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18 Schüsse für die Ewigkeit

Weil alle Profis patzen, die in England spielen, braucht es neun Durchgänge, ehe der Viertelfinal-Sieger feststeht.

Foto: Alexander Hassenstein / Getty Images

Bordeaux/Évian-les-Bains.  Es ist sicherlich nicht übertrieben zu behaupten, dass Manuel Neuer schon so einiges in seiner Karriere erlebt hat. Der Torhüter ist 30 Jahre alt, stand in 70 Spielen für Deutschland zwischen den Pfosten, dreimal wurde er Welttorhüter des Jahres.

Doch für das, was sich da am Sonnabend im Stade de Bordeaux um kurz vor Mitternacht abspielte, fehlten Deutschlands Nummer eins die Worte. „Ich habe schon ein paar Elfmeterschießen mitgemacht“, sagte der Wahl-Münchner schließlich, „aber so etwas habe ich noch nie erlebt.“

6:5 hatte Deutschland Angstgegner Italien im Elfmeterschießen bezwungen. Doch das nackte Ergebnis konnte nicht im geringsten aus­drücken, was Minuten zuvor auf dem ­Rasen passiert war. „Das“, sagte Neuer, „war ein wirkliches Drama.“

Drei Deutsche und vier Italiener verschießen

Die Kurzform dieses Dramas geht in etwa so: 1:1 nach Verlängerung. Und weil es das Uefa-Reglement seit 1976 vorsieht, dass in Fällen wie diesem die Entscheidung auf den Punkt gebracht werden muss, passierte genau das: neun Elfmeter hüben, neun Elfmeter drüben. 18 Schüsse für die Ewigkeit. Am Ende sollten drei Deutsche und vier Italiener verschießen. Deutschland hatte 7:6 gewonnen. Ende gut, alles gut.

Die Schnellform dieses epischen Elfmeterschießens reicht aber nicht für eine angemessene Würdigung aus. Das Drama, und auch das passte zu dieser Geschichte voller Helden und Deppen, begann weit vor dem ersten Schuss aus elf Meter Entfernung.

So schien Viktor Kassai zunächst nicht zu glauben, was er im Anschluss an die Verlängerung zu hören bekam. Der ungarische Schiedsrichter stand nach dem 1:1 nach 120 Minuten am Mittelkreis mit Bastian Schweinsteiger und Gianluigi Buffon und fragte den Kapitän der deutschen Nationalelf, ob er das wirklich ernst meinte, was er da gerade gesagt hatte. Schweinsteiger nickte, Kassai zuckte mit den Schultern und zeigte mit den Arm in Richtung ­italienischer Kurve.

Schweinsteiger wählt das Tor vor den italienischen Fans

Was zu diesem Zeitpunkt noch niemand wusste, verriet Schweinsteiger eine knappe Stunde später: „Ehrlich gesagt hatte ich die Seitenwahl gewonnen. Aber ich habe kurz nachgedacht, wie das eigentlich so in der Vergangenheit war.“

Schweinsteiger dachte also nach und erinnerte sich an ein bitteres Elfmeterschießen im Champions-League-Finale 2012 gegen Chelsea. Schweinsteiger und die Bayern schossen auf die eigene Kurve – und verloren. Dann gab es das erfolgreiche Elfmeterschießen 2013 gegen Real Madrid. Schweinsteiger und die Bayern schossen auf die gegnerische Kurve – und gewannen.

„Und schließlich war da ja noch das erste Elfmeterschießen hier in Frankreich“, sagte Schweinsteiger. Schweiz gegen Polen. Die Schweizer gewannen die Seitenwahl, die Polen das Elfmeterschießen. „Also dachte ich mir: Dann lass uns lieber auf die italienische Kurve schießen“, sagte der Mittelfeldmann. „Und die italienischen Fans haben sich ja auch sehr gefreut.“

„Das war ein Nervenkrieg“

Nun sehen es die ungeschriebenen Regeln eines solchen Elfmeterschießens vor, dass man am Ende dieses ultimativen Mann-gegen-Mann-Vergleichs Depp oder Held ist. Drin oder gehalten, schwarz oder weiß. Ein Kompromiss ist in diesem Fall keine Lösung. „Das war ein Nervenkrieg“, so Neuer, der als Erster ins Tor musste. Insigne trat an – und traf. 2:1 für Italien. Für Deutschland folgte Toni Kroos. 2:2.

Dann der erste Höhepunkt dieses Dramas in neun Akten. Der nur für dieses Elfmeterschießen eingewechselte Simone Zaza tippelte, schaute, tippelte, schaute, tippelte – und verschoss. Italien zu Boden betrübt – und wenig später wieder himmelhoch jauchzend.

„Aus dem Spiel heraus werde ich in den nächsten Monaten nicht mehr antreten“, sagte Thomas Müller eine gute Stunde später, als er erklären musste, wie Buffon seinen Schuss halten konnte. Der frühere Wolfsburger Andrea Barzagli traf ins Tor, Mesut Özil nur den Pfosten. 3:2 für Italien. „Dieses Auf und Ab war einfach nur schlimm“, sagte DFB-Manager Oliver Bierhoff, der sich aber beim nächsten Schuss wieder freuen durfte: Graziano Pellè schoss am linken Pfosten vorbei, der ein­gewechselte Julian Draxler traf. 3:3.

Der Wortkarge hat es auf dem Fuß

Dann kam der erste große Auftritt Manuel Neuers. „Ich habe immer wieder versucht, den Gegner zu lesen“, sagte der Torhüter, der bei Italiens Leonardo Bonucci Glück hatte. Kapitän Schweinsteiger konnte alles entscheiden – und scheiterte. Erneut.

Giaccherini, 4:3. Mats Hummels, 4:4. Parolo, 5:4. Joshua Kimmich, 5:5. De Sciglio, 6:5. Jerome Boateng, 6:6. Und wieder Neuer, der Darmians Schuss parierte. Ehe das Drama zum Höhepunkt kam, bleibt festzuhalten: Der Elfmeterfluch, der die Engländer regelmäßig befällt, scheint ansteckend zu sein. Im EM-Viertelfinale traten vier Profis aus der Premier League an: Schweinsteiger (Manchester United), Özil (FC Arsenal), Pellè (FC Southampton) und Darmian (Manchester United) – alle verschossen.

Nun hatte es ausgerechnet der wortkarge Jonas Hector (siehe Extratext Seite 19) auf dem Fuß. Der Kölner kam, überlegte, lief an, schoss, traf und siegte. 7:6. „Das war an Dramatik nicht mehr zu überbieten“, sagte Hummels, der wahrscheinlich gar nicht wusste, wie recht er hatte. Dabei musste Deutschland schon vor dem Duell mit Italien bei großen Turnieren in insgesamt sechs Elfmeterschießen antreten. Fünf Mal gewann der Weltmeister. Nur vor 40 Jahren, im Juni 1976, hatte Uli Hoeneß den Ball in den Belgrader Nachthimmel gejagt.

„Daran habe ich natürlich nicht gedacht, dass wir eine so gute Statistik in den Turnieren hatten“, sagte Neuer. Laut Statistik ist Deutschland die beste Elfmeter-Mannschaft der Welt. Fehlt nur noch eines: der Titel der ­besten Fußballmannschaft Europas.