Sportpsychologie

Gewinnen beginnt im Kopf

Erfolgreiche Arbeit beim DFB-Team fördert die Akzeptanz von Sportpsychologen. Mit gezielt gesteuerten Gedanken läuft vieles leichter.

Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch mit Hans-Dieter Hermann, dem Team-Psychologen

Bundestrainer Joachim Löw im Gespräch mit Hans-Dieter Hermann, dem Team-Psychologen

Foto: Marvin Guengoer / picture alliance / GES/Marvin Gu

Berlin.  Auf die Nerven kommt es jetzt an. Flattern sie, oder sind sie so strapazierbar wie Drahtseile. Wie gut es um die Kontrolle der eigenen Gedanken bestellt ist, entscheidet mit darüber, wie ein Spiel ausgeht. Je weiter es in einem Turnier geht, desto mehr steigt die Anspannung. Desto wichtiger ist es, klar im Kopf zu bleiben.

Sich darum zu kümmern ist beim deutschen Nationalteam die Aufgabe von Hans-Dieter Hermann. Er ist Sportpsychologe. Damit gehört er zu einer Spezies, die in den vergangenen Jahren eine immer wichtigere Funktion übernommen hat. „Akzeptanz und Anerkennung der Sportpsychologie im Spitzensport sind viel größer geworden“, erzählt Markus Flemming. Er arbeitet selbst auf dem Gebiet. In der jüngeren Vergangenheit wurde viel Aufklärungsarbeit geleistet bezüglich dessen, was Sportpsychologie bringen kann. Flemming betrachtet sie als „Instrument zur Optimierung der Leistung“, als Mosaikstein, wenn es darum geht, das Beste aus einem Sportler herauszuholen.

Klinsmann als Wegbereiter

Diesen Gedanken brachte einst Jürgen Klinsmann in seiner Zeit als Bundestrainer zum DFB. Er holte Hermann Ende 2004 zum Nationalteam. „Mit dem, was dann bei der WM 2006 passiert ist, wurde der große Boom der Sportpsychologie ausgelöst“, erzählt Flemming. Klinsmann stand für Kommunikation, dafür, sich Neuem zu öffnen. Sportpsychologie war Teil dessen, damit ging Klinsmann offensiv um. Der Erfolg des Teams, mit dem auch Hermann verbunden war, bereitete dieser Disziplin den Weg.

Flemming und Hermann stehen sich nah, beide führen gemeinsam mit weiteren Kollegen ein Institut. In Berlin arbeitet Flemming seit zehn Jahren mit dem Eishockeyklub EHC Eisbären zusammen, er berät die Eishockey-Nationalmannschaft, ebenso das Basketball-Nationalteam. Was ihm nicht gefällt, ist dieses „Tschakka“-Image, das Sportpsychologen ab und an noch haben. „In der Kabine stehen und brüllen, das machen wir nicht,“, erzählt er. Motivation läge vor allem in der Verantwortung eines jeden Sportlers selbst.

Sportpsychologen versuchen, „Motivation umzuwandeln in Vertrauen und Stärkenorientierung“, so Flemming. Er war einst selbst Profisportler, Eishockey-Torwart, und er hatte eine Zeit lang erhebliche Probleme damit: „Es geht in vielerlei Hinsicht um Druck und Stress. Es fällt nicht jedem immer leicht, vor so vielen Zuschauern seine Leistung abzurufen. Ich habe mir früher darunter gelitten.“ Als Flemming in Mannheim spielte, lernte er Hermann kennen. Er half ihm, alles besser einzuordnen.

Nicht mit Negativem beschäftiten

Wichtig ist vor allem der Mensch hinter dem Athleten. Ihn zu begleiten, die Aufgabe. Dabei können die Sportpsychologen auf bestimmte Instrumente zurückgreifen. Die gezielte Gedankenregulierung etwa zählt dazu. Normal laufen die Gedanken unbewusst ab, man erkennt nicht unbedingt dabei, dass man sich im Kopf mit Dingen beschäftigt, die einen hemmen. „Weil man Misserfolg vermeiden will und darüber nachdenkt, was man hoffentlich gleich nicht tut, fokussiert man sich voll auf das Negative“, so Flemming.

Durch die Regulierung wird einem das bewusst gemacht und daran gearbeitet, das umzutrainieren. „Das geht nicht schnell, weil es schwieriger ist, etwas umzulernen als neu zu lernen.“ Erkennen, verändern, trainieren – von kleinen Situationen bis hin zu kritischen. Wenn es sitzt, wird ein Athlet ruhiger, gelassener. Er kann besser mit Stress umgehen, Leistung zuverlässiger abrufen.

Für solch umfassende Prozesse bleibt bei einem Turnier keine Zeit. „Da sollten die Spieler schon alle Werkzeuge kennen und präventiv damit arbeiten“, erzählt Flemming. Das kann auch einem Weltmeister, der mit dem Gedanken in eine EM geht, diese nun gewinnen zu müssen, nur gut tun. Denn solche Denkweisen können bedrohlich auf einen selbst wirken.

Loslassen vom Sport

Durch die antrainierte Steuerung der Gedanken kann das ins Positive umgedeutet, das Bewusstsein in die richtige Richtung gelenkt werden und letztlich Sicherheit geben. „Wir sind der Weltmeister, wir sind richtig gut!“ Natürlich sei auch während einer WM oder EM mal ein Einzelgespräch dabei. Oft ist es bei Turnieren wichtig, dass die Sportler den Fokus weg vom Sport auf andere Dinge zu lenken.

Überhaupt sei das ein nicht unbedeutender Punkt. „Ein Spieler muss auch mal loslassen können, von Sorgen erzählen, die vielleicht mit dem Sport nichts zu tun haben“, so Flemming, der bemängelt, dass nicht immer gesehen wird, dass es immer auch Menschen sind, die diesen Sport betreiben. „Weil sie viel verdienen, denken die Leute, sie haben ein tolles Leben. Aber so einfach ist es nicht, es ist nicht nur ein toller Job, sondern auch ein harter“, sagt Flemming.