Euro2016

Zu erfolgreich: Waliser muss auf Beyoncé-Konzert verzichten

Wales feiert nach Sieg über Belgien größten Triumph der Fußball-Geschichte. Für das Halbfinale nehmen die Spieler private Opfer hin.

Ekstase pur: Die walisischen Nationalspieler feiern ihren Viertelfinal-Coup gegen Belgien vor den mitgereisten Fans

Ekstase pur: Die walisischen Nationalspieler feiern ihren Viertelfinal-Coup gegen Belgien vor den mitgereisten Fans

Foto: Carl Recine / REUTERS

Bordeaux/Lille.  Vor Turnierbeginn hat Aaron Ramsey sehnsüchtig an die großen Rugby-Matches von Wales erinnert. „Ich weiß, wie es ist, wenn das ganze Land stillsteht. Ich würde nicht sagen, dass ich neidisch bin, aber so etwas möchte ich auch mal erleben.“ Eine historische Nacht, stundenlange Staus am Eurotunnel und eine Glückwunschadresse des britischen Premierministers später lässt sich resümieren: Aaron Ramsey kennt das Gefühl jetzt ganz gut.

„Fantastisch“, schrieb Noch-Staatschef David Cameron, der für dieses Wort schon länger keinen Anlass mehr hatte. Aber was sollen erst die drei Millionen Waliser sagen? Sie hatten ja 58 Jahre gewartet. Auf die Teilnahme an einem großen Fußball-Turnier, auf ein Viertelfinale. Am 19. Juni 1958 scheiterten die „Drachen“ in Göteborg mit 0:1 an Brasilien. Ein gewisser Pelé schoss sein erstes WM-Tor. Am Freitag in Lille erlebte er seine Reinkarnation in Thomas Henry Alex „Hal“ Robson-Kanu.

Wobei Fußball-Historiker das Copyright seiner Finte eher der niederländischen Fußball-Ikone Johan Cruyff zuschreiben. Sei’s drum. Wie um alles in der Welt sollten die belgischen Verteidiger ahnen, was dieser Robson-Kanu in der 55. Minute plante?

Mit einer Pirouette is Leere laufen gelassen

Er ist nach einigen Jahren beim Zweitligisten Reading ja derzeit vereinslos, und gibt bei Wales vor allem den Zuarbeiter; ein selbstloser Rammbock für die Kreativspieler Ramsey und Gareth Bale. Thomas Meunier, Marouane Fellaini und Jason Denayer bewegten sich also nach rechts, wo der aufgerückte Joe Allen heranrauschte, als Robson-Kanu am Elfmeterpunkt den Ball erhielt. Mit einer Pirouette ließ sie der 27-Jährige alle ins Leere laufen, legte sich den Ball selbst vor und erzielte das entscheidende Führungstor zum 2:1.

Robson-Kanus unwahrscheinliches Heldenstück versinnbildlicht, in welchen Rausch sich Wales bei diesem Turnier gespielt hat. Wie es sich über Erwartungen und Logik hinwegsetzt. Am Ende war der Sieg gegen den hoch gehandelten Weltranglisten-Zweiten geradezu komfortabel, 3:1 (1:1) trotz frühen Rückstandes.

Ähnlich wie Island zeigen die Waliser, was im immer ausgeglicheneren Länderfußball die Kraft eines Traums bewirken kann, aber anders als Island spielen sie bisweilen auch richtig guten Fußball (klar, sie sind ja immerhin zehn Mal so viele). In puncto Teamgeist und Taktik waren sie den konfusen Belgiern sowieso haushoch überlegen.

Hochzeit des Bruders in Mexiko verpasst

„Wenn man ans Limit gezwungen wird, findet man eine Menge über sich heraus“, hatte Trainer Chris Coleman schon vor der K.o.-Runde gesagt. Seitdem verschiebt seine Mannschaft ihre Grenzen einfach immer weiter nach oben.

„Das ist die größte Nacht in der Geschichte des walisischen Fußballs, das beste Resultat, aber vor allem war es die beste Leistung“, frohlockte Ryan Giggs, Idol der heutigen Spielergeneration, der es selbst nie zu einem Turnier schaffte. „Man träumt von solchen Nächten, daran beteiligt zu sein, ist ein unglaubliches Glück“, sagte Coleman. Das Halbfinale gegen Portugal? „Völliges Neuland.“

Wieder werden tausende Fans also ihre Pläne ändern müssen, Rückflüge stornieren, Kanalüberfahrten buchen. Mittwoch, 21 Uhr, Lyon: Sie werden es gern tun. So wie Verteidiger Chris Gunter gern die Hochzeit seines Bruders in Mexiko verpasste – der ist zwar großer Wales-Fan und war zur Vorrunde in Frankreich, nicht im Traum wäre er jedoch darauf gekommen, dass ein Termin danach mit irgendetwas kollidieren könnte.

Oder wie sich Neil Taylor das Beyoncé-Konzert in Cardiff gern schenkte – seine Frau rief den Außenbahnspieler vorige Woche mit der Nachricht an, dass er die Tickets wohl umsonst gekauft hatte. Ihr Mann sagt, „ich habe nicht mal auf das Datum geachtet“. Events im Sommer? Da hatte ein Waliser Fußballer sonst doch immer Zeit.

Top-Vorbereiter Ramsey muss gegen Portugal zusehen

Soweit die Romantik. Für das von einem EM-Halbfinale eher bekannte Star-Ballyhoo wird in Lyon das Duell zwischen den beiden Real-Madrid-Galácticos Cristiano Ronaldo und Gareth Bale sorgen. Wobei es Bale sichtlich genießt, in seinem Nationalteam als einer unter vielen aufzugehen.

Gegen Belgien traf er nicht, lieferte aber so uneigennütziges Teamwork, dass man ihm auch Sätze abnimmt, die seinem portugiesischen Klubkollegen wohl nie über die Lippen gehen würden. „Es geht nur ums Team. Ob ich Tore schieße oder Preise gewinne, ist irrelevant. Ich spiele gerne jedes Mal den letzten Dreck, wenn wir dafür so weit wie möglich kommen.“

Beim letzten Schritt ins Finale wird er allerdings auf seinen besten Partner verzichten müssen. Der omnipräsente, nicht nur mit seinen Turniertorvorlagen drei und vier überragende Ramsey fehlt dann wie Flügelspieler Ben Davies nach der zweiten Gelben Karte.

Nicht nur Coleman findet es „etwas hart“, dass zwei Verwarnungen in fünf Partien – keine allzu skandalöse Quote – zu einer Sperre für so ein wichtiges Match führen. Der Party tat das natürlich keinen Abbruch. „Don’t take me home“, ihren EM-Gassenhauer, schmetterten die Fans. „Nimm’ mich nicht mit nach Hause“, sangen auch die Spieler. Für Wales könnte diese EM ewig weitergehen.