EM2016

Abschied von Island, dem Europameister der Herzen

Mit der Hoffnung auf eine große Zukunft verabschieden sich Islands Fußballer aus dem Turnier. Doch das nächste große Ziel wartet schon.

Danke für eine großartige Zeit! Verteidiger Hordur Magnusson wird nach dem letzten Spiel der Isländer bei der EM von einem Freund umarmt

Danke für eine großartige Zeit! Verteidiger Hordur Magnusson wird nach dem letzten Spiel der Isländer bei der EM von einem Freund umarmt

Foto: imago/All Over Press Sweden

St.-Denis.  Als die EM ihrem Liebling traurig adieu sagte, liefen selbst bei den tapferen Wikingern die Tränen. Aron Gunnarsson weinte, Ari Skulason ließ sich von seiner Tochter trösten. Doch die Enttäuschung über das schmerzhafte Viertelfinalaus gegen die übermächtigen Franzosen wich bei Islands Fußball-Helden nach einem letzten „Huh!“ schnell purem Stolz. „Vielleicht wäre es ein bisschen zu viel gewesen, die EM gleich im ersten Versuch zu gewinnen. Aber es war ein wirklich tolles Turnier“, sagte Stürmer Kolbeinn Sigthorsson.

Die französischen Fans waren längst auf dem Heimweg, als Tausende Isländer trotz des 2:5 (0:4) immer noch mit ihrer Klatsch-Choreographie und den markanten „Huh!“-Rufen in der Kurve feierten, die selbst von Frankreichs Fans schon adaptiert worden waren.

Die Spieler stellten sich für ein letztes gemeinsames Foto auf, im Hintergrund wurde gejubelt und gesungen, als hätten sie gerade den Titel geholt. Mit solchen Gänsehautmomenten hatten die EM-Debütanten von der Vulkaninsel im Atlantik in den vergangenen Wochen die Herzen Europas im Sturm erobert.

Trainer Lars Lagerbäck hört auf

„Es war ein fantastisches Turnier für so ein kleines Team wie uns“, resümierte Offensivspieler Gylfi Sigurdsson: „Wir haben den Kids zu Hause die Hoffnung gegeben, dass so etwas möglich ist.“ Und es soll nicht das letzte Mal gewesen sein. „Wir stehen hoffentlich vor einer rosigen Zukunft und wollen bei der nächsten Endrunde dabei sein“, sagte Sigurdsson.

Die Qualifikation für die WM in Russland in gut zwei Monaten muss allerdings ohne Trainer Lars Lagerbäck geschafft werden. Der Schwede hatte Island seit 2011 von Platz 108 der Weltrangliste immer weiter nach vorne geführt, doch aus Altersgründen beendet der 67-Jährige sein Engagement. „Es war eine fantastische Reise, Island steht vor einer positiven Zukunft“, so Lagerbäck: „Ich bin sehr stolz, denn wir haben uns enorm weiterentwickelt.“

Angeführt von Coach Heimir Hallgrimsson (49), der bislang mit Lagerbäck gleichgestellt war, soll es für den England-Bezwinger nun erstmals zur Weltmeisterschaft gehen. „Vielleicht können wir es jetzt auch schaffen, aber das ist viel härter“, sagte Hallgrimsson.

„Wir sind auf den Geschmack gekommen“

In der Gruppe mit Kroatien, der Ukraine, der Türkei, Finnland und dem Kosovo schafft nur der Erste den sicheren Sprung zum Turnier nach Russland. „Hoffentlich nutzt der Verband das Geld, um weitere junge Spieler zu fördern“, sagte Lagerbäck. Auch wenn Island nur 330.000 Einwohner hat, schafften es die Vereine zuletzt hervorragend, Talente zu entdecken und zu fördern. „Wir sind auf den Geschmack gekommen, wie es ist, auf der großen Bühne zu stehen. Wir lieben es und gehören hierher“, sagte Torhüter Hannes Halldorsson.

Dass sie sich selbst nach dem heftigen 0:4 zur Halbzeit gegen Frankreich nicht aufgaben, sprach für den isländischen Charakter. Sie kämpften bis zum Umfallen. „Immerhin haben wir die zweite Halbzeit mit 2:1 gewonnen, auch wenn das natürlich nicht viel wert ist. Uns war es wichtig, dass wir uns so verabschieden“, sagte Sigthorsson.

Sein Trainer denkt, dass Spieler wie er demnächst gefragt sein dürften. „Ich wäre überrascht, wenn nicht viele isländische Spieler jetzt zu größeren Klubs gehen“, sagte Hallgrimsson. „Isländische Spieler werden beliebter werden. Diese Spieler hier haben vorgelebt, was der Geist Islands ist.“ Bislang sind die meisten bei Klubs wie Odense BK, Hammarby IF oder Charlton Athletic beschäftigt.

Aus den Erfahrungen der EM lernen und wachsen

Ganz zum Schluss führte Aron Gunnarsson noch einmal Islands typischen Jubel an. Mit erhobenen Armen stand der bärtige Kapitän vor 10.000 Landsleuten im Dauerregen von St.-Denis, schlug die Hände über dem Kopf aneinander und brüllte: „Huh! Huh! Huuuh!“ Selbst der künftige Staatspräsident Gudni Thorlacius Johannesson machte im Fanblock mit.

Der Politiker hatte seine Vip-Karten zurückgegeben und tauschte den Anzug gegen das blaue Nationaltrikot. „Ich habe keine Worte dafür, was unsere Fans hier angestellt haben“, sagte Gunnarsson: „Wir werden aus all den Erfahrungen in Frankreich lernen und wachsen. Wir fangen gerade erst an. Die Jungs sind noch lange nicht satt, wir sind immer noch hungrig.“

Europameister der Herzen, diesen Titel kann den Isländern keiner mehr nehmen. Das ist auch etwas, das worüber man sich im Urlaub freuen kann. Zumal selbst daran vor drei Wochen noch nicht zu denken gewesen war.