EM2016

Als Klaus Fischer gegen Frankreich das Tor des Jahres schoss

Zwischen 1982 und 2014 war Deutschland für Frankreich der größte Angstgegner. Eine Erinnerung, mit Hilfe von Torjäger Klaus Fischer.

Fallrückzieher im WM-Halbfinale 1982: Klaus Fischer gleicht in der Verlängerung auf unnachahmliche Weise gegen Frankreich aus. Kapitän Michel Platini (l.) ist konsterniert

Fallrückzieher im WM-Halbfinale 1982: Klaus Fischer gleicht in der Verlängerung auf unnachahmliche Weise gegen Frankreich aus. Kapitän Michel Platini (l.) ist konsterniert

Foto: Werek / picture-alliance / Werek

Évian-les-Bains.  Klaus Fischer saß am Sonntag vor dem Fernseher und ärgerte sich. Wie kann man Olivier Giroud so laufen lassen? Den muss man in Manndeckung nehmen und nicht einfach das 1:0 schießen lassen. Da ist Fischer, früher selbst Mittelstürmer und heute 66 Jahre alt, immer noch Fußballer, der sich über so etwas mächtig aufregen kann. Erst später am Abend, als Frankreich Island mit 5:2 bezwungen hatte, dachte er: Jetzt geht’s also wieder los. Und Klaus Fischer freute sich.

Deutschland gegen Frankreich im EM-Halbfinale am Donnerstag ist das Duell der ziemlich besten Gegner – und Fischer der Mann, der davon am besten berichten kann. 58 Jahre ist es her, dass Frankreich in einem Turnier gegen eine deutsche Elf gewinnen konnte: 6:3 im Spiel um Platz drei bei der WM 1958. Danach aber warfen deutsche Teams die „Equipe Tricolore“ dreimal raus. „Wir sind für Frankreich das, was Italien bis Sonnabend für uns war: der Angstgegner“, sagt Fischer.

Den Anfang dieser belasteten Beziehung machte ein Tor, von dem Fischer heute sagt: „Es war das wichtigste meiner Karriere.“ Vor fast auf den Tag genau 34 Jahren in Sevilla lag Deutschland schon 1:3 in der Verlängerung des WM-Halbfinals 1982 gegen Frankreich zurück. Marius Tresor, Alain Giresse, adieu Allemagne – dachten viele, dachte auch Fischer. „Wir waren praktisch tot“, erinnert er sich.

„Anders hätte ich den Ball nicht reinmachen können“

Dann trifft Karl-Heinz Rummenigge zum 2:3. Hoffnung zuckt durch die Mannschaft von Jupp Derwall. Pierre Littbarski flankt von links, Horst Hrubesch legt per Kopf ab und Fischer sich rückwärts in die Luft: Fallrückzieher zum 3:3 ins Eck. Besondere Spiele erfordern besondere Maßnahmen.

„Anders hätte ich den Ball nicht reinmachen können“, sagt Fischer. Sein Treffer wurde Tor des Jahres 1982. Es gab Elfmeterschießen: Deutschland siegte 5:4. Die „Nacht von Sevilla“ ist bis heute eines der größten Comebacks der WM-Geschichte und eine der bittersten Niederlagen des französischen Fußballs.

Das 2:0 im WM-Halbfinale von Guadalajara vier Jahre später tat weh. Weil Frankreich, damals Europameister, den Deutschen überlegen war. Dichter dran war Frankreich 2014 in Brasilien: Das 1:0 im WM-Viertelfinale, als Mats Hummels den Siegtreffer erzielte, bildete bisher den Schlusspunkt des französischen Deutschlandtraumas. Aber 1982 bleibt am stärksten in Erinnerung – auch wegen einer hässlichen Nebengeschichte.

Als Toni Schumacher Patrick Battiston niederstreckte

Der Bodycheck von Toni Schumacher gegen den Franzosen Patrick Battiston, der danach mit angebrochenem Halswirbel und Gehirnerschütterung zuckend am Boden liegen blieb, provozierte eine mittelschwere Staatskrise.

Der französische Präsident Francois Mitterrand und Bundeskanzler Helmut Schmidt sahen sich veranlasst, eine gemeinsame Pressemitteilung herauszugeben. Die Sportzeitung „L’Equipe“ titelte: „Toni Schumacher. Beruf: Unmensch“. Die demonstrative Gleichgültigkeit des Torwarts, die eigentlich Unsicherheit war, sein Spruch danach, als ihm von Battistons verlorenen Zähnen berichtet wurde: „Dann zahl ich ihm die Jacketkronen.“ Schumacher hat sich später entschuldigt.

Aber das Bild vom hässlichen Deutschen samt Nazi-Vergleiche fand man in Frankreich damals in vielen Zeitungen. Fischer, der 1982 mit Schumacher zusammen beim 1. FC Köln spielte, sagt heute: „Das war eben Tonis Spiel. Im Training grätschte er einen manchmal sogar an der Außenlinie um. Er spielte ohne Rücksicht auf sich und den Gegner.“ Ohne Schumacher hätte es den deutschen Sieg 1982 nicht gegeben: Er parierte im Elfmeterschießen zweimal.

Elf deutsche Spieler gegen 66 Millionen Franzosen

Joachim Löw kann sich nicht mehr daran erinnern, wo er das WM-Halbfinale von 1982 gesehen hat. Und es interessiert ihn auch nicht. „Angstgegner, das zählt in einem Turnier überhaupt nicht“, sagt der Bundestrainer am Montag und verweist auf die Überwindung des eigenen Traumas gegen Italien vom Sonnabend.

Mehr interessiert ihn, was es von Frankreich beim 5:2 gegen Island zu sehen gab, und das hat ihn beeindruckt: „Sie haben ein überragend gutes Spiel gemacht und strotzen jetzt vor Selbstbewusstsein“, sagt der 56-Jährige.

Für Löw galt Frankreich immer als einer der Turnierfavoriten – auch wegen des Heimvorteils. In Marseille trete sein Team am Donnerstag nicht nur gegen elf Franzosen an, so Löw, sondern gegen 66 Millionen. Ein ganzes Land werde hinter der „Equipe Tricolore“ stehen.

Neun Mal gegen Gastgeberländer gewonnen

Löw sagt zwar, die Gedanken sollten weniger nach hinten als nach vorn gehen, aber er weiß auch, dass aus dem Hinten Kraft für das Vorn zu ziehen ist: Denn Deutschland ist nicht nur der Angstgegner Frankreichs, sondern auch der Angstgegner von Gastgeberländern überhaupt.

Neun Mal schlug eine DFB-Auswahl Turnierausrichter bereits. Zuletzt Brasilien 7:1 vor zwei Jahren. Löw spricht jetzt mit den Händen wie ein Italiener: „Da mussten wir gegen 200 Millionen Brasilianer bestehen. Damit sind wir auch gut klar gekommen. Solche Spiele sind super.“

Klaus Fischer wird sich die Halbfinal-Partie gegen Frankreich am Donnerstag bei sich zu Hause in Gelsenkirchen anschauen. Dass dabei ein Mittelstürmer, wie er es 1982 war, nach dem Ausfall von Mario Gomez fehlt, macht ihm keine Sorgen. „Dann muss es eben wieder mal Mario Götze richten“, sagt Fischer. Der hatte ja ein ähnlich schönes, aber noch wichtigeres Tor erzielt: den Finaltreffer bei der WM 2014 gegen Argentinien. Aber die Angelegenheit werde schwer: „Denn in einem Halbfinale kann alles passieren“, sagt Fischer. Wer wüsste das besser als er?