EM2016

Oh Steffen, mein Steffen

Michael Färber über eine magische Nacht mit einem unüberhörbaren Schönheitsfehler. Und der hatte mit dem Fernseh-Moderator zu tun.

Moderierte das Spiel Deutschland gegen Italien: Steffen Simon

Moderierte das Spiel Deutschland gegen Italien: Steffen Simon

Foto: POP-EYE/Christian Behring / picture alliance / POP-EYE

Berlin.  Für den gerade elfjährigen Jungen war diese Nacht schon eine magische. Deutschland gegen Italien, irgendwie stand das ganze Land still, alle schauten in ihre Fernseher und lauschten der Stimme des Kommentators. Nur dieser Stimme entsprang nichts Positives. Das Spiel gab es einfach nicht her, Deutschland unterlag im WM-Finale 1:3.

Für Rudi Michel gab es an jenem zweiten Juli-Sonntag im Jahr 1982 wenig Euphorisierendes in die heimischen Stuben zu berichten. Das war am ersten Juli-Sonnabend dieses Jahres schon anders. Deutschland gegen Italien, wieder so eine magische Nacht, mit einem guten Verlauf für alle Sympathisanten der deutschen Mannschaft und einem verdient glücklichen Ende.

Wie hätte in Zeiten, da sich die Arbeit der Männer am Mikrofon schon längst nicht mehr auf das Nennen der Namen von Passgeber und -empfänger beschränkt, ein guter Kommentator die Massen mitreißen können. Doch Steffen Simon vermochte es in diesem rund drei Stunden dauernden Epos zwischen Weltmeister und Angstgegner nicht, die Spannung und Dramatik zu transportieren.

Deutsche Fans, die Italiener beleidigen, sind „lautstark“

Es muss nicht derart losgelöst sein wie bei Gudmundur Benediktsson, der sich halb entleibt ob der Sensationen, die seine Isländer aneinanderreihen. Doch wenn schon emotional nicht so elastisch wie „Gummi-Ben“, dann hätte ARD-Mann Simon doch mit der Methode des genauen Hinsehens brillieren können. Er scheiterte.

Bonuccis Elfmeterausführung zum Ausgleich sei „grenzwertig“ gewesen, darüber würde „viel diskutiert“; Simon setzte ein „dickes Fragezeichen“. Ein Ausrufezeichen wäre richtig gewesen ob der Richtigkeit des Strafstoßes. Zuvor, beim verzweifelten Versuch, doch so etwas wie Stimmung aus Bordeaux in die Heimat zu schicken („Die deutschen Fans sind da. Lautstark!“), gab es beharrliches Schweigen. Damit jeder die Schmähungen von den Rängen („Scheiß Italiener“) auch genau hören konnte?

Taktische Einschätzungen gingen ebenso oft ins Leere wie zahlreiche Pässe der Italiener, laut Simonschem Duktus angefeuert von den „Tifosi. Den italienischen“. Gibt es denn andere? Und als im Elfmeterkrimi ein „Die wollen uns fertig machen“ ins Ohr dröhnte, war klar: Da ist ihnen längst jemand zuvorgekommen.

Für den elfjährigen Jungen von 1982 hat sich nach 34 Jahren der große Traum erfüllt. Deutschland schlägt Italien. In einer magischen Nacht, die nur einen Schönheitsfehler hatte.