EM2016

„Was für eine Schande“: Belgien ist müde und frustriert

Belgien trauert nach Pleite gegen Wales seinen Chancen hinterher. Trainer Wilmots wird von Spielern kritisiert – und wird wohl gehen.

Marc Wilmots verlässt nach dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus gegen Wales das

Marc Wilmots verlässt nach dem enttäuschenden Viertelfinal-Aus gegen Wales das

Foto: Filip Singer / dpa

Lille.  Es sah schwer nach Abschied aus. Marc Wilmots (47) stand mit den Händen in den Hosentaschen im Regen von Lille und wartete auf seine Spieler. Als sie schließlich mit hängenden Köpfen in die Kabine schlichen, verabschiedete der Trainer jeden einzelnen per Handschlag. Belgiens EM-Aus im Viertelfinale dürfte gleichzeitig das Ende der Ära Wilmots gewesen sein – auch wenn der Mann, den sie als Profi bei Schalke 04 das „Kampfschwein“ nannten, nach dem 1:3 (1:1) gegen Wales nicht sofort aufgeben wollte.

„Ich werde meine Entscheidung nicht sofort treffen. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken“, sagte der müde und frustriert wirkende Coach kurz vor Mitternacht. Dann verließ er den stickigen Presseraum durch einen Seitenausgang.

Eigentlich besitzt Wilmots, seit rund vier Jahren im Amt, einen bis 2018 laufenden Vertrag, doch es waren wahrscheinlich seine letzten Worte als Coach der „Roten Teufel“, schließlich wurde die Nummer zwei der Fifa-Weltrangliste ihrer Rolle als Mitfavorit bei der EM nicht gerecht.

150.000 enttäuschte Fans

Das frühe 1:0 durch Radja Nainggolan (13. Minute) sollte am Freitagabend aus belgischer Sicht das einzige Highlight bleiben. Anschließend schossen Kapitän Ashley Williams (30.), Hal Robson-Kanu (55.) und Sam Vokes (86.) die Waliser ebenso überraschend wie verdient ins Halbfinale, wo am Mittwoch (21 Uhr) Portugal wartet.

Die 150.000 Fans, die zum Feiern aus Belgien ins nahegelegene Lille gekommen waren, traten noch in der Nacht enttäuscht die Heimreise an. Das Starensemble um Kevin De Bruyne, Eden Hazard und Thibaut Courtois folgte am Sonnabend.

Empfangen wurden die Rückkehrer von Schlagzeilen, die sie zu Versagern abstempelten. „Was für eine Schande“, schrieb etwa die Zeitung „Het Laatste Nieuws“ – und stellte die entscheidende Frage gleich mit in den Raum: „Adieu Wilmots?“

„So eine Chance bekommen wir nie wieder“

Die Antwort darauf gaben im Grunde die Spieler. Nach dem Aus wurde erneut deutlich, dass sich tiefe Gräben durch das Team ziehen. Es gibt das Lager der Wilmots-Freunde um Ersatzkapitän Hazard, das der Wilmots-Gegner mit Torwart Courtois, und das der Unentschlossenen, zu denen De Bruyne gehört. Mehr denn je drängte sich der Eindruck auf, dass die Mannschaft seit der EM-Absage von Anführer Vincent Kompany (Leistenverletzung) nicht mehr zusammengefunden hat.

So griff Courtois (24) wie schon nach der Auftaktpleite gegen Italien (0:2) den Trainer an. „Ich muss meine Worte vorsichtig wählen, denn ich will nicht alles zerstören“, sagte der Keeper des FC Chelsea, nur um die Kritik dann doch offen auszuwalzen. „Wir hatten die gleiche taktische Aufstellung wie gegen Italien, und wieder hat es nicht funktioniert“, wetterte er.

Die Enttäuschung saß tief, auch mit Blick auf den vermeintlich dankbaren Turnierbaum. „So eine Chance bekommen wir nie wieder“, meinte Courtois nach der „größten Enttäuschung meiner Karriere“.

„Ich bin kein Magier“

Hazard hingegen nahm Wilmots in Schutz. „Wir stehen alle hinter ihm. Wir hoffen, dass er weitermacht und wir zusammen in der Zukunft noch großartige Dinge erreichen“, sagte der Klubkollege von Courtois – wohl ohne Kenntnis der Aussagen des Torhüters.

Der frühere Wolfsburger De Bruyne wollte mit Blick auf Wilmots nicht konkret werden. Der erneut enttäuschende Offensivspieler richtete seinen Fokus auf die Mannschaft. „Wir haben bei der EM nicht unsere beste Leistung abgerufen“, sagte De Bruyne. „Wir müssen besser werden, wenn wir bei der WM in zwei Jahren etwas holen wollen.“

Dass Wilmots in Russland an der Seitenlinie stehen wird, glaubt der Trainer wohl selbst nicht mehr. Seine Aussagen klangen jedenfalls schon wie ein Fazit seiner Arbeit. „Ich bin kein Magier. Du kannst Erfahrung nicht ersetzen“, sagte Wilmots, der mit Belgien bei der WM 2014 im Viertelfinale gescheitert war (0:1 gegen Argentinien). Die Ausfälle in der Abwehr ließ er nicht unerwähnt, räumte jedoch ein: „Am Ende bin ich verantwortlich.“