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In Italien herrschen Stolz und Tränen

Torwart-Routinier Buffon hadert mit den vielen verschossenen Elfmetern. Trainer Conte kritisiert fehlende Unterstützung.

Unter Tränen bedankt sich Gianluigi Buffon nach seinem 160. Länderspiel bei den Fans

Unter Tränen bedankt sich Gianluigi Buffon nach seinem 160. Länderspiel bei den Fans

Foto: Laurence Griffiths / Getty Images

Bordeaux/Montpellier.  Am nächsten Mittag, sagt Antonio Conte, ist alles „noch viel schlimmer“. Feuchte Augen, gebrochene Stimme, der Abschied aus Frankreich am italienischen Teamquartier in Montpellier. Noch schlimmer?

Schlimmer als die Tränen von ­Andrea Barzagli, der am Abend zuvor sein Fernsehinterview abbrechen musste? Schlimmer als die von Gianluigi Buffon, den es körperlich durchzuckte wie bei einer Geistervertreibung, der buchstäblich an sich halten musste, um ­die Übung vor der TV-Kamera durchzu­stehen? Geht es noch schlimmer?

Italien verlässt die Europameisterschaft. 6:7 nach Elfmeterschießen gegen Deutschland - für Buffon war es das sechste Ausscheiden aus einem großen Turnier, er ist 38 Jahre alt, nie hatte man ihn so gesehen. Buffon, der große Kapitän. Barzagli (35), das einzige andere Mitglied der Weltmeisterelf von 2006. Wohl kein Zufall, dass die Ältesten am gebrochensten waren nach der dramatischen Niederlage gegen Deutschland. Sie haben ja die meiste Erfahrung. Sie wussten am besten: Solche Dynamiken führen eigentlich zu Turniersiegen.

Parallelen zur WM 2006

Italiens Dynamik bei diesem Turnier war sensationell. „Eine Geschichte wurde abgebrochen, die etwas wirklich Magisches hatte“, sagte Buffon. Um das Gefühl verständlich zu machen, eignet sich ein Vergleich zur WM 2006 und der Stimmungslage der Deutschen nach der ähnlich dramatischen Halbfinal-Niederlage gegen eben jenes Italien.

Wie die Elf von Jürgen Klinsmann damals begann die von Conte das Turnier in einem Meer voller Zweifel. Überraschte dann sich selbst, berauschte sich an sich selbst, ritt eine Welle des Hungers, der Leidenschaft und scheinbar des Schicksals. Fühlte sich auserwählt. Aber nicht immer hält sich der Fußball an das Skript.

Noch seine exzellente Parade gegen Mario Gomez beim Stand von 0:1 habe er als weiteres Vorzeichen ins Elfmeterschießen mitgenommen, berichtete Buffon. Was dann passierte, empfand der Torwart als „schockierend“. Wie könne man bloß ein Elfmeterschießen hergeben, in dem der Gegner drei seiner ersten fünf Versuche vergebe, fragte er. ­

„Diese Jungs hinterlassen etwas Wichtiges“

Mythos gegen Mythos, deutsche Unbezwingbarkeit in Elfmeterschießen, italienische Unbezwingbarkeit gegen Deutschland – und dann teils so lausige Schüsse? „Das tut wirklich weh“, sagte Buffon. Vor allem, wo der Gegner doch als letzter großer Stein auf dem Weg zu Italiens erstem EM-Titel seit 1968 daherkam. „Ich will nicht sagen, dass es heute um den Pokal ging, aber um den halben Pokal schon“, sagte Buffon.

Bereits mit seinem Klub Juventus hatten er, Barzagli und einige andere diese Saison denkbar unglücklich in der Champions League gegen Bayern München verloren (2:2, 2:4 n.V.). Entgegen der Legende von der italienischen ­Siegermentalität häufen sich die ­tragischen Niederlagen, auch das erklärte wohl die Tränen.

Was bleibt, ist: die Dynamik. „Diese Jungs hinterlassen etwas Wichtiges“, sagte Conte: „Den Beweis, dass man über die Arbeit auch Ergebnisse erreichen kann, die am Anfang undenkbar schienen.“

Ausweg Chelsea für Conte

Auch der Trainer sprach von „etwas Magischem“, einer „schönen Familie. Ich werde sie immer im Herzen tragen“. Ein gewisse Melancholie war dem sonst so vulkanischen Coach jedoch anzusehen. Der 46-Jährige verlässt die Familie, er wechselt zum FC Chelsea nach London.

Ein logischer Schritt bei einer noch jungen Ausnahmebegabung wie ihm und eine schon vor Langem getroffene Entscheidung. Conte sah keinen anderen Ausweg aus den Verwerfungen seiner Amtszeit, dem angespannten Verhältnis zu Klubs und Presse. „Um ehrlich zu sein, habe ich mich nie von ­irgendwem unterstützt gefühlt.“

Das wäre jetzt anders, Italien liegt der Mannschaft zu Füßen, auch ohne Titel. Noch eine Parallele zu Deutschland 2006. Wie damals geht es nun in Italien um Kontinuität, darum, „die kleine Kriegsmaschine“ (Conte) zu pflegen.

Von unfähiger Truppe zum Panzerkreuzer

Beauftragter Trainer wird Giampiero Ventura (68) sein, ein Veteran kleinerer und mittlerer Vereine, der in Italien Ansehen für eine mutige Fußballphilosophie und sein gutes Händchen mit jungen Spielern genießt. Als „großartigen Motivator und Fußballlehrer“ beschrieb ihn ­Leonardo Bonucci: „Wir stehen ihm zur Verfügung, um den mit Conte begonnenen Weg weiterzugehen.“

Spieler-Rücktritte gibt es trotz eines Altersdurchschnitts von bis zu 31,5 Jahren in diesem Turnier nicht. Auch Buffon will die WM 2018 noch spielen. Als letzter verließ er in Bordeaux das Stadion. Es war kurz vor zwei Uhr, er weinte nicht mehr, haderte nur noch.

In „diese Bitternis” mischte sich allmählich ein gewisser Stolz. Schon die deutsche Taktik-Umstellung habe gezeigt, dass Italien international respektiert werde „Wir kamen als Heer von Franceschiello (die komödiantisch-unfähige Truppe des letzten sizilianischen Königs, d. Red.) und gehen als gefürchtete Panzerkreuzer.“ Vor allem aber habe man dem eigenen Land die „schöne Botschaft“ gesendet, dass „man jedes Hindernis überwinden kann“. Fast jedes zumindest.