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Die "Equipe Tricolore" wartet noch auf den großen Auftritt

Mit mäßigen EM-Leistungen steht Superstar Paul Pogba sinnbildlich für Frankreichs Team. Nun beschwören die Gastgeber den Teamgeist.

Foto: Marius Becker / dpa

Paris.  Paul Pogba hebt den Kopf, seine Augen blitzen auf. Sein rechter Oberschenkel, der den Umfang eines kleineren Eichenstammes hat, schnellt nach vorn, Vollspann, perfekter Treffpunkt – krachend schlägt der Ball im Winkel ein. Pogba tanzt wie er fast immer tanzt nach Toren – allerdings nur im Trailer zum Videospiel „Fifa 17“.

Bei der EM hingegen, wo die „Equipe tricolore“ heute im Viertelfinale auf das Sensationsteam aus Island trifft (21 Uhr, ZDF), ist der Superstar der Franzosen weitgehend unsichtbar.

Nicht nur auf, auch neben dem Platz – „das Phantom“ nennt ihn die französische Nachrichtenagentur AFP inzwischen. Sie stellt fest: Seit der Zusammenkunft der Nationalmannschaft am 17. Mai ist Pogba auf keinem einzigen Pressetermin erschienen.

Nur gegen die Schweiz trumpft der 23-Jährige auf

Wenig Präsenz für jemanden, der eigentlich das unverkennbare Gesicht des Turniers werden sollte. Groß in Erscheinung trat er nur im letzten Gruppenspiel gegen die Schweiz (0:0). Der 23-Jährige, der so wunderbar kraftvoll antreiben kann, wollte es allen zeigen, spielte wahnsinnig gute erste 20 Minuten. Ein Schuss tropfte auf die Querlatte, danach rettete Torwart Yann Sommer grandios, ein weiterer Versuch ließ das Aluminium erneut erzittern. Aber: Das war’s.

Die EM-Helden der Franzosen heißen bislang Dimitri Payet und Antoine Griezmann, und eine ganze Nation fragt sich: Was hat Pogba vom Weg abgebracht? Die Diskussion über eine obszöne Geste während des EM-Spiels gegen Albanien (2:0), Höhepunkt einer Fehde mit der Sporttageszeitung „L’Equipe“? Die Transfergerüchte über Unsummen, mit denen Real Madrid und Manchester United wedeln? Die gewaltige Erwartung?

Man weiß es nicht so recht, denn Paul Pogba redet ja nicht. Dafür redet sein Vater. Fassou Antoine Pogba sagt, sein Sohn sei der italienischen Serie A entwachsen. Das große Juventus Turin werde ihm zu klein. „Paul will in einer besseren Liga spielen.“

Kapitän Lloris appelliert ans Kollektiv

Ob ein direkter Zusammenhang zu Pogbas bislang enttäuschenden EM-Leistungen besteht, sei dahingestellt, doch vor dem Viertelfinale beschwören die Franzosen mehr denn je den Teamgeist.

„Es reicht nicht, eine große Nation zu sein und schönen Fußball zu spielen“, mahnt Kapitän und Torwart Hugo Lloris. „Wenn wir mit dem Gefühl rausgehen, wir haben mehr Talent, wir sind besser, dann wird das nicht funktionieren.“ Kopf und Kollektiv – genau das, was Gegner Island so stark macht, soll nun auch dem Gastgeber helfen.

„Wir haben viel Respekt vor dem, was Island erreicht hat“, sagt Trainer Didier Deschamps, der auf zwei Stammkräfte verzichten muss. Innenverteidiger Adil Rami, der wohl vom Länderspieldebütanten Samuel Umiti ersetzt wird, fehlt genauso gelbgesperrt wie N’Golo Kanté.

Leicesters Erfolgsgarant Kantè fehlt gesperrt

Der Sechser zählt zu den Spielern, die Pogba sonst den Rücken freihalten. Beim englischen Überraschungsmeister Leicester City pflügte der 25-Jährige zuletzt so dominant durch das Mittelfeld, dass er Protagonist eines Witzes wurde. 71 Prozent der Erde seien von Wasser bedeckt, heißt es in dem Gag, die restlichen 29 Prozent decke Kanté ab.

Gegen die körperlich starken Isländer werden nun andere die Arbeit verrichten müssen. Allen voran Pogba – so zumindest die Hoffnung der französischen Fans. Spiel für Spiel warten sie auf die Explosion des Mannes, der bei der EM das Erbe des großen Zinédine Zidane antreten sollte. Bisher blieben seine Auftritte mäßig. Weit entfernt von denen in Videospielen.