EM2016

„Wir beten, dass sich Olivier Giroud bis zur Euro verletzt“

Noch vor der EM schlug dem Stürmer blanker Hass entgegen. Doch seine drei Treffer machen den 29-Jährigen nun zum Liebling der Nation.

Olivier Giroud erzielte schon drei Treffer bei der EM

Olivier Giroud erzielte schon drei Treffer bei der EM

Foto: Mike Hewitt / Getty Images

Saint-Denis.  Von Liebe auf den ersten Blick zu sprechen, kann nicht mal im Ansatz die Rede sein. Auch nicht auf den zweiten oder dritten Blick. Das Verhältnis der Franzosen zu ihrem Stürmer Olivier Giroud, es soll an dieser Stelle zurückhaltend umschrieben werden: totale Ablehnung.

Vor diesem Hintergrund wäre es durchaus nachvollziehbar, würde der Nationalspieler nun Genugtuung empfinden. Sehr große Genugtuung, erst recht nach seinem Doppelpack beim 5:2 gegen Island im Viertelfinale. Stattdessen übt er sich im inzwischen gängigen Mannschaftssprech.

„Wir haben uns stark verbessert und genießen es, zusammen zu wachsen. Wir machen die richtigen Dinge und waren effektiver. Also macht uns das glücklich“, sagte der 29-Jährige. Uns – das schließt ihn ausdrücklich mit ein, ohne ihn herauszustellen.

Einst für Benzemas Ausbootung verantwortlich gemacht

Gut möglich, dass ihm das angesichts der Wochen und Monate vor der Europameisterschaft nicht ganz unwichtig ist. Denn nachdem die Nominierung von Karim Benzema wegen der Erpressungsaffäre vom Tisch war, schien es, als müsste Giroud für das Fehlen des Stürmers von Real Madrid büßen. Weil er beim FC Arsenal eine schwache Rückrunde gespielt hatte, in einer Mannschaft, die eine schwache Rückrunde gespielt hatte.

Beim Testspiel am 30. Mai in Nantes gegen Kamerun (3:2) wurde er gnadenlos ausgepfiffen. Schon vorher, beim Verlassen des Mannschaftsbusses, schallten ihm „Benzema zur Euro“-Rufe lautstark entgegen. Auch weil die von der Öffentlichkeit geforderten Hatem Ben Afra (Nizza) und Alexandre Lacazette (Lyon) nur ein Reservistendasein fristeten.

Das Duo hatte zwar in der französischen Ligue 1 eine überzeugende Rückrunde hingelegt. Doch Nationaltrainer Didier Deschamps ist nicht entgangen, dass das mäßige Niveau in Frankreichs Eliteliga nicht mit dem der englischen Premier League zu vergleichen ist. Die breite Masse wollte davon aber nichts wissen.

Heute Teil eines magischen Torjäger-Trios

Giroud blieb der Sündenbock für die Ausbootung Benzemas. In den sozialen Netzwerken wurde gegen Giroud gepestet, was das Zeug hielt. Auf Facebook wurde sogar eine Seite eröffnet mit dem perfiden Namen „Beten, dass sich Giroud bis zur Euro verletzt“. Über 150.000 Likes wurden gezählt.

Es dürfte ebenso interessant wie unmöglich sein, nun zu ermitteln, wie viele von den Giroud-Hassern nun ins Lager der Verehrer gewechselt sind. Giroud, dieser 1,90 große Modellathlet mit stets akkurater Frisur und dem stylischen Bart, gehört bei der EM zum magischen Torjäger-Trio mit Antoine Griezmann (vier Treffer) und Dimitri Payet (drei). Er blühe auf, er habe Spaß, er genieße, meinte Giroud am Montag im EM-Quartier der Franzosen in Clairefontaine.

Lob an seinen Vereinskollegen Özil

Dabei war es fast vorhersehbar, dass er im Trikot der „Equipe Tricolore“ wieder aus seinem Tief findet. Weil er auch in den vergangenen Jahren immer wieder im Nationalteam überzeugen konnte.

Und weil er aus taktischen Gründen bestens in das Konstrukt von Deschamps passt. Dank seiner Zielstrebigkeit, wie beim Führungstreffer gegen die Isländer, und seiner Kopfballstärke, wie beim Tor zum 5:1, bietet er seinem Trainer offensiv genug Varianten.

Vor dem Halbfinale gegen Deutschland lobte Giroud seinen Klubkollegen Mesut Özil übrigens in den höchsten Tönen. „Er hat ein tolles Passspiel und kann ein Spiel lesen“, sagte Frankreichs Torjäger über seinen Vorlagengeber beim englischen Vizemeister Arsenal: „Wir dürfen ihm nicht zu viel Freiraum geben.“ Gleiches gilt auch für die deutsche Defensive in Sachen Giroud, Frankreichs neuen Liebling.