Viertelfinale

Was Mats Hummels von Italien gelernt hat

Verteidiger Mats Hummels hat seine Spielweise seit 2012 verändert. Revanchegelüste gegen die Italiener kommen bei ihm jedoch nicht auf.

Mats Hummels (l.) hält zusammen mit Jerome Boateng dei deutsche Abwehr zusammen. Der Pole Arkadiusz Milik bekam dies im Gruppenspiel auch zu spüren

Mats Hummels (l.) hält zusammen mit Jerome Boateng dei deutsche Abwehr zusammen. Der Pole Arkadiusz Milik bekam dies im Gruppenspiel auch zu spüren

Foto: Matthias Hangst / Getty Images

Bordeaux.  Am Dienstag ist Mats Hummels ein Risiko eingegangen. Der deutsche Nationalverteidiger sprang zum ersten Mal in seinem Leben vom Zehn-Meter-Turm. „Da hatte ich Schiss ohne Ende“, sagt der 27-Jährige. Risiko, das ist auch ein Stichwort, als er zum Interview erscheint. Vor dem EM-Viertelfinale gegen Italien am Sonnabend in Bordeaux spricht Hummels über einen folgenschweren Fehler vor dem EM-Aus 2012 und Ringkämpfe bei den Italienern.

Herr Hummels, haben Sie noch Erinnerungen an den 4. Juli 2006? Damals verlor Deutschland das WM-Halbfinale gegen Italien.

Mats Hummels: Das war eine echt heftige Niederlage damals. Ich kann mich noch gut daran erinnern. Ich habe es mit einer Gruppe von Freunden aus einem Münchner Vorort in einem Biergarten gesehen. Das 0:2 habe ich schon gar nicht mehr mitbekommen, weil ich mich frustriert auf den Heimweg gemacht hatte. Das tat jedem Fan damals weh, auch weil die WM im eigenen Land bis dahin so wunderschön war.

Die Liste schmerzhafter Niederlagen Deutschlands gegen Italien ist lang. Sie haben als Profi auch schon eine erlebt, 2012 im Halbfinale bei der EM.

Das ist jetzt fast auf den Tag genau vier Jahre her. Mario Balotelli hat das vor wenigen Tagen irgendwo gepostet...

Balotelli schoss damals beide Tore. Hat es Sie erschreckt, daran erinnert zu werden?

Nein. Niederlagen und Fehler passieren, damit muss man sich abfinden. Aber natürlich denke ich nicht mit positivem Gefühl daran zurück, auch weil ich damals erstaunt war, wie heftig diese Niederlage mir wegen einer zugelassenen Flanke angekreidet wurde.

Sie verloren einen Zweikampf an der Außenlinie gegen Antonio Cassano, was zum 0:1 führte.

Das 0:2 wurde in der öffentlichen Wahrnehmung komplett außen vor gelassen. Damals habe ich gelernt, dass Berichterstattung nicht immer fair sein muss. Es hilft zu wissen, dass manche Medien in ihren Bewertungen immer übertreiben. Wichtig ist, dass man selber richtig einschätzt, was warum passiert ist. Man darf sich weder vom positiven Hype noch von Negativgeschichten beeinflussen lassen.

Würden Sie zustimmen, dass der Nationalelf die beiden Treffer von damals so nicht mehr passieren würden? Der zweite Treffer fiel nach eigenem Eckball.

Diese Art von Gegentreffern können immer passieren, leider. Nur weil man die Sache einmal falsch gemacht hat, heißt ja nicht automatisch, dass sie nicht noch einmal falsch laufen kann. Aber bezogen auf mich und diese spezielle Situation gegen Cassano mag das stimmen. Ich würde den Zweikampf heute ganz anders bestreiten – weniger auf Ballgewinn ausgerichtet, sondern darauf, das Tor zu verteidigen. Früher musste bei mir jeder Zweikampf ein Ballgewinn sein. Das war extrem. Heute würde ich das anders machen. Deswegen hat so ein einzelner Zweikampf bezogen auf die Zukunft schon Einfluss, weil ich in dem Fall mein Verhalten überdacht habe. Das war mir eine Lehre. Trotzdem kann man nie ausschließen, dass es noch mal vorkommt.

Also haben Sie Ihre Spielweise als Konsequenz damals umgestellt?

Bis zu diesem Gegentor hatte ich das Gefühl, richtig gut in diesem Spiel zu sein. Ich hatte vorn eine Chance, hatte hinten Balotelli den Ball abgelaufen. Da dachte ich in dieser Situation vor dem Tor: Okay, jetzt machst du alles, jetzt gewinnst du den Ball und leitest sofort den nächsten Angriff ein.

Übermut?

Jedenfalls wurde es bestraft, und das gab auch den Ausschlag für diesen Wandel in meinem Spiel.

Empfindet man als Verteidiger eigentlich automatisch Zuneigung für italienische Abwehrkunst?

Ja, immer schon. Chiellini und Bonucci finde ich besonders gut. Die sind nah dran am Ideal, weil sie die beste Kombination mitbringen: knallharter Verteidiger und geiler Zocker. Als wir uns zusammen das Spiel Italien gegen Spanien angeschaut haben, haben wir geschmunzelt, weil man da vor jeder Ecke einen kleinen Ringkampf im Strafraum beobachten konnte. Das ist nicht negativ gemeint, das ist cool. Die Jungs verteidigen robust, sind aber eben auch herausragende Fußballer.

Sie haben mal gesagt, dass Sie lieber fünf Mal großartig spielen und dann dramatisch im Halbfinale ausscheiden, als sich mit 1:0-Siegen zum Titel zu würgen. Würden Sie das heute wieder sagen?

Dabei ging es mir um den Gedanken, dass die Chance deutlich größer ist zu gewinnen, wenn du richtig gut spielst und nicht auf Glück angewiesen bist. Aber auch da habe ich etwas gelernt. Denn am Ende muss man sagen: Wenn man einen Pokal in der Hand hält, ist das noch schöner.

Beim Italien-Spiel werden Sie erstmals offiziell Bayern-Profi sein. Ihr Vertrag ist ab dem 1.7. gültig. Kommt Wehmut auf?

Für das Spiel ändert das nichts. Aber natürlich bringt die ganze Geschichte eine große Portion Wehmut mit sich – allerdings eine schöne, positive Wehmut, weil es durchweg eine schöne Zeit in Dortmund war.

Abgesehen vielleicht von Ihrem Abschied. Fühlen Sie sich von Teilen der Fans ungerecht behandelt?

Ich könnte das beantworten, aber ich tue es lieber nicht.

Haben Sie nicht das Gefühl, nach acht sehr erfolgreichen Jahren mehr verdient zu haben als wüste Beschimpfungen?

Es hat mich gewundert, weil ich nie der war, der gesagt hat, dass ich für immer bleibe. Ich habe gesagt, ich entscheide in jedem Sommer neu, worauf ich Lust habe. Im vergangenen Jahr hatte ich bereits bekannt gegeben, dass ich mir Gedanken über meine Zukunft mache. Es gab aber dann die Leute, die meine Aussagen von 2013 herangezogen haben. Doch selbst die sind – wenn man sie genau durchliest – noch immer sinnvoll und stimmig.

Welche waren das?

Ich habe damals gesagt, dass es sportlich keinen Grund gibt, von Dortmund nach München zu gehen. Es wäre schön gewesen, wenn ich das auch für die letzten vier Jahre sagen könnte. Aber da stehen wir aus Dortmunder Sicht bei null zu acht, was die Titel angeht. Und ich habe damals auch gesagt, dass ich nicht so früh wechseln wollen würde. Aber auch dieser nicht ganz unwichtige Punkt ist jetzt vollkommen ignoriert worden. Drei Jahre sind seitdem vergangen. Deswegen waren diese Vorwürfe, die dann aufkamen – Heuchler, Verräter, Lügner – schon enttäuschend für mich. Das stimmt einfach nicht. Ich war dem Verein, den Verantwortlichen und den Mitspielern gegenüber immer sehr offen gegenüber.

München ist Ihre Heimat. Das ist oft als Grund für den Wechsel vermutet worden. Haben Sie selbst Ihre Gründe dargelegt?

Es gab für beide Seiten so unglaublich viele Gründe, und ich möchte jetzt nicht mehr alle einzeln aufdröseln. Am Ende wusste ich relativ früh, dass Ilkay (Gündogan, d. Red.) geht, und ich wusste auch von Mickis (Henrikh Mkhitaryan, d. Red.) Absichten. Das hat auch mit reingespielt.

Ein prominentes Trio verlässt den BVB. Ist das eine Zeitenwende?

Das sieht schon nach einem kleinen Umbruch aus, aber weiterhin verfügt Dortmund über eine hochtalentierte Truppe. Es ist sicher eine vielversprechende Mannschaft aufgrund der Tatsache, dass so viele junge Spieler dabei sind.

Sie haben gesagt, dass Ihnen die Niederlage im WM-Halbfinale 2006 weh getan habe. Nun könnte man doch Revanchegelüste haben.

Revanchegelüste habe ich nicht. Im Profifußball verliert man manchmal, da würde man in jedes dritte, vierte Spiel mit Rachegedanken gehen. Aber ich sage Ihnen etwas: Ich würde dieses Spiel einfach sehr gern gewinnen.