschieben, sagt der Bundestrainer. Bleiben noch Dortmunds Youngster Julian Weigl („Ein sehr, sehr guter Spieler“) und Liverpools Emre Can („Ein Spieler wie er würde unserem Spiel gut tun“).

Oder vielleicht alles zurück auf Los und sogar doch Schweinsteiger? „Ich hoffe und wünsche mir, dass es der Basti noch schafft. Er kann unserer Mannschaft sehr viel geben“, sagt Löw, wird dann aber sehr ernst: „Eines ist klar: Spieler, die angeschlagen sind…“, sagt er, und wiederholt: „…Spieler, die angeschlagen und nicht zu 100 Prozent belastbar sind, lasse ich definitiv nicht spielen.“

Er habe diesen Fehler einmal gemacht, sagt Löw, der diesen „Fehler“ in Wahrheit schon dreimal gemacht hatte: 2008 setzte er in Österreich und in der Schweiz gegen den Willen der 77,8 Millionen Bundestrainer auf den angeschlagenen Christoph Metzelder, im Finale gegen Spanien (0:1) auf den nicht zu 100 Prozent fitten Michael Ballack und vier Jahre später bei der EM 2012 auf den lädierten Schweinsteiger. Diesen Fehler, so Löw, werde er nie wieder machen.

1996 wurde Deutschland trotz vieler Verletzter Europameister

Doch die Aufgeregtheit im Lager der Deutschen hält sich trotz der weltmeisterlichen Sorgen vor dem Halbfinale gegen Frankreich in Marseille in Grenzen. „Es wäre zu leicht, zu sagen: Wir haben einige Verletzte. Frankreich hat klasse gespielt. Die Franzosen sind eingespielt. Und dann haben sie auch noch den Heimvorteil“, zählt Löw mit gespielter Wehleidigkeit auf, sagt dann aber: „Das alles spielt am Donnerstag überhaupt keine Rolle mehr.“

Eine ähnliche Situation hatte Fußball-Deutschland zuletzt vor 20 Jahren zu überstehen. Bei der EM 1996 war die halbe Mannschaft verletzt, Jens Todt wurde kurz vor dem Finale nachnominiert, und Bundestrainer Berti Vogts ließ sogar Spielertrikots für die Ersatztorhüter anfertigen.

Das Ende der Geschichte ist hinlänglich bekannt: Irgendwann fanden sich dann doch noch elf mehr oder weniger gesunde Spieler, Deutschland wurde Europameister, und Millionen von Hobby-Bundestrainern waren sich sicher, dass auch der eine offizielle in diesem Fall ausnahmsweise alles richtig gemacht hatte.