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Wie Mario Balotelli ins Abseits geraten ist

2012 schießt der italienische Stürmer Deutschland mit zwei Toren aus der EM. Inzwischen setzt er nur noch im Internet Akzente.

Foto: Marcus Brandt / dpa

Montpellier.  Ein Schuss wie ein Kinnhaken und dann diese Pose. Kein Lächeln und kein Freudenschrei, kein Jubel mit den Fans, die auf der Tribüne längst durchdrehten vor Glück, nein, nicht einmal ein Gruß. Stattdessen riss sich Mario Balotelli einfach sein blaues Trikot vom Leib, spannte die Muskeln an und mutierte zur menschlichen Statue. 1,89 Meter grimmige Entschlossenheit – ein Bild für die Ewigkeit.

Vier Jahre ist es her, dass der italienische Stürmer Deutschland aus den Titelträumen riss. Im EM-Halbfinale von Warschau gelangen ihm in nur 16 Minuten zwei Tore (20., 36.), erst per Kopf, dann durch besagten Gewaltschuss aus 16 Metern genau in den Winkel.

Wie ein Film-Bösewicht, der die Welt in Brand gesetzt hat

Als Balotelli anschließend zur großen Geste griff, erinnerte er an einen Film-Bösewicht, der soeben die Welt in Brand gesteckt hatte. Schaut her, all ihr Zweifler, die ihr mich seit Jahren kritisiert, ihr werdet mich nicht aufhalten! Mit 21 Jahren schien Balotelli das, was sein ungeheures Talent versprach, endlich einzulösen. Mehr noch: Er schien auf dem besten Weg in den Fußball-Olymp.

Inzwischen macht es eher den Anschein, als nähere sich Balotelli (25) dem fußballerischen Fegefeuer. Seine Treffsicherheit ist ihm längst abhandengekommen, seinen Hang zum Größenwahn hat er sich hingegen bewahrt. Die Folge: Der FC Liverpool, bei dem er einen Vertrag bis 2018 besitzt, hat genauso wenig Interesse an seinen Diensten wie der AC Mailand, der den bulligen Angreifer vergangene Saison auslieh.

Marktwert sinkt von 32 Millionen auf sieben

Längst gilt Balotelli als schwer vermittelbar. Sein Marktwert ist von 32 Millionen Euro (2012) auf sieben gesunken. Berater Mino Raiola bemüht sich, ihn bei Besiktas Istanbul unterzubringen – dort, wo die Karriere von Mario Gomez wieder in Schwung kam.

Auf dem Trainingsplatz an der Avenue Albert Einstein in Montpellier, wo sich Italiens Nationalteam auf das Viertelfinale gegen Deutschland am Sonnabend (21 Uhr, ARD) vorbereitet, sucht man Balotelli vergeblich. Daran, dass er mit zur EM fahren würde, hatte wohl nur einer geglaubt: Mario Balotelli.

Gegenpol zu Nationaltrainer Conte

„Ich kann es kaum abwarten“, verkündete er nach der Gruppenauslosung, obwohl er seit der WM 2014 kein Länderspiel mehr absolviert hatte. Die Replik von Nationaltrainer Antonio Conte (46) ließ nicht lange auf sich warten: „Er kann was kaum erwarten? Die EM im Fernsehen zu sehen oder sie zu spielen?“

Balotelli und Conte, der seit 2014 im Amt ist – das scheint nicht passen. Während der Coach Teamgeist und Disziplin zu den höchsten Gütern erkoren hat, verkörpert Balotelli das Gegenteil. Sein Image des wankelmütigen Egozentrikers hat er mit endlosen Eskapaden in Stein gemeißelt.

Das EM-Parkett entert der Stürmer nur per Instagram

Er warf Dartpfeile auf Nachwuchsspieler, steckte sein Haus mit Feuerwerkskörpern in Brand und fuhr eine Luxuskarosse nach der nächsten kaputt. Mätzchen, die seine Trainer genauso zur Weißglut trieben wie sein mangelnder Trainingseifer.

Doch solange neben seinem Wahnsinn auch seine Genialität aufflackerte – seine Technik, Dynamik und Abschlussstärke –, hielten sie an ihm fest. Zuletzt vergeblich: In Mailand gelang ihm in 20 Einsätzen nur ein Treffer. Super-Mario nennt ihn niemand mehr.

Irgendwie enterte Balotelli in dieser Woche doch noch das EM-Parkett. „Ich wäre sehr gerne in Frankreich dabei gewesen, aber ich muss sagen, dass mir die Jungs als Fan zu Hause richtig Spaß machen“, schrieb er bei Instagram. Mit Blick auf das Duell gegen Deutschland fügte er hinzu: „Und jetzt lasst sie uns respektieren, aber sie noch einmal fertigmachen.“ Mehr als markige Worte hat das DFB-Team von Balotelli diesmal nicht zu befürchten.