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Frankreich hört ein Huh aus Island

Wie die unerschrockenen Wikinger an diesem Sonntag auch die Mannschaft des EM-Gastgebers stoppen wollen.

Dieser Jubel ist Kult bei der EM: Aron Gunnarsson (vorn) gibt die Kommandos und nimmt die Kollegen und Tausende Fans mit zum Huh

Dieser Jubel ist Kult bei der EM: Aron Gunnarsson (vorn) gibt die Kommandos und nimmt die Kollegen und Tausende Fans mit zum Huh

Foto: PierreLahalle / WITTERS

Paris/Berlin.  Es ist in diesen Tagen völlig sinnlos, eine Diskussion darüber anzetteln zu wollen, ob Islands Einzug ins EM-Viertelfinale wirklich die größte Fußball-Sensation seit ewigen Zeiten ist. Wo alle Welt weiß: Natürlich ist sie das!

Leben doch nur so viele Menschen auf der kompletten Vulkaninsel wie im Berliner Verwaltungsbezirk Neukölln, rund 330.000.

Und man stelle sich mal ganz kurz vor, Neukölln machte sich an diesem Sonntag (21 Uhr, ZDF) daran, Gastgeber Frankreich aus dem Wettbewerb zu kegeln. Absurder Gedanke, im Fall von Neukölln. Aber, sorry liebe Neuköllner, auch nur in dem Fall.

Langsam ist die Begeisterung gewachsen

Die wackeren Nordmänner glauben fest daran, dass es ihnen gelingen wird. Kein Wunder nach dem souveränen 2:1 im Achtelfinale gegen England. Dem Ausschalten Österreichs in der Vorrunde, den Unentschieden gegen Ungarn und Portugal. Mit ihrem Glauben sind sie inzwischen längst nicht mehr allein. Erst langsam und dann immer schneller ist die Begeisterung für diese unglaublichen Isländer gewachsen.

In den Stadien ebenso wie in den Wohnzimmern der Fernsehzuschauer, die schon deshalb den Außenseitern die Daumen drücken, weil sie sich immer so herrlich von ihrem Anhang verabschieden: Aufstellung nehmen in der Fankurve, die Hände zur Seite halten, dann über dem Kopf zusammenschlagen und laut „Huh“ brüllen.

Zehntausendfach hallt es durch die Arenen. Aber nicht nur Frankreich hört dieses „Huh“. Es ist der letzte Schrei überall: Ein Button bei morgenpost.de, der genau diese Szene und diesen Kampfruf zeigt, wurde schon über eine Million Mal gedrückt.

Gunnarsson mochte doppelte Manndeckung nicht

Der Mann, der dort im Mittelpunkt steht und wirklich so aussieht, wie man sich ein Wikinger-Mannsbild vorstellt, ist Kapitän Aron Gunnarsson, damit kommen wir zu den Legenden über das Team. Dieser Aron wollte Handball spielen, was Isländer noch besser können. Aber weil er so gut war, wurde er in doppelte Manndeckung genommen. Blöd – da spielte er lieber Fußball.

Oder Torwart Hannes Haldorsson, der als erfolgreicher Filmregisseur seiner sportlichen Karriere schon abgeschworen hatte und nebenbei einen Geisterthriller schreibt. Viel zu dick war er auch. Warum der jetzt hält wie der Teufel, versteht er vermutlich selbst nicht. Oder, oder, oder.

Bevor jetzt weiter das Lied der Legenden gesungen wird, sollte man kurz darüber nachdenken, ob es vielleicht kein Wunder ist, dass diese Mannschaft in Frankreich Erfolg hat. In der EM-Qualifikation haben die Isländer mit zwei Siegen die Niederlande ausgeschaltet, immerhin Europameister von 1988 und dreimal WM-Finalist. Auch die Türkei und Tschechien hat die Elf des schwedischen Trainers Lars Lagerbäck in jener Runde bezwungen. An der Qualifikation für die WM in Brasilien 2014 war das Team im Play-off nur knapp an Kroatien gescheitert.

Mehr als 100 Fußballprofis spielen im Ausland

Seit Lagerbäck 2011 auf die Insel kam, die nur 300 Kilometer von Grönland, aber 1100 Kilometer vom europäischen Festland entfernt liegt, und auf ein so schlichtes wie effektives 4-4-2-System setzte, hat sich die konditionsstarke Mannschaft immer weiter verbessert.

Mit Spielern, die längst ihr Geld im Ausland verdienen. Mittlerweile tun das mehr als 100 isländische Fußball-Profis, und nicht nur in unbedeutenden Ligen.

Gylfi Sigurdsson etwa kassiert bei Swansea City in der Premier League ein Millionengehalt; er und seine bildhübsche Freundin Alexandra Helga Ivarsdottir gelten als die Beckhams Islands. Abwehrrecke Ragnar Sigurdsson, zurzeit beim FK Krasnodar unter Vertrag, wird vermutlich nach der EM in dieselbe Liga wechseln. Aus der Bundesliga sollen Schalke und Wolfsburg Interesse haben – nur Sigurdsson leider nicht.

Staatspräsident stellt sich mit in die Fankurve

Deshalb spricht großes Selbstbewusstsein aus ihren Kommentaren vor dem Frankreich-Spiel. „Isländer haben vor niemandem Angst“, sagte Gylfi Sigurdsson im Namen aller. Glaubt nur nicht jeder. Noch nicht.

Frankreichs Schwimm-Olympiasieger Yannick Agnel zum Beispiel will, sollte Island gar den Titel holen, um die Vulkaninsel herumschwimmen. Assistenztrainer Heimir Hallgrimsson konterte keck: „Würde ich ihm nicht empfehlen.“

Er stichelte ein bisschen weiter, als er meinte, die Partie gegen die Franzosen sei „das wichtigste Spiel der isländischen Fußball-Geschichte“. Um zu ergänzen: „Und das Spiel, das danach kommt, wird dann wieder das wichtigste sein.“

Die Franzosen können sich auf einen Kontrahenten einstellen, der sie von Beginn an attackiert, genau wie zuletzt die überforderten Engländer. Es scheint alles bereitet zu sein für ein spannendes Viertelfinale des unerschrockenen David gegen den nervösen Goliath. An seinem Hochzeitstag will sogar Staatspräsident Gudni Johannesson sich in die Kurve der Isländer stellen. Dieses „Huh“ will auch er sich nicht entgehen lassen. Einspruch seiner Gattin? Völlig sinnlos!