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Joachim Löw muss wieder umbauen

Trotz Sieg nur Ärger: Für Gomez ist das Turnier vorbei, Schweinsteiger und Khedira sind angeschlagen, und von Scholl gibt’s Kritik.

Bundestrainer Joachim Löw erklärt seinen Spielern im Stade de Bordeaux, mit welcher Taktik sie Italien im Viertelfinale besiegen sollen

Bundestrainer Joachim Löw erklärt seinen Spielern im Stade de Bordeaux, mit welcher Taktik sie Italien im Viertelfinale besiegen sollen

Foto: Christian Charisius / dpa

Bordeaux.  Manchmal wirkt dieser Bundestrainer wirklich ein bisschen sonderbar, wenn nicht sogar schrullig. Aber wenn Joachim Löw eine Botschaft wichtig ist, dann ist es eben bisweilen so, dass er jenen Satz oder Halbsatz, der die Botschaft beinhaltet, noch einmal wiederholt.

Das da in Bordeaux, das war ihm wichtig, sehr wichtig. Es hatte alles funktioniert, trotzdem saß Löw nach dem Spiel in den Katakomben des Stadions und wirkte wie ein Mann, der sich zu verteidigen hatte. Seine Mannschaft war soeben ins Halbfinale der Europameisterschaft eingezogen, hatte auf dem Weg dorthin nicht irgendwen, sondern den besonders gefürchteten Gegner Italien erstmals bei einem großen Turnier bezwungen und das auch noch überaus dramatisch in einem Elfmeterschießen voller großer Gefühle.

7:6 lautete das amtliche Endergebnis nach Zählung aller Tore, aber Löw war schon kurz nach dem Abpfiff bekannt geworden, dass das nicht gereicht hatte. Es sei ja schon „viel diskutiert“ worden, sagte Löw untypisch schmallippig. Auf die Frage, ob es Mut gekostet habe, seine so erfolgreiche und gegentorlose Abwehrkette signifikant umzubauen, sagte er ernst: „Es war dringend notwendig.“ Und - Achtung, bisschen schrullig: „Es war dringend notwendig.“

TV-Experte Scholl zielt auf Chefscout Siegenthaler

Schon einmal hatte er unter der Berücksichtigung italienischer Stärken seine Mannschaft verändert, 2012 im EM-Halbfinale, bei Löws schmerzhaftester Niederlage (1:2). Nun hatte er es wieder getan. Das genügte für einen beeindruckenden Furor in Teilen der Nation. Fußball-Deutschland ist tief gespalten: Ist Löw nun dem Wahnsinn anheim gefallen oder war die Dreierkette ein genialer, siegbringender Schachzug?

Mehmet Scholls Standpunkt dazu ist eindeutig. Der Fernseh-Experte marodierte live durch die schöne deutsche EM-Kulisse. In seinem Visier: Löw, aber noch mehr der deutsche Chefscout Urs Siegenthaler, der die Gegner stets eingehend studiert und seine Expertise an den Bundestrainer weitergibt.

„Joachim Löw wacht doch nicht nachts auf und denkt: Dreierkette, Dreierkette, Dreierkette. 2008 haben wir uns Spanien angepasst – und sind rausgeflogen. 2010 haben wir uns Spanien angepasst – auch rausgeflogen. 2012 haben wir uns Italien angepasst – wieder raus. Urs Siegenthaler soll seinen Job machen – und morgen liegen bleiben“, grantelte der meinungsfreudige Bajuware.

Löw hatte seine Gründe

Er brach einen erstaunlichen Streit vom Jägerzaun. „Es hat 30, 40 Minuten gedauert, bis wir Vertrauen und das Spiel begriffen haben. Danach war es okay, aber eben kein Offensivfeuerwerk.“ Mit der bislang im Turnier bewährten Aufstellung hätte man die Italiener auch bezwungen, befand Scholl, der mal als Drittliga-Trainer bei Bayern München gearbeitet hat.

Wie das Spiel nun ausgegangen wäre, lässt sich schwerlich nachvollziehen. Löw hatte jedenfalls seine Gründe für die Rochade – und sie stand früh fest. „Für mich war das nach dem Spiel Spanien gegen Italien im Achtelfinale klar. Das war mein erster Gedanke.“

Italiens Besonderheit: das Spiel mit zwei Spitzen. Die Dreierkette, die defensiv zur Fünferkette wird, sorgte dafür, dass Deutschland ausreichend Verteidiger zur Stelle hatte. „Die Italiener sind gefährlich, wenn sie durch die Mitte in die Tiefe spielen“, sagte Löw, „das machen sie gut, aber es ist leicht berechenbar.“

Er sagt das so leicht, wie er sich den Fortgang des Abends gewünscht hätte. Löw hatte es doch allen gezeigt, hatte nicht nur endlich Italien geschlagen und 2012 wieder gutgemacht, sondern auch noch seine eigenen Ansprüche erfüllt: die Entwicklung der Mannschaft. „Nach der WM war klar, dass wir unser Repertoire erweitern müssen, weil wir sonst zu ausrechenbar sind.“

Er hatte die Dreierkette seitdem proben lassen, mit dem Masterplan, sie im entscheidenden Moment anwenden zu können. Entschieden wurde das Duell letztlich im Glücksspiel Elfmeterschießen, aber die Dreierkette hatte 120 Minuten lang die Kontrolle über das Geschehen. Anders als 2012, als Löws Idee eines Sonderbewachers für Andrea Pirlo wie aus dem Nichts kam und krachend scheiterte.

Für verletzten Mario Gomez ist das Turnier beendet

„Das war eine gute Umstellung“, lobte Benedikt Höwedes die Dreierkette, in der er ein gut funktionierendes Mitglied war. Thomas Müller sprang dem von Scholl kritisierten Siegenthaler zur Seite: „Er filetiert die Gegner, bereitet dem Trainer mit einer guten Analyse alles vor.“ Löw selbst scheint in der Bewertung der Mannschaft längst über jeden Zweifel erhaben zu sein. Er entscheidet, aber er hört auch auf die Meinung seiner wichtigsten Spieler.

„Jogi Löw ist schon ein extremer Taktikfuchs. Er weiß, worauf es ankommt“, sagt Sami Khedira, „aber auch wir Spieler sind ja nicht auf den Kopf gefallen. Im Endeffekt hatten wir beide die gleichen Gedanken.“ Ob die Dreierkette auch wieder das geeignete Mittel sein wird, wenn am Donnerstag (21 Uhr) das Halbfinale gegen Gastgeber Frankreich oder Außenseiter Island ansteht? „Das werden wir sehen“, sagt Löw. Es klingt wie ein Nein.

Erst einmal muss er sich um andere Fragen kümmern, es gibt einige. Mats Hummels sah die zweite Gelbe Karte im Turnier und wird im Halbfinale gesperrt sein. Für Stürmer Mario Gomez ist das Turnier wegen einer Oberschenkelverletzung beendet. Der Einsatz der ebenfalls verletzten Sami Khedira (Adduktoren) und Bastian Schweinsteiger (Knie) im Halbfinale ist fraglich. Löw wird Lösungen finden müssen. Bislang hat er das immer recht gut geschafft. Zum sechsten Mal in Folge – fünf Mal unter dem Bundestrainer Löw – steht die DFB-Auswahl mindestens im Halbfinale eines großen Turniers. Das spricht für sich.